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Kosmetik-Branche L'Oréals großer Bluff

2. Teil: Warum es keine Mittel gegen Cellulite geben kann

Anders als die Konkurrenz kann L'Oréal Innovationen wie etwa neue Sonnenschutzfilter über die gesamte Produktpalette streuen. Was zuerst in Luxusmarken wie Helena Rubinstein oder Lancôme auftaucht, wird später, unter erneutem PR-Geklapper, an Massenlabels wie Ambre Solaire oder Garnier durchgereicht.

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Als sich Ende der neunziger Jahre eine Sättigung des Geschäfts in Europa abzeichnete, richtete der Firmenchef Lindsay Owen-Jones die Gruppe globaler aus. Neue Kundschaft sah der Brite vor allem in Schwellenländern wie China, Brasilien, Indien und Südafrika. Er übernahm Marken wie die chinesische Hautpflegeserie Mininurse oder die US-Labels Softsheen und Carson, die den afro-amerikanischen Markt mit ethnischer Kosmetik wie Hautbleichmitteln und Haarglättern überziehen.

Für Marken-Make-ups wurden Stars wie die Boxerin Laïla Ali oder die Schauspielerin Gong Li verpflichtet - und tatsächlich stieg der Umsatzanteil der Schwellenländer in den vergangenen zehn Jahren von neun auf 20 Prozent. Die Aura, die Owen-Jones trotz seines kürzlich angekündigten Rückzugs umgibt, hat viel mit diesem Riecher zu tun. "Auf ein Interview mit ihm warten Journalisten über ein Jahr", raunt Monika Riemke ehrfürchtig.

Manchen französischen Journalisten scheint der 58-Jährige bis heute ein Rätsel: Sie halten den in der Nähe von Liverpool aufgewachsenen Briten für einen Walliser, und berichten von dessen reibungsloser Traumkarriere bei L'Oréal. Dabei durfte der 23-Jährige Oxford-Absolvent, als er beginn, erstmal die Ochsentour durch Nordfrankreich und Belgien machen, als Handelsvertreter des Billigshampoos Dop.

Auf dem Foto des Geschäftsberichts lehnt sich Owen-Jones wie ein Macher über den Konferenztisch. 16 Jahre als L'Oréal-Chef haben keine Spuren hinterlassen, bedeutet das Foto. Sein Gesicht scheint gut ausgeleuchtet und retuschiert worden zu sein.

Doch wenn das Licht erlischt, verblasst auch der Mythos. Dann sind Furchen zu erkennen, die eigentlich sein Gesicht durchziehen. Aber Furchen sind Gift für einen Konzern, der Straffheit verspricht. Sie könnten den Eindruck von Überforderung erwecken. Die Wahrnehmung der Aktionäre könnte aus dem Ruder laufen. Die Legende bröckeln. Der schöne Schein der Künstlichkeit verblassen. Genauso wie bei seiner Firma.

Eines der rührendsten Märchen aus dem Reich der Kosmetik ist das des Parfums. Es spielt im südfranzösischen Grasse und handelt von Bauern, die Rosen züchten, den Extrakt destillieren und an Parfumeure verkaufen, die daraus Düfte kreieren. Auch L'Oréal strickt an dieser Folklore mit und behauptet im Umweltbericht "nachwachsenden pflanzlichen Rohstoffen den Vorzug" zu geben - obwohl in der gesamten Branche fast nur noch mit synthetischen Essenzen gearbeitet wird.

L'Oréal herrscht über Düfte wie Giorgio Armani, Ralph Lauren und Cacharel, aber beschäftigt keinen einzigen Parfumeur. Für Handarbeit ist in dieser Industrie längst kein Platz mehr. In einer Reportage des Privatsenders M6 wurden die Kosten eines weltweiten Produkt-Launches auf 40 Millionen Euro geschätzt. Ein Duft ist vor allem ein Name und eine Kampagne - erst dann kommt das Wässerchen, und das wird nicht einmal im eigenen Hause produziert.

L'Oréal beschäftigt Auftragsfertiger wie den Schweizer Duftspezialisten Givaudan, dessen Geruchsfabriken wie Raffinerien aussehen. In Schauvitrinen präsentiert Givaudan Edel-Essenzen gleich neben WC-Reinigern. Der reine Produktwert der beiden Artikel wird sich nicht erheblich unterscheiden: Bei einem 60 Euro teuren Duft liegt er etwa bei 1,50 Euro.

Wie sehr Produkte zu Lakaien ihrer Marken geworden sind, wird nirgendwo besser vorgeführt als in der Kosmetikindustrie. Genau genommen haben Produkt und Marke nichts mehr miteinander zu tun. Während etwa in der Autoindustrie der Produktionsprozess noch eine vorzeigbare Ästhetik besitzt, wird er in der Kosmetik versteckt. Was sollte man auch zeigen? Chemieküchen? Tierversuche? "Wir führen seit 1989 keine Tierversuche mehr durch", sagt Monika Riemke empört.

