Wirtschaft



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19.08.2004
 

Jagdrevier für Raider

Wie Firmenjäger die Deutschland AG aufmischen

Von Kai Lange und Jörn Sucher

Firmenjäger aus den USA und Großbritannien wirbeln die deutsche Unternehmenslandschaft durcheinander. Ihr Einfluss wächst so rasch wie die Liste der Betriebe, bei denen sie inzwischen die Fäden ziehen. Ein Überblick über die milliardenschweren Player und ihre Ziele.

Hamburg - An Namen wie Apax, Permira, Blackstone und KKR werden sich die Deutschen gewöhnen müssen. Private-Equity-Gesellschaften, auf Unternehmensbeteiligungen spezialisiert, haben tiefe Taschen und großen Einfluss: In Großbritannien kontrollieren sie bereits rund drei Millionen Arbeitsplätze. Auch in Deutschland begeben sich immer mehr Unternehmen - mal mehr, mal weniger freiwillig - in die Hände der Firmenjäger.



  Zurück zum Kerngeschäft:  Für DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp passte der Turbinenbauer MTU nicht mehr in die Vision eines weltumspannenden Automobilkonzerns. Also verkaufte er die Sparte für 1,45 Milliarden Euro an den US-Investor Kohlberg Kravis Roberts: Dass die Bundesregierung wie aktuell auch im Fall Rheinmetall den Ausverkauf deutscher Wehrtechnik fürchtete, spielte bei dem Deal nur eine untergeordnete Rolle   Der lange Abschied eines Riesen:  Jürgen Dormann teilte den Frankfurter Chemie- und Pharmariesen Hoechst AG 1999 in seine Bestandteile auf. Die Pharmasparte fusionierte mit Rhone-Poulenc zur Aventis Gruppe, die inzwischen von Sanofi geschluckt wurde. Das Chemiegeschäft von Hoechst wurde unter dem Namen Celanese an die Börse gebracht - der US-Investor Blackstone ließ sich die Übernahme von Celanese 3,1 Milliarden Euro kosten. Nun soll auch Celanese von der Börse verschwinden   Auferstanden aus Ruinen:  Drei Millionen Euro pro Tag musste Leo Kirch zeitweise in den defizitären Abo-Sender Premiere schießen - die horrenden Verluste führten unter anderem zum Zusammenbruch des Kirch-Imperiums im Frühjahr 2002. Wenige Monate später griff die Beteiligungsgesellschaft Permira zu und sicherte sich 55 Prozent an Premiere, der Sender ProSiebenSat.1 ging an Haim Saban. Ärgerlich für Kirch: Inzwischen schreibt Premiere schwarze Zahlen   Es läuft noch nicht rund:  Als die britische Beteiligungsgesellschaft Doughty Hanson bei der Autowerkstattkette Auto-Teile-Unger (ATU) einstieg, erhoffte sie sich fette Gewinne durch einen Börsengang im Sommer 2004. Doch der nervöse Kapitalmarkt machte den Investoren einen Strich durch die Rechnung: ATU wurde kurz vor dem geplanten Börsengang an den Finanzinvestor KKR weitergereicht. Der "Secondary Buy-out" schmeckt nach einer Verlegenheitslösung
  Füttern und Nähren:  Als die Beteiligungsgesellschaft Apax Partners 1997 mit rund 250 Millionen Euro bei der Restaurantkette Nordsee einstieg, setzten die Beteiligten auf weitere Expansion des "gesunden" Schnellrestaurants. Der Deal gilt als Erfolg, im Gegensatz zur Übernahme der Berliner Bundesdruckerei: Da das Chipkartengeschäft einbrach, musste Apax die defizitäre Druckerei zum symbolischen Preis von einem Euro wieder verkaufen   Rätselraten bei Beru:  Zukauf mit dem Ziel Delisting? Oder doch Verkauf? Seit sich der US-Investor Carlyle, der häufig mit der Rüstungsbranche in Verbindung gebracht wird, im Jahre 2000 37 Prozent am Automobilzulieferer Beru sicherte, rätselt die Branche über die Zukunft des Projektes. Am liebsten würden die Amerikaner wohl alle Anteile übernehmen. Das verhindert aber der Familienaktionär Birkel, der 23 Prozent hält. Der Komplettkauf wird auf jeden Fall teuer für Carlyle. Lag der Kurs der Beru-Aktie 2000 noch im 30-Euro-Bereich, kostet das Papier heute 55 Euro   Schöner wohnen:  Als "gigantisch" stuft die amerikanische Private-Equity-Gesellschaft Fortress den deutschen Immobilienmarkt ein. Dass es die US-Investoren ernst meinen, zeigte sich im Juli. Da kaufte Fortress das Wohnungsbauunternehmen Gagfah von der klammen Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA), die mit dem Erlös von 2,1 Milliarden Euro Löcher in der Rentenkasse stopfte. Die Amerikaner wollen Gagfah in drei bis vier Jahren an die Börse bringen   Der Erbe geht, der Investor kommt:  125 Jahre lang bestimmten die Rodenstocks die Geschicke beim gleichnamigen Brillenbauer - bis zum vergangenen Jahr. Mit dem Einstieg der europäischen Investmentgesellschaft Permira endete die Familientradition. Erbe Randolph Rodenstock zog sich zurück. Seither macht Permira beim Umbau Tempo. Bis 2006 soll das Unternehmen reif für den IPO sein

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Der Turbinenhersteller MTU und die Werkstattkette Auto-Teile-Unger - fest in Händen des US-Investors Kohlberg Kravis Roberts (KKR). Der Bezahlsender Premiere - aus den Kirch-Ruinen aufgelesen von der britischen Permira. Die Kieler Traditionswerft HDW - geschluckt und umgebaut von One Equity Partners. Der Chemiekonzern Celanese, Spin-off des einst mächtigen Hoechst-Konzerns - die US-Gesellschaft Blackstone griff zu und organisiert nun den bislang größten Börsenrückzug Deutschlands. Kaufen, umstrukturieren und teurer wieder verkaufen - das ist ihr Geschäft.

