Wirtschaft



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16.07.2004
 

IG-Metall-Chef Peters im Interview

"Wir werden unsere Standards verteidigen müssen"

Angesichts immer neuer Forderungen der Arbeitgeber sind die Gewerkschaften mächtig unter Druck geraten. SPIEGEL ONLINE sprach mit IG-Metall-Chef Jürgen Peters über Reformbereitschaft, Konkurrenz aus Osteuropa, neue Linksparteien und die "Steinkühler-Pause".

IG-Metall-Chef Peters: "Wo haben die denn ihren Kopf"
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SPIEGEL ONLINE

IG-Metall-Chef Peters: "Wo haben die denn ihren Kopf"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Peters, wie viele Stunden haben Sie diese Woche gearbeitet?

Jürgen Peters: Das kann ich nicht genau sagen, aber wenn Sie darauf anspielen, wie lang meine Arbeitswoche als Vorsitzender der IG Metall ist: Es sind genau 35 Stunden. Daneben arbeite ich noch einige Stunden ehrenamtlich für meine Gewerkschaft.

SPIEGEL ONLINE: Indirekt haben Sie Ihre Arbeitszeit also auch schon verlängert?

Peters: Meine Tätigkeit ist ehrenamtlich, das ist ein entscheidender Unterschied.

SPIEGEL ONLINE: Wieso sollen andere nicht auch länger arbeiten dürfen, wenn sie am Ende des Monats den gleichen Lohn erhalten? Auf die halbe Stunde kommt es doch nun wirklich nicht an.

Peters: Nennen wir die Sache doch beim Namen. Den Arbeitgebern geht es nicht um eine Verlängerung der Arbeitszeit, sondern um eine indirekte Lohnsenkung. Aus ihrer Sicht ist das ganz einfach, weil sie sich überhaupt keine Gedanken darüber machen müssen, ob dadurch zusätzliche Arbeitslosigkeit entsteht oder nicht. Wir werden es am Beispiel Siemens sehen, wo das hinführt. Die müssen jetzt für fünf Stunden neue Arbeit ranschaffen. Ich weiß gar nicht, wo die herkommen soll. Die Folge wird sein, dass möglicherweise befristete Arbeitverhältnisse nicht fortgesetzt werden. Die dadurch entstehende Arbeitslosigkeit wird die Sozialkassen zusätzlich belasten. Dann haben wir die Diskussion in wenigen Jahren wieder auf der Tagesordnung.

SPIEGEL ONLINE: In der Schweiz sind die Arbeitszeiten mit 42,7 Stunden die längsten in Europa - bei gleichzeitig sehr niedriger Arbeitslosigkeit. Das widerspricht Ihrer Rechnung.

Peters: Das kann man überhaupt nicht vergleichen, schon allein wegen der unterschiedlichen Arbeitsmarktstatistiken. Wer hier und dort als arbeitslos gezählt wird, hängt jeweils von völlig anderen Kriterien ab. Außerdem ist der Arbeitsmarkt in der Schweiz wesentlich stärker abgeschottet als der deutsche.

SPIEGEL ONLINE: In Osteuropa gibt es ein Heer von Arbeitswilligen, die die Arbeit gerne zu viel schlechteren Bedingungen machen würden. Was wollen Sie dagegen unternehmen?

Peters: Wir werden unsere Standards verteidigen müssen, und gleichzeitig mit befreundeten Gewerkschaftern in ganz Europa dafür sorgen, dass unser Sozialmodell als Maßstab und als Entwicklungsmodell für die anderen gilt. Konkurrenz der Standorte in Europa über Steuerdumping zu führen ist jedenfalls ein Witz, davon müssen wir die anderen europäischen Staaten überzeugen. Die Länder, die jetzt ihre Steuern drastisch abgesenkt haben, werden bald erkennen, dass das nicht finanzierbar ist. Wenn die betreffenden Regierungen dann hoffen, dass wir die Finanzlöcher über den Haushalt der EU ausgleichen, werden sie enttäuscht werden. Wir jedenfalls werden uns mit allen Mitteln dagegen wehren.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Sommer brachte die IG Metall in Ostdeutschland nicht die Streikbereitschaft auf, um die 35-Stunden-Woche durchzusetzen. Viele Metaller wollten lieber einen sicheren Arbeitsplatz.

Peters auf einer DGB-Kundgebung in Ostdeutschland: "Glaubwürdigkeit stand auf dem Spiel
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DDP

Peters auf einer DGB-Kundgebung in Ostdeutschland: "Glaubwürdigkeit stand auf dem Spiel

Peters: Das habe ich anders in Erinnerung. Wir mussten den Arbeitskampf aufnehmen, weil es ansonsten als Absage der Gewerkschaft an die 35-Stunden-Woche und die Angleichung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse aufgefasst worden wäre. Unsere Glaubwürdigkeit bei den Menschen im Osten stand auf dem Spiel. Außerdem war uns klar, dass sich der Verzicht auf die 35-Stunden-Woche irgendwann in den Westen durchfressen würde.

SPIEGEL ONLINE: Was ja jetzt mit den Vereinbarungen bei Siemens und den Diskussionen bei DaimlerChrysler der Fall ist ...

Peters: Sehen Sie ...


SPIEGEL ONLINE: Ist das schon der befürchtete Flächenbrand?

Demonstration von DaimlerChrysler-Mitarbeitern in Sindelfingen: "Widerstand der Gewerkschaften ist groß genug"
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AP

Demonstration von DaimlerChrysler-Mitarbeitern in Sindelfingen: "Widerstand der Gewerkschaften ist groß genug"

Peters: Derzeit ist der Widerstand der Gewerkschaften gegen die Rückkehr zu einer flächendeckenden Ausweitung der Arbeitszeit groß genug, insofern bin ich da optimistisch. Wir haben uns nie gewehrt, wenn es um Ausnahmeregelungen ging - solange sie einen bestimmten Zweck verfolgt haben, zum Beispiel in Sanierungsfällen. Außerdem - 18 Prozent der Belegschaft konnten immer schon länger arbeiten als 35 Stunden.

SPIEGEL ONLINE: Bei DaimlerChrysler müssen Sie jetzt dagegen halten, um einen Dammbruch zu verhindern?

Peters: Natürlich. Sollen wir Beifall klatschen, wenn in Stuttgart Arbeitsplätze verloren gehen? Langsam haben wir wohl eine Diskussionskultur, als ob wir uns dessen zu schämen hätten.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenigstens an der "Steinkühler-Pause" könnte man doch etwas ändern, ohne dass die Welt untergeht.

Peters: Das sagen Sie. Sie können ja auch jederzeit bei Ihrer Arbeit eine Pause machen. Auch ich brauche die "Steinkühler-Pause" nicht. Aber reden Sie mal mit den Leuten am Band. In Bremen gibt es natürlich auch Pausen, aber eben nach einem anderen Modell.

SPIEGEL ONLINE: Was sollen die Manager denn tun, um die Kosten zwischen den Werken in Sindelfingen und Bremen anzugleichen?

Peters: Sollen sie doch in Bremen einen Feiertag mehr einrichten. Ich habe mir außerdem sagen lassen, dass das Führungspersonal von DaimlerChrysler recht gut verdient. Für was haben die eigentlich ihren Kopf? Nur zu sagen, dass eine halbe Milliarde Euro bei Arbeitern und Angestellten gespart werden muss, das ist zu wenig.

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