Was sie nicht sagt: Pierre Simoncelli, L'Oréal-Cheflobbyist in Brüssel, bearbeitete das EU-Parlament sogar bis zur Ebene der Fraktionsmitarbeiter der Grünen, um das Tierversuchsverbot für Kosmetika zu kippen. L'Oréal hat sich für die kleinen Auftragstester in die Bresche geworfen, die Inhaltsstoffe an Tieren probieren und sich für die Großkonzerne die Finger blutig machen. So bleiben diese weiter sauber. So sauber wie in ihrer Reklame.

In Jubel-Anzeigen für ein Anti-Cellulite-Mittel titelte L'Oréal vor kurzem in der Zeitschrift "Gala": "Nein zum Orangenhaut-Effekt! 85 % bestätigen Wirksamkeit." Befragt worden waren 50 Frauen, von denen die meisten bereits nach acht Tagen gespürt haben wollen, wie sich ihre Haut strafft. Blindtests gab es nicht.

Im "Öko-Test" fiel bezeichnetes Gel und zwei weitere Markenprodukte des Konzerns als "ungenügend" durch. Sie waren nicht nur "schlaff" im Ergebnis (wie die meisten Konkurrenzprodukte), sondern erwiesen sich als wahrer Chemie-Cocktail: Neben Polyethylenglykolen, die die Haut schadstoffdurchlässig machen können, fanden die Tester Phthalate (Weichmacher), die von der EU als fortpflanzungsschädigend eingestuft werden. In zwei L'Oréal-Produkten wiesen sie künstliche Moschus-Verbindungen nach, die sich im Fettgewebe anreichern. Ein Leben lang.

Cellulite wegzucremen ist etwa so sinnvoll, wie dies mit seinen Brüsten zu versuchen. "Es gibt kein Mittel, mit dem man Cellulite wegcremen kann", sagt Kerstin Scheidecker von "Öko-Test". Und das dürfte es auch gar nicht geben: "Die deutsche Kosmetikverordnung schließt die Beeinflussung von Körperformen aus", so Scheidecker.

Hans Schäfer hat für L'Oréal auf diesem Grenzgebiet zwischen Kosmetik und Medizin gearbeitet. Bis vor vier Jahren gehörte der deutsche Biochemiker zum Forscherteam von L'Oréal, in dem inzwischen weltweit 2900 Wissenschaftler arbeiten. Wenn Schäfer von seinen Anti-Aging-Anordnungen berichtet, hört sich das ein wenig so an, als probiere ein Schüler seinen neuen Chemiebaukasten aus: "Ich hab mal Vitamin C, Vitamin A, Collagen, Entzündungshemmer und Antioxidanzien zusammengemixt", so Schäfer. "Hat aber nicht funktioniert."

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Doch Schäfer hat auch an echten Coups mitgearbeitet: Mitte der achtziger Jahre entwickelte er eine Aknecreme auf Retinoid-Basis, mit der sich die L'Oréal-Tochter Galderma in den Bereich der Medikamente vorwagte. Erste menschliche Tests mit dem problematischen synthetischen Molekül lagerte Galderma damals vorsichtshalber nach Warschau aus.

Schäfer entwickelte auch ein Haarwuchsmittel - hat aber offenbar die Marketing-Strategie nicht mehr ganz im Kopf. Die Tinktur halte nur "in begrenztem Maß den Haarausfall auf und wirkt nicht bei allen", sagt er trocken. Wer sie anwende, müsse schon sehr auf sein Haar fixiert sein.

"Das klebt", sagt Schäfer, der jahrelang im L'Oréal-Forschungszentrum in Clichy arbeitete. An diesem Morgen berichten dort zwei Biochemikerinnen stolz von der "aggressiven Patententwicklung" der Gruppe. 515 Patente halte L'Oréal weltweit. Einige würden bereits auf Nanotechnologie basieren und Substanzen einkapseln. Das sei wichtig für die neuen Nahrungsergänzungsmittel mit kosmetischer Wirkung.

Solche Produkte entwickelt L'Oréal zusammen mit dem Nahrungsmittelgiganten Nestlé, dem nach Liliane Bettencourt zweitgrößten L'Oréal-Gesellschafter - über dessen Manager die große alte Dame zumindest in Stilfragen mitunter den Kopf schütteln wird: Zu ihren Lebzeiten schon offen über ihre Nachfolge zu reden und, wie Ex-Nestlé-Boss Helmut Maucher 1992, keinen Hehl daraus zu machen, den Kosmetikriesen als Ergänzung des Schweizer Multis schlucken zu wollen - das muss der französischen Geldadligen wie der Aufstand des eigenen Gesindes vorkommen.

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