New York - Die Daten der US-Firma, die auf Sammlung und Weitergabe von Informationen über Millionen amerikanische Verbraucher spezialisiert ist, sind auf illegale Weise angezapft worden, wie ChoicePoint selbst einräumte. Die Täter könnten mit Hilfe der so ergaunerten persönlichen Informationen groß angelegte Betrügereien durchführen. Nach Angaben von ChoicePoint sind 145.000 Benachrichtigungen an potenzielle Datenmissbrauchs-Opfer im ganzen Land versandt worden.
Die Kriminellen traten mit Tarnfirmen auf, wurden ChoicePoint-Kunden und erhielten Zugang zu bestimmten Verbraucherinformationen. Sie bekamen Namen, Adressen sowie eine Kombination von Sozialversicherungs- und Führerscheinnummern und teilweise auch gekürzte Berichte über Kredithistorie und Bonität. Sie erhielten auch Zugang zu Insolvenz-, Forderungs-, professionellen Lizenz- und Immobilieninformationen.
Konzern verspricht Besserung
ChoicePoint wisse nicht, wie viele der 145.000 Verbraucher tatsächlich Opfer von "Identitätsdiebstahl" geworden seien, erklärte die Gesellschaft. Man wolle jetzt sämtliche seiner Unternehmenskunden neu überprüfen und ihnen erst dann Neuzulassungen geben.
Der Fall wirft erneut ein Schlaglicht auf eine umstrittene Branche, die davon lebt, Geheimnisse zu lüften, selbst aber gern geheimnisvoll bleibt: die amerikanischen Datensammler und -vermarkter mit synthetischen Namen wie PeopleWise oder eben ChoicePoint. In Zeiten der Angst vor Terroristen, kriminellen Elementen, Bilanzfälschern und auch dem eigenen Nachbarn, blüht das Geschäft. ChoicePoint ist nach eigenen Angaben Marktführer in seiner Branche und beschäftigt 5500 Menschen an 60 Standorten. Die ChoicePoint-Aktie, Anfang 2000 noch 20 Dollar wert, hat ihren Wert seitdem knapp verdoppelt.
Versicherer als wichtige Kunden
Traditionell bedient der Konzern vor allem Versicherungen, die Kfz- oder Gebäudeschutzpolicen verkaufen. Nach einem Daten-Check kann der Vertreter beurteilen, ob der Kunde Unfälle oder Zahlungsausfälle verschweigt. Inzwischen erzielt ChoicePoint aber im Geschäft mit Staat und Unternehmen, die etwa Bewerberbiographien prüfen lassen, fast 40 Prozent seiner Erlöse. Die Marketing-Sparte, das dritte Konzernstandbein, vermarktet Adressen an Firmen, die gezielt Werbepost verschicken. Mit dem Kauf der Firma Total eData erwarb ChoicePoint auch 30 Millionen E-Mail-Adressen mitsamt Namen und Anschrift ihrer Besitzer.
Daran, dass die Big Brother AGs in den USA florieren, ist paradoxerweise ein Datenschutzgesetz schuld. Der "Privacy Act", 1974 unter dem Eindruck der Nixon-Ära beschlossen, untersagt Behörden, Daten zu sammeln, die nicht unmittelbar ihre Arbeit betreffen. Private Datensammler wie ChoicePoint hingegen laufen an einer langen Leine. Der US-Datenschützer Chris Hoofnagle schimpft deshalb: "Die USA sind für Datenmissbrauch das, was die Karibik für die Geldwäsche ist."
"Identitätsdiebstahl" ist ein enormes Problem in den USA. Tausende von Amerikanern sind jährlich die Opfer. Die Kriminellen eröffnen mit Hilfe persönlicher Daten der Betroffenen Konten, beschaffen sich Kreditkarten und machen in großem Stil Schulden. Es dauert meist viele Monate oder gar Jahre, bis die vom Datenmissbrauch betroffenen Bürger die Banken, Kreditgeber, Geschäfte und andere Gläubiger überzeugen können, dass sie Opfer von Identitätsklau waren und die Schulden oder Käufe nicht selbst gemacht hatten.
Matthias Streitz
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