Herr Straubhaar, Wirtschaftsminister Wolfgang Clement hat angekündigt, 600.000 so genannte Ein-Euro-Jobs für Langzeitarbeitslose zu schaffen. Halten Sie das für realistisch?
Thomas Straubhaar: Das ist eine beliebig gegriffene Zahl, auf die ich nicht viel geben würde. Genauso gut hätte er 300.000 oder eine Million sagen können. Wir müssen erst einmal abwarten, wie viel Phantasie die Kommunen und Wohlfahrtsverbände entwickeln, die sich die neuen geförderten Beschäftigungsmöglichkeiten ja ausdenken sollen.
SPIEGEL ONLINE: Dann weckt Herr Clement falsche Erwartungen, wenn er ein Ein-Euro-Job-Wunder ankündigt?
Straubhaar: Ziemlich exakt vor zwei Jahren hat Peter Hartz versprochen, die Arbeitslosigkeit binnen drei Jahren zu halbieren. Bisher stehen wir bestenfalls auf demselben Niveau, trotz Ich-AGs und Personal-Service-Agenturen. Aber das Gedächtnis der Öffentlichkeit und Medien ist schwach - geradezu eine Einladung an Herrn Clement, seinerseits Zahlen in die Luft zu setzen. Wobei er klüger vorgeht als Herr Hartz und offen lässt, bis wann die 600.000 Jobs entstehen sollen.
SPIEGEL ONLINE: Unabhängig von der genauen Zahl der neuen Jobs: Finden Sie die Idee richtig, Langzeitarbeitslosen zusätzlich zum Arbeitslosengeld II die besagten ein bis zwei Euro pro Stunde zu gewähren, wenn sie dafür gemeinnützig arbeiten?
Straubhaar: Die Gefahr ist, dass diese Jobs in Wettbewerb zur Privatwirtschaft treten. Es darf nicht passieren, dass subventionierte staatliche Konkurrenz kleine kommerzielle Anbieter abwürgt. Insgesamt ist es aber eine sinnvolle Idee, in Gemeinden gemeinnützige Tätigkeiten erledigen zu lassen, zu denen kein anderer bereit ist. Damit werden Menschen auf den Beinen gehalten, die sonst zu Hause säßen.
SPIEGEL ONLINE: Viele dieser Jobs werden unattraktiv sein: Laub fegen, das Rathaus reinigen. Kann man von solch einer Basis zurück in reguläre Beschäftigung finden?
Straubhaar: Ich glaube fest, dass so Brücken zurück in den ersten Arbeitsmarkt entstehen. Jemand, der für einen Euro arbeitet - der signalisiert potenziellen Arbeitgebern, dass er einsatzbereit ist. Wer für die Gemeinde Essen ausfährt, kann später zu einer privaten Firma wechseln, die Ähnliches macht. Positiv ist auch, dass die Grenzen der Zumutbarkeit dabei streng angesetzt werden.
SPIEGEL ONLINE: Dadurch werden die Ein-Euro-Jobs freilich zum Schreckgespenst. Es geht die Angst um, dass künftig die arbeitslose Ingenieurin gezwungen wird, Friedhofsgärten zu harken.
Straubhaar: Aber genau diese Job-Mobilität wird die Zukunft sein. In den USA gibt es Akademiker, die neun Monate am College lehren - und dann sind sie drei Monate lang Handwerker oder DJ auf Kreuzfahrtschiffen, um sich was dazuzuverdienen. Ich kenne einen Germanistikdozenten dort, der hat in den Semesterferien gegen Cash Fensterläden gestrichen. Dem ist kein Zacken aus der Krone gebrochen. Wenn die Ein-Euro-Jobs zum Mentalitätswandel beitragen, umso besser.
SPIEGEL ONLINE: Manche Ihrer Kollegen an anderen Instituten finden, diese Jobs seien im Vergleich immer noch zu gut entlohnt. Sie auch?
Straubhaar: Wenn es nur 50 Cent pro Stunde gäbe, würde kaum einer den Rücken krumm machen wollen. Natürlich stehen durch Hartz IV mit allen Hinzuverdienstmöglichkeiten manche Arbeitslose insgesamt besser da als Menschen, die regulär arbeiten, vor allem im Osten. Das gibt's, das kriegen sie nicht weg - es passiert schon heute bei der Sozialhilfe. Deswegen wird die Verkäuferin aber nicht auf den Ein-Euro-Jobber neidisch, der die Straße fegt. Dieser eine Euro pro Stunde wird keinen zu einer Sozialhilfekarriere bewegen.
SPIEGEL ONLINE: Die Kritiker sagen auch, die Ein-Euro-Jobs seien einfach Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen mit neuem Namen. Die Erfahrung zeigt, dass ABM ein ziemlich erfolgloses Instrument ist.
Straubhaar: Bei den ABM sind oft künstlich mit großem Kapitalaufwand Beschäftigungsverhältnisse aufgebaut worden, für die es keinen Bedarf gab. Bei den Ein-Euro-Jobs soll es nur um einfache, meist manuelle Arbeiten gehen, für kürzere Zeiträume. Es hat da einen gewaltigen Lerneffekt bei der Politik gegeben.
SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie bei der Erfindung der Ein-Euro-Jobs mitbestimmt hätten - was hätten Sie anders gemacht?
Straubhaar: Diese Jobs sollten kein rein staatliches Instrument sein. Wer als private Firma will, sollte sie auch anbieten dürfen.
SPIEGEL ONLINE: Dann hätten wir aber den Einstieg in einen privaten Niedriglohnsektor, der staatlich bezuschusst wird.
Straubhaar: Dafür habe ich mich immer stark gemacht. Der Staat sollte Zuschüsse nicht fürs Abwarten in der Arbeitslosigkeit geben. Er sollte denjenigen helfen, die zwar arbeiten, aber nicht davon leben können. Die Idee des Ein-Euro-Jobs ist also goldrichtig. Dafür muss Herr Clement aber keine Parallelorganisationen neben der Privatwirtschaft schaffen. Wenn er 600.000 dieser Jobs will, dann am besten in Kleinstbetrieben mit zwei, drei Angestellten. Das wäre zukunftsfähiger als Beschäftigung in staatlichen Strukturen.
Das Interview führte Matthias Streitz
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