Berlin - "Es ist bemerkenswert, wie viele Indizien auf eine Trendumkehr der Lebensqualität in Deutschland hinweisen", sagte der Mitautor des am Montag in Berlin vorgelegten "Datenreport 2004", Heinz-Herbert Noll. Die Forschungsergebnisse des Statistischen Bundesamtes und anderer Institute deuteten auf eine Verschlechterung der Lebensbedingungen und des subjektiven Wohlbefindens hin. Nicht nur die Zufriedenheit mit dem Leben allgemein, sondern auch mit verschiedenen Lebensbedingungen sei zuletzt bundesweit fast durchgängig gesunken. "Insgesamt sind die Ostdeutschen allerdings weniger zufrieden als die Westdeutschen."
Und vieles deutet schon jetzt darauf hin, dass die Ergebnisse in den kommenden Jahren noch deutlich schlechter ausfallen. Denn die Untersuchung der Soziologen stützt sich auf Daten, die lediglich bis 2002 reichen. Die Folgen der Gesundheitsreform, die Änderung bei der Rentenversicherung oder die Debatte um die Zusammenlegung der Arbeitslosen- und Sozialhilfe sind also noch nicht berücksichtigt. So erwartet Mitautor Noll denn auch, dass geringere staatliche Transferleistungen künftig zu einer noch ungleicheren Einkommensverteilung führen werden.
Eine Trendwende deute sich bereits an, nachdem der Anteil der Bevölkerung, die unterhalb der Armutsgrenze lebt, im vergangenen Jahrzehnt weitgehend stabil geblieben war. Doch die jetzt erhobenen Daten wiesen bereits eine erkennbare Zunahme der Armut gegenüber dem Vorjahr aus. Auch die Ungleichheit der Einkommen habe zugenommen. "Insgesamt sind die Ergebnisse zwar noch nicht dramatisch, aber in der Summe der Indikatoren zeichnet sich die Tendenz zu einer durch zunehmende Ungleichheit und Armut gekennzeichnete Gesellschaft ab", sagte Noll.
Das subjektive Wohlbefinden werde sich durch die Hartz-IV-Reformen nicht verbessern, sagte Noll weiter. "Man kann davon ausgehen, dass die Unzufriedenheit eher steigen wird".
Auch im internationalen Vergleich sei das Wohlbefinden der Bundesbürger nicht besonders groß. "Es trifft nicht mehr länger zu, dass es den Deutschen besser geht als den meisten anderen Europäern", sagte Noll. Vielmehr sei Deutschland inzwischen in vielen Bereichen - wie zum Beispiel dem materiellen Lebensstandard - im europäischen Vergleich auf mittlere Ränge abgerutscht und finde sich nicht selten sogar auf hinteren Plätzen der früheren 15 EU-Staaten wieder. Weniger zufrieden mit ihrem Leben insgesamt seien nur noch Italiener, Franzosen, Griechen und Portugiesen.
Verstärkt werden die Unzufriedenheit auf Dauer auch durch die schlechten Aussichten auf einen sozialen Aufstieg. Nach wie vor bestimme die soziale Herkunft wesentlich darüber, wer sich in welchen beruflichen Positionen etablieren könne, fügte Noll hinzu. Der sich immer schneller vollziehende Strukturwandel sowie die zunehmende Tendenz zu häufigen Jobwechseln lasse die Aussichten für Karrieren nicht notwendigerweise geringer werden. Sie würden aber weniger kalkulierbarer, trügen damit zur Verunsicherung bei und beeinflussten damit das subjektiv erlebte Wohlbefinden.
Der Datenreport erscheint seit 1983 im Zwei-Jahres-Rhythmus und stellt eine Kombination aus statistischen Daten und Ergebnissen der Sozialforschung dar. Vorgelegt wird er vom Statistischen Bundesamt, dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), dem Mannheimer Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA) und von der Bundeszentrale für politische Bildung.
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