Bei vielen willkommen, aber noch lange nicht satt

Bei vielen Unternehmen rennen die Firmenjäger inzwischen offene Türen ein. Konzerne wie Siemens Chart zeigen, E.ON Chart zeigen oder die Deutsche Bahn sind mit den ausländischen Investoren seit Jahren bestens im Geschäft. Die Konzernstrategen pflegen den Rückzug auf das Wesentliche und geben deshalb zahlreiche Randsparten an Private-Equity-Gesellschaften ab.

Doch deren Appetit ist damit nicht gestillt. Derzeit sind der Rüstungskonzern Rheinmetall Chart zeigen, die von der Commerzbank verschmähte BHF-Bank sowie das WestLB-Paket am Touristikkonzern Tui Chart zeigen im Visier der Investoren.

"Deutschland ist in einem schwierigen Veränderungsprozess, und Veränderungen sind unser Geschäft", sagt Max Burger-Calderon, Partner bei der Beteiligungsgesellschaft Apax Partners. Die Osterweiterung der EU sowie der globale Wettbewerb zwingen deutsche Unternehmen zum Umsteuern. Dabei könne Apax helfen: Mit Geld, Knowhow und der Überzeugung, dass sich die Investition nach einigen Jahren durch einen höheren Unternehmenswert auszahlt.

Deutschland baut um - Investoren mischen mit

Reichlich Anlagekapital haben sie alle. Überwiegend angelsächsische Pensionsfonds und Versicherungen stecken Milliarden in Private-Equity-Fonds, weil sie Alternativen zur Börse brauchen, um ihre Zielrenditen zu erreichen. Das Geschäft mit außerbörslichen Beteiligungen ist riskant aber einträglich: Renditen zwischen 10 und 20 Prozent pro Jahr werden erwartet.

Gut verdrahtet: Der frühere Mannesmann-Chef Klaus Esser wechselte ins Private-Equity-Geschäft
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DPA

Gut verdrahtet: Der frühere Mannesmann-Chef Klaus Esser wechselte ins Private-Equity-Geschäft

Bis zum Jahr 2000 wurde viel Geld mit Wagniskapital (Venture Capital) für junge Technologieunternehmen verbrannt. Nun dominieren die Buy-out-Fonds die Private-Equity-Szene: Buy-out-Fonds haben sich auf das Herauskaufen einzelner Unternehmensteile spezialisiert, um diese zu restrukturieren, profitabler zu machen und anschließend mit sattem Gewinn wieder zu verkaufen. Die Konkurrenz unter den Aufkäufern nimmt zu - mit Folgen für den deutschen Markt.

Deutschland habe beim Thema Beteiligungskapital Nachholbedarf, heißt es. In der größten Volkswirtschaft der EU liegen die Investitionen der Firmenkäufer mit 0,5 Prozent des BIP deutlich unter dem europäischen Durchschnitt (0,75 Prozent). In Europa haben Beteiligungsfonds im vergangenen Jahr knapp 25 Milliarden Euro investiert. In den kommenden vier Jahren dürften es laut einer Studie mehr als 120 Milliarden Euro sein.

Image verbessert - Topmanager auf der Gehaltsliste

Neue Beteiligungsgesellschaften drängen auf den deutschen Markt. Allein mit Geld kann sich niemand mehr die Konkurrenz vom Leibe halten - der europäische Marktführer Permira weist zwar mehr als fünf Milliarden Euro Eigenkapital aus, doch auch die Angreifer aus Übersee wie KKR oder Blackstone haben einen langen Atem.

Umso wichtiger sind gute Drähte. Viele ehemalige deutsche Topmanager haben bei den Beteiligungsgesellschaften einen lukrativen neuen Arbeitsplatz gefunden: Der ehemalige Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff wechselte zu Investcorp, Ex-Thyssen-Chef Dieter Vogel beobachtet für die US-Gesellschaft Bessemer den Markt, und der bei Mannesmann abgefundene Klaus Esser fand in General Atlantic Partners einen neuen Arbeitgeber.

Das Image der Firmenjäger hat sich entsprechend der zunehmenden Bedeutung verbessert. Es gibt nicht nur die "Raider", die angeschlagene Unternehmen entern, filetieren, Mitarbeiter feuern und nach kurzer Zeit Kasse machen. "Blackstone kauft gerne Firmen, die gut dastehen und durch unseren Beitrag neue Perspektiven bekommen", sagt Hanns Ostmeier, Geschäftsführer der US-Gesellschaft Blackstone in Deutschland. Eine Verbesserung des Geschäftes sei beste Voraussetzung, um eine Unternehmensbeteiligung nach einigen Jahren wieder teurer zu verkaufen: Investoren erwarten, dass ein Private-Equity-Fonds in jedem Fall die Entwicklung an den Aktienmärkten übertrifft.

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