Von Matthias Streitz
Essen/Seattle - Wolfgang Urban gab sich alle Mühe bei der Selbstinszenierung. In der Essener Karstadt-Zentrale war für seinen Auftritt eigens ein Kaffeehaus nachgebaut worden. Tassen stapelten sich dekorativ, eine Meerjungfrau lächelte von einem prominent platzierten Firmenlogo. Urban höchstselbst streifte sich eine grüne Servierschürze über Hemd und Krawatte und gab für die Kameras den Kaffeeverkäufer.
Der persönliche Werbeeinsatz des damaligen Karstadt-Lenkers sollte vor allem eine Botschaft vermitteln: Die jüngst vereinbarte Partnerschaft mit der Caffè-Latte-Kette Starbucks
würde Karstadt
nach vorne katapultieren. Von einer "Verjüngungskur" für den 120-jährigen Warenhauskonzern war immer wieder die Rede.
Ziemlich genau drei Jahre sind verstrichen, seit Urban sein Joint Venture einfädelte - angeblich beim Golfen mit Starbucks-Gründer Howard Schultz. Urbans Nachfolger Christoph Achenbach, Typ nüchterner Sanierer, will von der noch jungen Partnerschaft schon nichts mehr wissen. Seit der Krisensitzung des Aufsichtsrates am Montag gilt per Beschluss: Karstadt will und soll raus aus dem immer noch verlustreichen Gemeinschaftsunternehmen. Wie die Ableger Runners Point, SinnLeffers oder die kleinsten Warenhäuser gelten die Kaffeehäuser als Randaktivität, die abgespalten werden müsse. Karstadt braucht sein knappes Geld für dringlichere Projekte.
Das Risiko trugen vor allem die Deutschen
Bisher können deutsche Kunden in 35 Starbucks-Filialen ihren Fünf-Euro-Frappuccino kaufen und Brownies oder Muffins dazu. Die Coffeeshops stehen in Prestigelagen wie den Hackeschen Höfen in Berlin, verstreuen sich über die Düsseldorfer Innenstadt. Einige haben sich in Karstadt-Häusern eingenistet. Starbucks selbst steuerte für die Deutschland-Expansion sein Logo bei, Rezepte und Erfahrung - das Risiko lastete zum großen Teil auf Karstadt. An der Karstadt Coffee GmbH hält der Essener Konzern 82 Prozent der Anteile, Starbucks den Rest.
Auch den größten Teil der bisherigen Investitionskosten trug Karstadt. "Das ist der Pferdefuß dabei", sagt Christian Schindler, Analyst bei der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP). In den Ausstiegsverhandlungen mit Starbucks, die nun geführt werden, werde es für Karstadt darum gehen, möglichst viel des eingesetzten Geldes wiederzubekommen. Ein KarstadtQuelle-Sprecher bestätigt dies auf Anfrage, nennt indes keine Details. Bis wann der Ausstieg spätestens besiegelt sein soll, wie viel Karstadt in den Aufbau der Filialen investiert hat und nun als "Entschädigung" zurückerhalten will - dazu macht er keine Angaben.
Vertraglich geknebelt?
Die Vorzeichen für die Verhandlungen stehen für die Karstädter nicht gut. Die Schweizer Bon-Appétit-Gruppe etwa soll nur zehn Prozent ihres Einsatzes erstattet bekommen haben, als sie sich aus einem ähnlichen Joint Venture mit den Amerikanern verabschiedete. Auch im aktuellen Fall gelte, so sagt es Analyst Schindler: "Starbucks hat eindeutig die größere Verhandlungsmacht." Schließlich habe sich Achenbach bereits öffentlich auf den Ausstieg festgelegt und könne nicht zurück. Auch brauche er rasch Sanierungserfolge.
Offiziell heißt es bei Karstadt: Es sei "nicht ausgeschlossen", dass die 82 Prozent an der Coffee GmbH nun an Starbucks verkauft werden. "Denkbar" sei aber auch ein anderer Investor. Aus Sicht von Analysten ist das eine Beschönigung der Lage. Ein anderer Käufer als Starbucks selbst komme kaum in Frage, glaubt Thilo Kleibauer von MM Warburg. Das schwächt die Stellung der Karstädter weiter.
In einem Bericht des "Handelsblatts" hieß es unter Berufung auf Starbucks-Kreise gar, Karstadt sei vertraglich gebunden - der Konzern dürfe seine Anteile gar nicht an Dritte verkaufen. Auch dazu gibt es von Karstadt keinen Kommentar. Die Sprachregelung: Gäbe es eine solche Klausel, wäre das eine interne Vertragsangelegenheit und über solche spreche man nicht.
Harter Schnitt
Im Puzzle der Karstadt-Krise ist das Cappucino-Joint-Venture nur ein sehr kleines Teilchen - aber ein markantes. Starbucks stand für den Versuch, Karstadt ein neues, moderneres Image zu verpassen. Urban hoffte, dass die junge Klientel nach der Kaffeepause den Weg in die Karstadt-Verkaufsflächen finden würde. Die Partnerschaft steht aber auch für das Strategiechaos, in das Urban den Konzern führte - anstatt die Kaufhäuser und den Versandhandel zu kurieren, stieß er ein Nebenprojekt nach dem anderen an.
Geht die Mehrheit an der Coffee GmbH wie erwartet an die Amerikaner, stehen sie selbst vor Problemen. Starbucks müsste - dann wohl im Alleingang und mit vollem Risiko - gegen junge Konkurrenten wie Balzac und etablierte wie Tchibo antreten. Die Deutschland-Expansion steckt immer noch in der Anfangsphase - erst ab 2005 sollte das Tempo des Filialwachstums erhöht werden. Immerhin: Die Marke Starbucks ist, Karstadt sei dank, in wichtigen Großstädten eingeführt. Karstadt steht als Verlierer da und büßt dafür, dass dem Konzern kurz nach dem Start der Atem ausging.
Angesichts der Konzernkrise halten die Analysten Schindler und Kleibauer Achenbachs Ausstiegsplan trotz alledem für richtig. Die Filialen sind nur zum Teil profitabel, der Break-even war früheren Aussagen zufolge erst für 2007 angepeilt. Obendrein zahlt Karstadt den Amerikanern noch hohe Lizenzgebühren. Da sei es richtig, einen radikalen Schnitt zu machen, findet LRP-Mann Schindler - die Summe, die Karstadt abschreiben müsse, falle im Vergleich zu den anderen Sanierungskosten ohnehin kaum ins Gewicht.
Tatsächlich hat Achenbach viele größere Probleme. Für die 82 Prozent an der Coffee GmbH steht der Abnehmer immerhin praktisch fest. Für Töchter wie SinnLeffers muss ein Käufer überhaupt erst gefunden werden.
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