Von Marc Pitzke, New York
New York - Mark Jen konnte es vor Freude kaum fassen. "Ich war so aufgeregt", erinnert sich der Programmierer und Hobby-Blogger aus San Francisco an seine Reaktion, als ihn Google im Januar als Produktmanager einstellte. "Ich hatte das Gefühl, in eine kleine Startup-Familie aufgenommen zu werden. Ich dachte, ich würde in ein revolutionäres Entwicklungsumfeld eintauchen." Doch es kam anders: "Ich hatte falsch gedacht."
Denn nach nicht mal zwei Wochen wurde Jen fristlos gefeuert. Über die Hintergründe hält sich Google professionell bedeckt: "Mark ist nicht länger bei Google beschäftigt", erklärte ein Sprecher nur. Doch Jen hat keine Zweifel: "Mein Blog war der Grund." Der Kalifornier, der zuvor eineinhalb Jahre bei Microsoft beschäftigt war, hatte auf seinem Online-Tagebuch (99zeroes.blogspot.com) über seine Erlebnisse als Google-Frischling berichtet - und dabei auch manche Interna ausgeplaudert.
Und zwar nicht nur, dass Lunch und Dinner in der Kantine umsonst seien. Sondern auch, dass es "Stunden langweiliger Präsentationen" gebe, dass das interne Google-Network im "Chaos" ersticke, dass die Krankenversorgung im Vergleich zu Microsoft "relativ mager" sei und dass die meisten der gepriesenen Google-Sozialleistungen in Wahrheit "der Company zu Gute kommen, nicht dem Angestellten". Auch machte Jen Andeutungen über den finanziellen Zustand des Konzerns und neue Produkte - beides heiße Ware auf dem Informationsmarkt.
Größte Aktienfreigabe seit des IPO
Zu dumm, dass Google selbst der Domain-Verwalter seines Blogs war. Und so verschwanden die kritischen Kommentare kurz darauf wieder von der Website; Jen erklärte, er habe auf Druck Googles "alle unangebrachten Inhalte beseitigt". Zwei Tage später fand er sich trotzdem auf der Straße wieder: "Das war für mich ein großer Schock." Schließlich habe er bei Microsoft ungestört bloggen dürfen.
Der Fall Jen - in der "Blogosphere", der Blogger-Szene, dieser Tage wie ein Krimi diskutiert - ist nur ein Beispiel dafür, dass Google keineswegs mehr die nette, "kleine Startup-Familie" ist, für die es viele halten. Sondern ein Mega-Konzern mit 3,1 Milliarden Dollar Jahresumsatz, der die Wall Street bewegt. Sogar Marketwatch, der Börsendienst des US-Networks CBS, meldete die Entlassung des Bloggers, verbunden mit dem spitzen Hinweis: "Eines der Fundamente der Unternehmensphilosophie von Google ist es doch, freie Meinungsäußerung zu ermuntern."
Ab heute werden die Profi- und Hobby-Analysten abermals Gelegenheit haben, sich den Kopf über den bisherigen Börsenliebling zu zerbrechen: Da werden Anteilseigner des weltgrößten Suchmaschinen-Giganten, dessen Aktienkurs sich seit dem Börsengang im August mehr als verdoppelt hat, den Markt überschwemmen können - mit 176,8 Millionen Aktien. Denn heute endet die so genannte Lock-up-Periode, in der diese Aktionäre ihre Wertpapiere nicht verkaufen dürfen. Kommen alle der alten Aktien tatsächlich auf den Markt, würde sich die Zahl der Aktien von 127,7 auf 304,5 Millionen erhöhen.
25 Prozent Kursverlust?
Beobachter streiten sich, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist. "Ist Google fest genug im Markt verwurzelt, um dieser Flut standzuhalten?", wundert sich Eric Hellweg, der Börsenkolumnist des Wall-Street-Magazins "Money". "Oder wird es stöhnen und unter der Last zusammenbrechen?" Könne Googles Valentinstag-Coup, so Hellweg in Anspielung auf den legendären Mafia-Anschlag von 1929, sogar zum "Valentinstag-Massaker" werden?
In der Tat wirft Googles Aktienstrategie Fragen auf. Es ist zwar üblich, dass Börsenkonzerne auch lange nach dem IPO noch weitere Anteilsscheine veräußern können, indem sie nach Absprache mit den Banken schrittweise die "Lockups" (Verkaufssperren) für Insider-Aktien aufheben - etwa Aktien der Gründer, Manager, Mitarbeiter, Familienangehörigen und beteiligten Venture-Kapitalisten. Doch selten geschieht das in so großer Menge so schnell.
Experten befürchten, dass der Google-Kurs unter Druck geraten könnte. Zumal sich das Handelsvolumen - derzeit rund elf Millionen Aktien am Tag - durch die Freigabe erheblich potenzieren dürfte. Gibt es dafür Nachfrage? Wird eine neue "Googlemania" ausbrechen?
Die Insider hoffen auf einen Geldregen. "Ich werde nie, nie, nie die Gelegenheit verpassen zu verkaufen", jubelte eine Dame namens Amy Lu, die sich als "Google-Angestellte" identifizierte, auf dem Google-Messageboard von Yahoo. "Dies ist ein Geschenk Gottes, um mich reich zu machen." Firmengründer Sergey Brin und Larry Page wollen nach dem Lockup angeblich insgesamt je 7,2 Millionen Aktien abstoßen - über wäre das eine Milliarde Dollar Cash pro Nase. Das passt natürlich nicht jedem: Ein anonymer Google-Kritiker, ebenfalls auf besagtem Yahoo-Board, nannte sie "arrogante und hungrige Insider".
Dabei hatten Brin und Page erst am vorigen Mittwoch Hunderte Wall-Street-Experten auf einer sonnig-optimistischen Analysten-Konferenz persönlich umgarnt. Zu optimistisch jedoch für manche, zumal es an konkreten Zahlen fehlte: "Wir fragen uns, wie dieses Team einmal mit Missgeschicken fertig wird, falls diese tatsächlich eintreffen sollten", grübelte das Investmenthaus Merrill Lynch.
Der geschasste Mark Jen jedenfalls wird an der Großauktion nicht teilnehmen, weder als Käufer noch Verkäufer. Er ist, wie er in seinem Blog gestand, restlos pleite, da er sein erstes (und letztes) Google-Gehalt ausgegeben hatte, bevor es auf dem Konto war - seine ganz persönliche "Googlemania" also. Deshalb hat er sich gleich wieder auf Jobsuche begeben: "Wenn Sie einen talentierten Projekt/Produkt/Programm-Manager suchen, ich bin verfügbar", schreibt er. "Und wenn Sie eine Firmenvorschrift fürs Bloggen haben - ich verspreche, sie einzuhalten."
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