Von Matthias Gebauer
Berlin - Dass Börsenkurse fast so empfindlich reagieren wie menschliche Patienten, zeigte sich nach dem Rückzug des Medikaments Vioxx vom weltweiten Markt. Nur wenige Minuten war die Meldung über die spektakuläre Aktion des Pharmariesen Merck alt, da rauschte der Börsenkurs der Aktie rasant in den Keller. Dort blieb er bis heute. Merck hatte das Schmerzmittel Ende September wegen aktueller Studien zurückgenommen, die bisher unbekannte Risiken von Herzinfarkten und anderen Nebenwirkungen bei der Einnahme von Vioxx gezeigt hatten.
Seitdem herrscht um die Folgen des hastigen Rückzugs ein erbitterter Streit. Während Merck sich wegen des schnellen Handelns selbst lobt, fordern Opfer Schadensersatz. Die Konsumenten von Vioxx und Angehörige angeblicher Todes-Opfer des Medikaments beklagen, dass sie zu spät über die Risiken informiert wurden und wollen Entschädigung. In Deutschland und den USA haben sich Hunderte Mandanten bei Anwälten gemeldet und Klagen eingereicht. Über den Ausgang gibt es nur Spekulationen, doch schon jetzt sah sich Merck zu einer groß angelegten Werbekampagne in den deutschen Sonntagszeitungen gezwungen.
"Falsche und fehlleitende Angaben" für die Aktionäre
Für ihren Kampf um eine Entschädigung haben sich die findigen Anwälte nun eine neue Strategie ausgedacht. Statt Merck ausschließlich vor Gerichten zu verklagen, zeigten sie den Pharmakonzern am Dienstag bei der US-Börsenaufsicht SEC an. In einem online verfügbaren Formblatt der strengen Kontrollbehörde wirft der deutsche Rechtsanwalt Andreas Schulz Merck vor, der Konzern habe bei seinen regelmäßigen Mitteilungen an die SEC "falsche und fehlleitende Angaben bezüglich des Sicherheitsprofils von Vioxx" abgegeben. Nun solle die SEC überprüfen, ob Merck so auch seine Aktionäre falsch oder zumindest unzureichend informiert habe.
Logo der Börsenaufsicht SEC: Methoden wie Staatsanwälte
Operation Flatline
Die Ziele der Anti-Merck-Aktion mit dem bildhaften Arbeitstitel "Operation Flatline" sind hoch gesteckt. Dunkel raunt der deutsche Anwalt Schulz, die Aktie des Pharmakonzerns könnte nach einer negativen Prüfung der SEC "vielleicht vom Markt genommen" werden. Für den Konzern wäre dies die wohl schlimmste Nebenwirkung aus dem Desaster um das in der Vergangenheit stets gewinnbringende Schmerzmittel Vioxx. Ebenso erinnert Schulz an die rüden Methoden der SEC in anderen Fällen wie Enron oder WorldCom. Damals hatte die Börsenaufsicht Durchsuchungen im Stil der Polizei durchgeführt und Manager teilweise in Handschellen abgeführt. Ganz ähnlich stellt sich Schulz nun auch das Vorgehen gegen Merck vor.
Ob die Beschwerde Erfolg haben wird, ist schwer zu sagen. Denn der Fall liegt etwas anders als bei den Skandal-Verfahren um Enron oder WorldCom und ist deswegen sehr viel schwieriger zu beurteilen. Diese Unternehmen hatten aktiv die Bilanzen gefälscht. Bei Merck hingegen ist die Frage entscheidend, inwieweit das Unternehmen seine Aktionäre über mögliche Risiken beim Medikament und durch sich daran anschließende Klagen informieren musste. Im Gegensatz zu schlichten Änderungen des Zahlenwerks ist dies auch eine Auslegungsfrage.
Aus den verfügbaren Akten der SEC geht zumindest hervor, dass das Unternehmen bereits im März 2004 erste Informationen über mögliche Probleme bei Vioxx meldete. So schrieb Merck in dem an die SEC abgegebenen Formblatt "10-K", es gebe in den USA mehrere Klagen wegen Vioxx und dessen Nebenwirkungen. Zwar ließ die Firma in dem Statement für die SEC und die Aktionäre das Ende der Klagen grundsätzlich offen. Gleichzeitig aber äußerte Merck auch, dass es alle Klagen für grundlos und dementsprechend wenig gefährlich für den Konzern halte. Genau diesen Punkt soll nun die SEC klären - ein schwieriges und möglicherweise sehr langwieriges Verfahren.
Drohkulisse für Merck
Um eine erfolgreiche Beschwerde gegen den Konzern geht es den Juristen in der Sache gegen Merck jedoch nur teilweise. Die beteiligten Anwälte sind für ihre gut inszenierten Kampagnen in Medien und der Öffentlichkeit bekannt. Neu ist allerdings der Gang zur Börsenaufsicht SEC, der die Findigkeit der Jäger nach Millionen-Entschädigung nur zu gut illustriert. Mit dem Schritt könnten sie zudem auch das Interesse von Millionen Aktienbesitzer auf den Fall Vioxx ziehen.
Die Grundstrategie ist jedoch in allen diesen Fällen ähnlich. So liegt es den Juristen stets am Herzen, erst enormen Druck auf eine Firma auszuüben, indem sie Drohkulissen wie einen möglichen unfreiwilligen Abgang von der Börse oder andere "worst-case-scenarios" lancieren. Gerät ein Konzern in einer solchen Kampagne genügend unter Druck, beginnen oft außergerichtliche Verhandlungen um eine Einigung abseits der Justiz. Diese erspart einen langen Rechtsweg, öffentliche Anklageschriften und unangenehme öffentliche Auftritte für die Firmenchefs.
Für einen Fall wie Merck scheint die ausgeklügelte Theorie der Schadensersatzprofis durchaus geeignet. Besonders bei einem Pharmakonzern, der im besonderen Maße auf das Vertrauen der Konsumenten angewiesen ist, müssten die Verantwortlichen doch "besonders sensibel" sein, so die Hoffnung der Strategen. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob sich Merck von der Kampagne aufweichen lässt oder hart bleibt. Nach einer Anfrage von SPIEGEL ONLINE kündigte eine Sprecherin der US-Konzernzentrale für den Nachmittag eine Stellungnahme an.
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