Von Matthias Streitz, Düsseldorf
Die Visitenkarte, die Cornelius Everke bei der Begrüßung überreicht, sieht noch aus wie in vergangenen Zeiten. "Karstadt Coffee GmbH, Managing Director" steht darauf, doch das stimmt seit drei Wochen nicht mehr. Everke ist immer noch Chef von gut 470 Leuten, deren Firma aber nennt sich jetzt Starbucks Coffee Deutschland. Der Name Karstadt ist getilgt, weil der Krisenkonzern beschloss, dass der Ausschank von White Chocolate Mocha nicht mehr als Kerngeschäft gilt. Seit Anfang Dezember steht Starbucks auf dem deutschen Markt partnerlos da.
"Für Kunden und Mitarbeiter hat sich dadurch nichts geändert", sagt Everke und gestikuliert energisch dabei. Es ist ein Montag, irgendwann nach 13 Uhr, und der Firmenchef trinkt Café Latte in der Filiale Benrather Karree in Düsseldorf. Seine Hände spielen mit dem Pappbecher, der rot ist und mit Weihnachtsmotiven bedruckt. Über eine Stunde vergeht, bis Everke doch durchblicken lässt: "Die vergangenen Monate waren nicht leicht für uns."
Schon im Sommer kursierte das Gerücht, Karstadt wolle weg vom "unprofitablen Geschäftsfeld" mit Kaffee und Backwerk. Zeitungen schrieben, gerade mal drei deutsche Starbucks-Filialen würfen Gewinne ab. "Das waren schlecht recherchierte Artikel, die aber viele gelesen haben", ärgert Everke sich noch heute. Viele Angestellte in den jetzt 37 deutschen Standorten seien beunruhigt gewesen - völlig zu unrecht, wie er beteuert. Wie viele Filialen tatsächlich profitabel seien, verrät er auch jetzt nicht. "Sie können sicher sein", sagt er nur, "es ist eine größere Anzahl."
Small-Talk-Tournee durch die Filialen
Everke möchte heute lieber über anderes reden - das Weihnachtsgeschäft zum Beispiel. "Es ist fantastisch gelaufen, die Zeiten sind gut für uns", jubiliert er. Überhaupt versucht er, Zuversicht auszustrahlen. Am liebsten spricht er über seine Mitarbeiter, die er im Firmenslang "Baristas" nennt oder "Schicht-Supervisor". "Sie merken, dass sie Teil einer wachsenden Idee sind", sagt Everke und klingt fast, als wäre Starbucks eine Religion und keine Firma, die Arabica und Brownies verkauft.
Auch heute ist Everke in Sachen Mitarbeiter-Motivation unterwegs: Aus der Essener Zentrale ist er nach Düsseldorf gefahren, um dort in den fünf Filialen "frohe Weihnachten zu wünschen". Alle Baristas kennen ihn hier - und Everke müht sich, niemanden auszulassen bei seiner Smalltalk-Tournee. In der Filiale am Benrather Karree sitzen Mütter mit Babys um ihn herum, zwei japanische Twens, eine Schüler-Clique macht Hausaufgaben. Everke zeigt stolz, wie gemischt das Publikum ist im vermeintlichen Yuppie-Lokal. "Wir sind mehr als nur young and trendy", flüstert er, damit ihn der Rentner nicht hört, der nebenan Zeitung liest.
"Ob wir jetzt 37 Filialen haben oder über 40", sagt Everke, "ist nicht so wichtig für uns." Er räumt aber ein: Die Karstadt-Krise hat die Expansion in Deutschland gebremst. Irgendwann in der zweiten Jahreshälfte seien in der Zentrale die "Besucher" angerückt: Bei einer Due Diligence wurde der Wert des Unternehmens geprüft, dann pokerten Karstadt und Starbucks über den Preis, den die Kaufhauskette für ihre 82 Prozent an der Coffee GmbH bekam.
"Zum Jahresende über 600 Arbeitsplätze"
In dieser Phase hat Everke keine Verträge zur Eröffnung neuer Zweigstellen abgeschlossen. "Unser Fokus war ein anderer." So kommt es, dass die sonst wachstumshungrige Kette 2004 nur neun neue Filialen in Deutschland aufmachte, weniger als 2003. Auch Anfang 2005 ist erst einmal Pause: Die nächsten Eröffnungen folgen ab Mai an der Königsallee in Düsseldorf und in der Sendlinger Straße in München.
"Wir wissen aber, dass wir 2005 mehr Stores eröffnen als in diesem Jahr", kündigt Everke an. Die Standorte für sieben Neu-Filialen seien intern bereits festgezurrt, weitere würden folgen. In Frankfurt und Berlin werde je ein Café dazukommen, im Süden und im Rhein-Main-Gebiet wolle Starbucks neue Städte erschließen. "Am Ende des Jahres", sagt Everke, "wollen wir über 600 Arbeitsplätze haben." Die Nummer eins ist die US-Kette dann immer noch nicht. Die Espresso-Bars Segafredo und Lavazza - laut Everke die Hauptkonkurrenz - wird er in Deutschland kaum vor 2006 überholen. Tchibo ist sowieso größer.
"Natürlich könnten wir morgen Filialen in Dresden und Leipzig eröffnen", verteidigt sich Everke, "das sind wichtige Städte für uns." Aber auch Ende 2005 werden noch große weiße Flecken auf seiner Expansionskarte bleiben: Der ganze Osten wird fehlen, von Berlin abgesehen, in Norddeutschland gibt es nur die eine Filiale in Osnabrück. Es mache eben keinen Sinn, "nach dem Gießkannenprinzip in jeder schönen Großstadt einen Starbucks zu eröffnen", sagt Everke - die Logistik müsse vorher stimmen.
Aktienoptionen für Mitarbeiter geplant
Kritiker unken, dass Everke den Norden meidet, weil sich die Starbucks-Klone dort schon in Überzahl drängeln. Allein Balzac Coffee kommt in Hannover und Hamburg auf 14 Filialen. "Das hat damit nichts zu tun", sagt Everke, "lokalen Wettbewerb gibt es auch in München." Er glaube auch nicht, dass Starbucks mit Preisen wie 2,90 Euro pro Tall Latte zu teuer sei für Städte im Osten. "Auch Osnabrück hat nicht die allergrößte Kaufkraft. Aber das war eine unserer erfolgreichsten Neueröffnungen", sagt Everke, und später: "Das Pricing ist für unsere Kunden kein Thema, das wissen wir aus Befragungen."
Sein "erstes Mal" bei Starbucks hat Everke 1994 erlebt, für ihn war es fast ein Bekehrungserlebnis. Er arbeitete damals als Hotelmanager in New York, als die erste Filiale in Manhattan eröffnete - heute sind es 189. Nach dem Ausstieg von Karstadt plant Everke, noch mehr "Starbucks-spezifische Ideen" einzuführen. Gern würde er, wie in den USA, Aktienoptionen an normale Baristas vergeben. Bis Mitte 2005 will Everke noch offene steuerrechtliche Fragen geklärt haben. "Die Idee ist da, jetzt geht es um die Exekution."
2005 stehen für Everke weitere Umbrüche an. Noch sind er und sein Team in der Essener Haedenkampstraße Mieter bei Karstadt - die Café-Kette und eine Sparte des Ex-Partners sitzen auf demselben Gelände. Anfang April ziehen Everke und seine Verwaltung in neue Büros, wieder in Essen, aber etwas größer dimensioniert. Erst dann ist die Ära Karstadt für Starbucks gänzlich zu Ende.
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