Von Daniel Rettig
Wolfsburg - Kein Name ist in diesen Tagen so oft in der Öffentlichkeit wie der von Peter Hartz. Dabei wird oft vergessen, dass der Mann in erster Linie Vorstand des VW-Konzerns ist, verantwortlich für das Personal. Und in dieser Funktion trat er in Wolfsburg an die Öffentlichkeit.
Die Geschichte hinter dem Nachhaltigkeitsvertrag ist schnell erzählt: Volkswagen möchte Kosten sparen. Möglichst schnell, möglichst viel, und zwar 30 Prozent der Arbeitskosten bis zum Jahr 2011. Insgesamt stehen Einsparungen in Höhe von fast zwei Milliarden Euro jährlich auf dem Programm. Dass das schwer zu vermitteln ist, weiß auch Hartz. Deshalb holt er lieber weit aus und spricht von der unbedingt notwendigen Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, der strukturellen Neuorientierung, der hinfälligen "Verbesserung der Kostenstrukturen". Die Zuhörer fragen sich, was das eigentlich bedeutet.
Hartz trägt seine sieben Punkte vor und hält sich dabei streng an sein Manuskript. Zwischendurch schaut er kritisch in die Menge, so als würde er sich fragen, ob die Zuhörer seine Ideen verstehen oder nicht. Nur selten ist eine Regung in seiner Mimik oder Gestik zu entdecken. Nur als er von der "Selbstverpflichtung" spricht, Arbeitsplätze zu erhalten, ballt er die braun gebrannte Faust.
Eine Senkung der Arbeitskosten bedeutet nach Hartz' Aussage nicht, dass die heutigen Mitarbeiter weniger in der Tasche haben: "Vielmehr geht es um eine intelligente, strukturelle Neuorientierung der Arbeitskosten." Und wieder fragt man sich, was sich wohl dahinter verbirgt.
Dann kommt Hartz zum Nachhaltigkeitsvertrag inklusive Sieben-Punkte-Programm, und hier wird er langsam konkreter. Er versteht den Vertrag als Angebot an die IG Metall. Denn es gehe hier darum, eine Richtungsentscheidung zu treffen, "auch wenn das pathetisch klingt", und den großen Schritt zu tun. Doch damit das funktioniert, müsse "die Entgeltpolitik mit der Ertrags- und Ergebnissituation des Unternehmens atmen". Und dazu seien die sieben Punkte notwendig.
Da wäre zum einen die Tarifpolitik: "Es besteht kein Spielraum für Entgelterhöhungen." Denn Volkswagen habe derzeit gegenüber den anderen deutschen Wettbewerbern einen deutlichen Nachteil in punkto Personalkosten. Und da die Zeichen im Moment allerorten auf Rationalisierung stehen, gibt es eben nicht mehr Geld. Doch immerhin wolle VW "die einzelnen Bestandteile des Entgelts variabler gestalten". So könne beispielsweise der Mindestbonus - so heißt bei VW heute das Weihnachtsgeld - vom Erfolg des Unternehmens abhängig gemacht werden.
Nächster Punkt: Die Job Family. "Wir möchten die derzeitige Vergütungssystematik bei Volkswagen von derzeit 22 Entgeltstufen radikal auf zwölf Stufen vereinfachen", so Hartz. Eine Job Family, also eine Gruppe von Mitarbeitern mit vergleichbaren Kenntnissen, soll die bisherigen Grenzen von Hierarchien auflösen. Verwandte Tätigkeiten werden zusammengefasst, zum Beispiel Karosseriebau oder Design. Gelten soll dies in einem ersten Schritt für alle Neueinstellungen in den sechs westdeutschen Standorten ab 2005.
Um den flexiblen Anteil des Entgelts zu erhöhen und damit eine "leistungsorientierte Bezahlung" zu fördern, wird die Umwandlung des festen Mindestbonus in einen Ergebnis orientierten Bonus angestrebt. Will heißen: Je mehr Autos vom Band rollen, desto mehr verdienen die Arbeiter.
Und überhaupt, "flexibel" müssen bald alle sein. Dazu gehört insbesondere eine "Ausweitung der Schwankungsbreite der Arbeitszeitkonten von derzeit 200 auf 400 Stunden". Denn, so Hartz: "Flexibilität sichert Arbeitsplätze." Zu dieser Flexibilität gehört es auch, Arbeitszeit "neu zu definieren". Kurz gesagt: Jüngere Mitarbeiter arbeiten mehr, ältere arbeiten weniger. Laut Nachhaltigkeitsvertrag führt jeder Mitarbeiter ein Lebensarbeitszeitkonto für die gesamte Beschäftigungsdauer. Das nutzt die Belegschaft von VW schon heute. Doch nicht nur die Arbeitszeit, auch die Anwesenheit im Unternehmen soll laut Hartz "neu definiert werden". Bislang wird nämlich bei VW nicht nur die so genannte "wertschöpfende Arbeitszeit" vergütet, sondern zum Beispiel auch "Kommunikationszeit" oder "Pausenzeit". Das soll sich ändern. Ziel sei es, so Hartz, eine "100 Prozent wertschöpfende Arbeitszeit" zu erreichen.
Zudem gibt es bald den "Gesundheitsbaustein". Volkswagen möchte der Belegschaft zum Beispiel medizinische Angebote und Versicherungsleistungen ermöglichen, besonders für ältere Mitarbeiter. Im Gegenzug gleicht die Belegschaft die Krankheitskosten pauschal durch zusätzliche Arbeitszeit oder Verrechnung von Tarifleistungen aus.
Mit dem "Co-Investment für Beschäftigungssicherung" sollen die deutschen Standorte ein Instrument erhalten, um ihre "Wettbewerbsfähigkeit bei internen Ausschreibungen des Konzerns zu stärken" - etwa für die Produktion neuer Modelle. Will heißen: Ein VW-Werk kann als Gegenleistung für einen gewissen Zeitraum längere Arbeitszeiten bieten und damit den Zuschlag für eine Produktion erhalten. Das heutige Tarifsystem ermöglicht das nicht.
Auch die Auszubildenden werden nicht verschont. Da die derzeitigen Ausbildungsvergütungen 20 Prozent über dem Niveau der Metaller liegen, müsse VW laut Peter Hartz den Lohn "anpassen". Auf Nachfrage bestätigt er, dass "anpassen" gleichbedeutend ist mit einer 20-prozentigen Einkommenssenkung. Schließlich müsse man "wettbewerbsfähig" bleiben. Aber nachdem VW die Ausbildungsvergütungen gesenkt hat, will der Konzern dann auch mehr junge Leute ausbilden. Die verdienen dann nur weniger.
Nach einer knappen Stunde ist Hartz fertig mit seinen Ausführungen, es folgt der Frageteil. Als Journalisten vier, fünf Fragen auf einmal stellen, bleibt er gelassen. Wenn eine Frage gestellt wird, wirkt es fast so, als würde er nicht zuhören, er hat den Kopf gesenkt. Doch dann setzt er ohne Vorbereitung zur Antwort an, er scheint keine Sekunde überlegen zu müssen und verhaspelt sich nicht. Und Hartz erklärt, dass VW ein gesundes Unternehmen sei und dass VW auch jetzt noch Geld verdiene. Doch die Veränderungen müssten einfach sein, so Hartz: "Die Welt ist nun mal so, wie sie ist."
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