Von Marc Pitzke, New York
Auch für die meisten anderen Jung-Pokerfans begann alles am Computer. Online-Gambling demystifizierte Poker, befreite es vom Hauch des Dubiosen, machte es gesellschaftsfähig - und den Amerikanern breit zugänglich. Denn während reales Glücksspiel in den USA staatlich streng reguliert ist, ist die Rechtslage beim virtuellen Zocken noch unklar. "Kommt ganz auf den Bundesstaat an", sagt Poker-Jurist Nelson Rose. Die meisten der rund 1800 Glücksspiel-Websites haben ihren Sitz deshalb außerhalb der Staaten, etwa in der Karibik.
Das spornt die Spieler auf dem Festland nur an. Allein für dieses Jahr erwarten die Poker-Websites einen Gesamtumsatz von rund 1,5 Milliarden Dollar. Das ist eine Umsatzexplosion von 1400 Prozent in nur zwei Jahren - 2002 waren es noch 100 Millionen Dollar gewesen.
Auch das Fernsehen stieg groß ein, einen Quotengaranten witternd. Der Sportsender ESPN begann Poker-Turniere zu übertragen, erst zaghaft, dann immer aggressiver. Inzwischen schalten sich bis zu zwei Millionen Zuschauer pro Folge und Runde ein, manchmal sogar mehr als bei Football-Spielen. "Vor einem Jahr hätte noch keiner vorhergesagt, dass Poker das nächste große Ding sein würde", staunt ESPN-Exekutivproduzent Mike Antinoro. "Es ist wirklich unglaublich, wie es alles überrollt hat."
Dieses Jahr schlachtete ESPN ("Weltbester im Sport") die Poker-WM in zwei Dutzend Einzelepisoden aus und wiederholte die Highlights von 2003 in einem 22-Stunden-Marathon. Für die US-Meisterschaften hat der Sender einen Mehrjahresvertrag mit dem Immobilienhai Donald Trump abgeschlossen, um die Turniere aus dessen Casino Taj Majal in Atlantic City übertragen zu dürfen. "Wir schwimmen auf der Welle mit", sagt Antinoro.
Die "World Poker Tour" (WPT) ist neuerdings das erfolgreichste Programm des Travel Channels. Bei 14 WPT-Einzelturnieren sind da rund 70 Millionen Dollar zu erpokern; die Endlosserie rühmt sich, "pro Monat einen Poker-Millionär" zu krönen. Allein im Foxwood-Casino in Connecticut - "im größten Pokersaal der Ostküste im größten Casino der Welt" (Eigenwerbung) - spielten 674 Kandidaten um Preisgelder von insgesamt 6,8 Millionen Dollar.
Alte TV-Stars im Poker-Frühling
Hinter der "World Poker Tour" steckt die Produktionsfirma WPT Enterprises (WPTE). Die vermarktet die Zocker-Tournee überdies als Videospiel (24,99 Dollar, "eine tolle Füllung für den Nikolausstrumpf"), inklusive eines 45-Minuten-Trainingsfilms mit dem pokernden Hollywood-Schauspieler Lou Diamond Phillips. WTPE debütierte im August an der New Yorker Börse; seither hat sich der Kurs mehr als verdoppelt. "Eine kluge Wette", nennt Money-Manager Mario Gabelli die Poker-Aktie. Dennoch warnt er Investoren, dass Pokern weiter "eine spekulative Anlage" bleibe.
Bravo, der schräge Ableger des renommierten Networks NBC, hat derweil mit "Celebrity Poker Showdown" eine Reality-Show gefunden, bei der sich viele ausrangierte TV-Stars einen zweiten Fernsehfrühling erpokert haben. Fox Sports Net hat gleich zwei Poker-Serien im Angebot und präsentierte die erste Live-Übertragung eines Poker-Spiels überhaupt.
"Das Fernsehen hat die Leute süchtig gemacht", sagt Mike Gainey, Poker-Direktor des Seneca-Casinos an den Niagara-Fällen. "Und es wird noch weiter wachsen. Erst haben die Casinos ihre Poker-Zimmer dichtgemacht und stattdessen Slot-Maschinen aufgestellt. Jetzt reißen sie die Maschinen wieder raus und bringen die Poker-Zimmer zurück."
Bankrott, Scheidung, Gewalt
Größter Vorteil des TV-Pokers: Die Zuschauer sehen, was die Spieler nicht sehen können - wer eine gute Hand hat, wer eine schlechte, wer blufft. Denn Kameras unter den Tischen zeigen alle Karten durch kleine Glasfenster. Auf diese Idee kam der Spielzeug-König Henry Orenstein, der als erster die Lukrativität von TV-Pokers ahnte und nun die Fox-Serie "Poker Superstars" produziert. "Das ist es, was Poker im Fernsehen verkauft", sagt Jeff Shulman, der Chef des Fachblatts "Card Player". "Früher ahntest du die Bluffs nur. Jetzt siehst du sie."
Dank des Fernsehens sind selbst Kids den Karten verfallen. Überall in den Vorstädten treffen sich Boys und Girls regelmäßig zur flotten Runde Poker nach der Schule. Sie spielen um Cents und oft unter Aufsicht der Eltern. Wie die Erwachsenen sammeln sie Chips und Karten, debattieren Strategien, führen Statistiken. "Es ist nichts anderes, als wenn wir nach der Schule nach Hause gehen und einen Football durch die Gegend werfen", sagte Ben Wrobel, ein Schüler an der Mamaroneck High School auf Long Island, der "New York Times". Experten runzeln aber die Stirn: "Meistens ist das harmlos", meint die Psychiatrie-Professorin Nancy Petry, eine Spezialistin für Spielsucht. "Doch Eltern müssen wissen, dass das auch ein Problem werden kann, und viele wissen das nicht."
Schon warnt die konservative Lobbygruppe Center for Arizona Policy vor den Folgen übermäßigen Pokerns und anderen Glücksspiels. Auf der Schreckensliste der Zocker-Rache: "Bankrott, Selbstmord, Sucht, Scheidung, Kindesmisshandlung, Gewalt, generelle Kriminalität, Ausbeutung der Armen."
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