New York/Hamburg - Der Rohölpreis liegt derzeit rund 75 Prozent über dem Stand des Vorjahres. Der Ölexperte Ng Weng Hoong von Energyasia.com in Singapur erklärte, die Preise auf dem Markt würden zunehmend auch von Panik bei den Endverbrauchern nach oben getrieben. Er gehe davon aus, dass der Preis weiter nach oben klettere. "Nach dem Knacken der 50 Dollar sind nun die 60 Dollar im Visier", sagte Ng. "Der Preis hat eine Hürde genommen, nun wird er das nächste Ziel erreichen."
Nach offiziellen Angaben haben die USA in den vergangenen zwei Wochen im Golf von Mexiko infolge der Hurrikans über elf Millionen Barrel an Förderleistung eingebüßt. Laut US-Behörden liegt die Tagesproduktion im Golf von Mexiko derzeit rund 29 Prozent unter Normalstand.
Die Preise für November-Kontrakte der Marke Light Crude waren gestern an der New Yorker Rohstoffbörse um 76 Cents auf 49,64 Cents gestiegen. "Der Schaden durch Ivan dauert immer noch an", erklärte der Analyst John Kilduff von Fimat USA in New York.
Mit Skepsis schauen die Märkte derzeit auch auf die Opec. Analysten bezweifeln mit Blick auf "Ivan", dass die Organisation in der Lage wäre, im Fall einer akuten und umfassenderen Unterbrechung der weltweiten Ölproduktion - wie jetzt durch den Hurrikan - die Förderung kurzfristig und in einem beträchtlichen Umfang anheben zu können. Das Förderkartell räumte ein, dass die Entscheidung, die Förderquoten zum 1. November um eine Million Barrel anzuheben, nicht das gewünschte Ziel erreicht hat, die Märkte zu beruhigen.
In Nigeria haben die Rebellen ihren "totalen Krieg" gegen die Regierung von Präsident Olusegun Obasanjo ausgerufen. Sie wollen ihn am 1. Oktober beginnen. Sie "rieten" den internationalen Erdöl fördernden Unternehmen im Niger-Delta, ihre Produktion bis zu diesem Datum einzustellen. Nigeria ist der fünftgrößte Erdöl-Produzent in der Opec.
Mit Spannung warten die Märkte auf den neuen Bericht zum Öl-Lagerbestand in den USA, der morgen vorgelegt wird. Normalerweise werden die Vorräte in dieser Jahreszeit wieder aufgestockt, da die höhere Nachfrage nach Benzin nach Ende der Hauptreisezeit nun abklingt. Doch wird diesmal erwartet, dass die durch "Ivan" bedingten Störungen in der Ölproduktion sich negativ auf die Lagerbestände auswirken.
Verschärft wird die Situation noch durch ein allgemeines Gefühl von Knappheit auf dem weltweiten Ölmarkt. Die weltweite Ölproduktion liegt derzeit bei rund 82 Millionen Barrel am Tag. Die Überschussproduktion beträgt nach Einschätzung vieler Analysten gerade einmal rund ein Prozent. Das heißt, dass die Märkte im Fall einer größeren Unterbrechung der Ölförderung - aus welchen Gründen auch immer - nur einen geringen Puffer haben.
Vor allem die Aktien der Fluggesellschaften verzeichneten als Folge auf den Ölpreis-Anstieg deutliche Kursverluste. Der Kurs der Delta-Airlines-Aktie fiel um knapp zehn Prozent.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet laut einem Bericht der "Financial Times Deutschland" für das kommende Jahr unter anderem wegen des hohen Ölpreises mit einem leichten Rückgang der Wachstumsdynamik in den großen Industrieländern. Die Weltwirtschaft werde dem neuen "World Economic Outlook", den der IWF morgen vorlegen will, im laufenden Jahr um 5,0 Prozent und 2005 nur um 4,3 Prozent wachsen.
Etwas trösten mag angesichts all dieser Negativfaktoren die Einsicht, dass der Ölpreis inflationsbereinigt um mehr als 30 Dollar unter dem Niveau liegt, den er 1981 nach der iranischen Revolution hatte.
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