Herr Benioff, Ihr Unternehmen Salesforce.com ist kürzlich an die Börse gegangen. Wenn Sie noch mal ein Startup gründen wollten, würden Sie es wieder im Silicon Valley tun?
Benioff: Ja, denn nach wie vor passiert dort eine Menge.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Freund, der Wagniskapitalgeber Terry Garnett behauptet, das Valley sei out. Als junger Unternehmer müsste man heutzutage nach Shanghai.
Benioff: Ich bin ja mehr für Pekingente. Aber im Ernst: Das Wo ist nicht so wichtig. Silicon Valley ist für mich eine Geisteshaltung, kein Ort. Wenn Sie kein Unternehmertyp sind, dann nutzt es ihnen auch nichts, wenn sie im Valley sitzen.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Eindruck, dass es mit der Technologiebranche an der US-Westküste wieder aufwärts geht?
Benioff: Die letzten vier Jahre waren hart und eine neue Firma auf die Beine zu stellen gestaltete sich schwierig. Jetzt gibt es zwar noch keinen neuen Goldrausch, aber zumindest einen Silberrausch.
SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?
Benioff: Es wird wieder viel in junge Firmen und in die Forschung investiert. Es werden eine Menge Leute eingestellt. Außerdem steigen die Mieten, man steht wieder häufiger im Stau, es gibt wieder teure Restaurants.
SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig behaupten Sie seit einiger Zeit, die traditionelle Softwareindustrie sei "dem Tode nahe". Wie passt denn das zusammen?
Benioff: Ich beziehe mich auf die großen Hersteller von Unternehmenssoftware. Deren Wachstumsraten sind grässlich, weil die Kunden keinen Appetit mehr auf viele Millionen teure Softwarepakete haben. Die Zukunft liegt in webbasierten Programmen wie dem unseren, die man bei Bedarf abonnieren kann.
SPIEGEL ONLINE: Und da ziehen Platzhirsche wie SAP, Oracle oder Microsoft nicht mit?
Benioff: SAP zum Beispiel hat in den letzten fünf Jahren weniger für Kunden und Innovation getan als irgendein anderes Unternehmen. Deren große Erfindung ist es, ihre Software SAP R3 in mySAP umbenannt zu haben, mehr nicht.
SPIEGEL ONLINE: SAP macht siebzigmal soviel Umsatz wie Salesforce.com und bietet inzwischen auch webbasierte Software zum Kundenmanagement (CRM) an ...
Benioff: ... aber wie viele Leute im Verkauf benutzen SAPs CRM? Ich habe Reporter auf der ganzen Welt gefragt, und keiner kennt eine einzige Person, die es verwendet. Nicht mal SAPs eigene Verkäufer nutzen es. Wir wissen, dass einige Leute von SAP stattdessen heimlich unsere Software laufen lassen - die haben einen falschen Firmennamen und lassen das über ihre Kreditkarte laufen. Und in den USA stammen angeblich 38 Prozent von SAPs Umsatz aus dem CRM-Geschäft.
SPIEGEL ONLINE: Zweifeln Sie die Zahl an?
Benioff: Ich verstehe es einfach nicht. Wem verkaufen die das? Das erscheint mir bizarr. Wer hat dieses Zeug geordert und wo ist es hin? Ich kenne eine Menge Unternehmen, die andere SAP-Produkte verwenden und damit sehr zufrieden sind. Aber eben keines, das ihr CRM benutzt.
SPIEGEL ONLINE: Und wie ist es mit Microsoft?
Benioff: Microsoft ist stärker auf ein Modell abonniert als irgendeine andere Firma, die ich kenne. Um bei dem CRM-Beispiel zu bleiben: Wenn sie deren Kundenbeziehungssoftware verwenden wollen, dann brauchen sie Microsoft SQL Server, Microsoft NT, Microsoft Active Directory und und und. Sie müssen alles kaufen, was die herstellen. Und es läuft nur mit Microsoft PCs und Servern, mit nichts anderem. Nicht mit Linux, nicht mit Palm, nicht mit Blackberry. Es funktioniert nicht mal mit dem Internet. Das ist eine Alles-von-Microsoft-oder-Nichts-Strategie, die dem Kunden nicht gefällt.
