Von Julia Maria Bönisch
Hamburg - Sagt der Bahner "Wir bitten, dies zu entschuldigen" oder heißt es "Wir bitten um Ihr Verständnis"? Trägt der ICE die Ordnungsnummer "acht dreiundfünfzig" oder "achthundertdreiundfünfzig"? Und außerdem: Wie viel Schwäbisch, Plattdeutsch oder Sächsisch sind erlaubt, wenn man die Verspätung des Intercity durchsagt?
Bahnbildungszentrum, Hamburg, Holstenplatz: In einem sterilen Seminarraum klären elf professionelle Bahn-Ansager diese Grundfragen ihres Arbeitsalltags. Das Training heißt "ReisendenInformationsSystem", kurz RIS. Drei Tage lang sollen die Bahnmitarbeiter aus den verschiedensten Ecken der Republik lernen, wie man verständliche Ansagen durchgibt.
Die Trainerin trägt Nadelstreifen-Hosenanzug, modisch-ausgefranste Kurzhaarfrisur und ein Moderatorenköfferchen mit vielen bunten Karten. "Sie werden sich hier heute drei Mal selbst erleben", verspricht sie den Teilnehmern. "Und klopfen Sie sich ruhig mal auf die Schulter und sagen Sie sich: 'Ich bin wichtig!' Dann geht alles gleich besser von der Hand."
"Schnaufend speicheln scheue Schnecken"
Als Starthilfe verteilt sie "Gute-Laune-Karten" mit Tipps für die Ansagerarbeit: "Lieber Kunde", steht darauf, "ich interessiere mich für Sie! Ich möchte, dass Sie sich bei mir sicher und gut aufgehoben fühlen!" Konkreter werden Karten zwei und drei: "Besprechen Sie benachbarte Lautsprecherkreise möglichst nicht gleichzeitig", "Bewegen Sie Ihren Mund, Ihre Lippen und Zunge bei jedem Wort! So sind Ihre Worte deutlich für den Zuhörer zu verstehen."
Regionalzug in Berlin: "Aber bitte: Bleiben Sie verständlich!"
Die Gruppe hat sich warm gelaufen. Es geht ans Eingemachte, alle werden zur Sprechprobe in eine provisorische Kabine gebeten: Abgeschirmt von zwei Stellwänden muss jeder der elf eine Ansage sprechen. "Meine Damen und Herren, am Gleis fünf bitte beachten Sie: Wegen des Streiks der französischen Eisenbahner endet der Eurocity sieben vierundsechzig heute in Saarbrücken" und ähnliche Sätze aus dem Bahneralltag.
Alles wird aufgezeichnet, wieder und wieder abgehört. Kein Fehler bleibt unentdeckt. Da fährt der "Indasiddi" um "fümpf Uhr öllf" und hat eine "teschnische Störung". Zugzielanzeige ist ein tückisches Wort. Wenn Angelika aus Chemnitz Züge aus bayerischen Städten ankündigt, grinst der Rest der Truppe.
"Gute Reise" verboten
Auf den Teilnehmerstühlen sitzen Mütter aus Sachsen neben echten Hamburger Jungs. Die Bandbreite der Dialekte ist groß: Moin, Guten Tag, Grüß Gott - das ist hier die Frage. Nach hitziger Diskussion zieht die Trainerin des Fazit: "Ein bisschen darf der Fahrgast schon raushören, wo er gerade ist. Das hat schließlich seinen Reiz. Aber bitte: Bleiben Sie verständlich!"
Die Bahner selbst fühlen sich gut geschult. "Da nimmt man schon einiges für die Praxis mit", bestätigt Michaela Lupe. Sie ist schon seit 27 Jahren dabei, hat noch angefangen bei der Deutschen Reichsbahn in der DDR. Heute arbeitet sie als Ansagerin auf dem Bahnhof Braunschweig und kennt den Fahrplan auswendig. "17:41 Uhr, 42, 45, 47 und 51. Bei uns kommen die Züge im Minutentakt an. Da hat man oft nicht genug Zeit, die Ansagen langsam und deutlich durchzugeben."
Ihre Kollegin Angelika Meyer-Mader findet manche der neuen Sprachregelungen, die das Management im RIS aufgestellt hat, eher irritierend. So berichten die Ansager nicht mehr beschönigend vom Personenschaden. Stattdessen heißt es nun, Notarzt und Polizei befänden sich an den Gleisen. Außerdem dürfe sie den Bahnkunden keine gute Reise mehr wünschen. "Das versteh ich nicht. Da will man freundlich sein, und dann wird's einem verboten", sagt sie. "Sich da nach 30 Jahren umzustellen, ist gar nicht so einfach."
Überhaupt kann der Alltag der Ansager anstrengend sein. Im Hamburger Dammtorbahnhof sitzen sie noch direkt auf den Bahnsteigen. Beliebter Zeitvertreib der Reisenden: Während einer Durchsage vor dem Glashäuschen rumspringen, Faxen machen, Vogel zeigen - so lange, bis der Ansager den Faden verliert oder einen Lachkrampf bekommt.
Die Kontrolle zu behalten sei eben gar nicht so einfach. "Ich muss zwischendurch natürlich auch mal niesen", sagt Meyer-Mader. "Da lacht der ganze Bahnhof." Und da kann auch keine Trainerin helfen.
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