Von Marc Pitzke, New York
New York - Frauen sind die besseren Poker-Spieler. Das versichert einem jedenfalls Cathy ("Cat") Hulbert, die sie in der Szene alle nur "die Poker-Katze" nennen. "Weibliche Reize sind in der Lage, jeden männlichen Gegner auszustechen, egal wie hoch der Einsatz ist", sagt die lebenslange Glücksspielerin aus Los Angeles. "Wenn Männer auf ein hübsches Gesicht starren oder auf eine hübsche Brust, verlieren sie das Interesse an allem anderen."
Hulbert muss es wissen, sie ist ein alter Profi. Sie spielt seit 1976 vollberuflich, war lange die einsame Frau im Männerclub am Poker-Tisch. Doch das hat sich geändert. Hunderttausende Amerikanerinnen haben Poker neuerdings als Geheimwaffe der Geschlechter entdeckt, und Hulbert gibt ihnen gerne Nachhilfe-Unterricht im Hollywood Park Casino für 250 Dollar pro Nase. Ihr erster Tipp: "Dein Hirn ist dein Ass."
Ein ganzes Land steckt im Poker-Fieber. Frauen, Männer, Kinder, Jugendliche, Senioren, Profis, Promis, Business-Leute, Börsenmakler: Alle entdecken sie es plötzlich neu, das uralte Zockerspiel um Full Houses und Royal Flushs. 80 Millionen Amerikaner, so schätzen Glücksspiel-Experten, erstarren inzwischen regelmäßig zum "Pokerface".
Poker-Chips in der Weihnachtsauslage
Und das nicht nur in den gigantomanischen Casino-Vergnügungsmaschinen von Las Vegas und Atlantic City oder in verschwiegen-verräucherten Hinterzimmern. Sondern in Tausenden privaten Poker-Salons, Wohnstuben und Schulaulen, im Internet, auf Benefizgalas, bei rekordbrechenden TV-Pokerturnieren - und selbst an der Wall Street, wo neuerdings die Aktie des Pokerkonzerns WPTE die Börsianer lockt.
Die wahren Helden des kleinen Mannes hier heißen nicht mehr J.Lo oder Julia Roberts. Sie heißen Chris Bigler, Jennifer Harman oder Casey Kastle, um nur drei der wechselnden Poker-Champions zu nennen. Und - ja, wirklich - Chris Moneymaker, ein Buchhalter aus Tennessee, mit dem der ganze Volkswahn ja erst angefangen hat, als er voriges Jahr aus dem Nichts heraus die Poker-Weltmeisterschaft gewann - und 2,5 Millionen Dollar Preisgeld. Poker-Legende Johnny Moss musste sich 1971 noch mit 30.000 Dollar zufrieden geben.
Moneymakers Thronfolger Greg Raymer kassierte jetzt sogar die Rekordsumme von fünf Millionen Dollar, eine Vergütung, von der ein Wimbledon-Sieger nur träumen kann. Dafür musste der Patentanwalt in Las Vegas aber auch 2576 Konkurrenten aus dem Feld schlagen, mehr als je zuvor in der Geschichte des Pokers. "Poker ist der heißeste Trend", sagt Ellen Heaney Mizer, Einkäuferin beim Buchhandelskonzern Barnes & Noble, in dessen Weihnachtsauslagen auch Poker-Chips liegen.
Umsatzexplosion von 1400 Prozent
Moneymakers Aufstieg vom Laien zum Karten-Multimillionär personifiziert diese Poker-Manie. Vor der World Series of Poker, wie sich die WM nennt, hatte der 27-Jährige noch nie gegen leibhaftige Rivalen am grünen Tisch gepokert, sondern nur virtuell in Internet-Casinos, und auch das erst seit drei Jahren. Über den Online-Salon PokerStars.com qualifizierte er sich für die World Series mit 40 Dollar Einsatz.
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