SPIEGEL ONLINE: Sie meinen also, dass Microsoft im Firmenkundengeschäft für die Branche mittelfristig keine Gefahr darstellt?
Benioff: Als Steve Ballmer Vorstandschef wurde hat er gesagt, er wolle ein milliardenschweres Geschäft mit Softwareapplikationen für den Unternehmensbereich aufbauen. Aber das einzige, was er bisher gemacht hat, ist, milliardenschwere Unternehmen aufzukaufen - Navision und Great Plains. Funktioniert hat das für Microsoft aber nicht.
SPIEGEL ONLINE: Was ist denn ihrer Ansicht nach das nächste große Ding, um das sich die Branche kümmern muss?
Benioff: Vernetzung sowie schnellerer und einfacherer Datenaustausch. Schauen Sie, wir haben hier einen iPod, ein Handy und einen Blackberry auf dem Tisch liegen, die nicht miteinander reden können. Wir sitzen auf lauter Informationsinseln, und ohne einen Programmierer können wir nicht von einer zur anderen gelangen. Über das Internet lässt sich das alles vernetzen. Deshalb gehört webbasierter Software wie der unseren die Zukunft.
SPIEGEL ONLINE: Warum sollte der User denn ein Word oder Excel wollen, das in seinem Browser läuft?
Benioff: Weil dann über das Internet jeder mit jedem beliebigen Gerät und Betriebssystem darauf zugreifen kann. Weil sich Dateien, an denen mehrere Leute arbeiten anders als heute in Echtzeit aktualisieren würden.
SPIEGEL ONLINE: Zugriff übers Web klingt nach einem ziemlichen Sicherheitsalbtraum. Wie soll man da seine Daten schützen?
Benioff: Es gibt kein erhöhtes Sicherheitsrisiko gegenüber klassischen Anwendungen. Schauen Sie, wir haben für unsere Websoftware inzwischen 12.000 Kunden, die haben die Daten ihrer Verkaufsabteilungen komplett auf unseren Servern liegen. Darunter sind Unternehmen wie Cisco oder die Deutsche Post - keiner von denen würde unser Produkt benutzen, wenn es Zweifel an der Sicherheit gäbe.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie nicht, dass Microsoft irgendwann auf den Web-Zug aufspringen und Ihnen die Show stehlen wird?
Benioff: (Seufzt) Wenn ich in Redmond bin und Meetings mit Microsoft habe, dann ist das immer sehr seltsam. Da sitzen sie mit ihren Laptops und PDAs und machen sich Notizen. Aber sind sie vernetzt? Nein. Wenn sie Informationen austauschen wollen, dann passiert das auch heute noch nicht übers Internet. Stattdessen haben dort alle USB-Speichersticks, mit denen sie von Notebook zu Notebook laufen. Die sind noch komplett in einem anderen Paradigma.
SPIEGEL ONLINE: Email gibt es in Redmond vermutlich auch. Jetzt tun Sie gerade so, als ob Microsoft und Konsorten das Internet völlig ignorieren würden.
Benioff: Tatsächlich haben viele große Softwarehersteller ihre Programme den neuen Gegebenheiten noch immer nicht angepasst. Die bestehende Softwarestruktur in vielen Unternehmen ist völlig überholt. Zahlreiche Datenbanken laufen mit Microsofts Programm Access. Das ist von 1998! Da gab es noch kein richtiges Internet, keinen Browser, kein XML. Wir brauchen völlig neue, webbasierte Software, die das Internet von Anfang an miteinbezieht. Die Kunden dürsten nach solchen Anwendungen, die in jedem Browserfenster laufen. Viele von denen haben von den Microsofts und SAPs lange Zeit gesagt bekommen. Wir haben alles im Griff, macht Euch keine Sorgen, wir geben euch Deckung. In den meisten Fällen sind diese Kunden belogen worden.
Das Gespräch führte Thomas Hillenbrand
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