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17.03.2005
 

Las Vegas

Wassernot im Zockerparadies

Von Michael Kröger

Nach fünf Jahren Dürre kämpft Las Vegas um jeden Tropfen Wasser. Der Neubau von Swimmingpools ist verboten, die Fontänen vor den Casinos werden mit Abwasser gespeist. Das Grundproblem bleibt: Las Vegas ist die am schnellsten wachsende Stadt der USA - doch der Lebensquell versiegt.

Fontänen vor dem Bellagio in Las Vegas: Brauchwasser aus den Duschen für den schönen Schein
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Fontänen vor dem Bellagio in Las Vegas: Brauchwasser aus den Duschen für den schönen Schein

Berlin - Der Schnee war nicht schlecht in diesem Winter. Am Mount Dutton etwa oder am Blue Bell Knoll im Südwesten von Utah ist beinahe doppelt so viel gefallen wie sonst durchschnittlich in einem Jahr. Auch für die Berge der Rocky Mountains melden die Meteorologen deutlich mehr Niederschlag als normal.

Die Skifahrer sind nicht die einzigen, die Vergnügen daran finden. Auch die Beamten der Southern Nevada Water Authority schauen aus dem Fenster ihres Büros am Stadtrand von Las Vegas des Öfteren gedankenverloren in Richtung Berge. Denn der Schnee wird früher oder später schmelzen und ihre Wasserreservoirs füllen und damit ihre Sorgen lindern, wie sie die Stadt im Sommer mit Wasser versorgen sollen.

Lindern wohlgemerkt - denn auch die kräftigen Niederschläge können die Folgen der Dürre nicht ausgleichen. Neun Jahre müsste es schneien und regnen wie in diesem Winter, um die Verluste der vergangenen Jahre auszugleichen, so die Schätzung von Tom Pagano von der nationalen Behörde für Wasser- und Klimaschutz. Doch ob es dazu kommt oder dieser Winter nur die Ausnahme war, wagt der Wasserexperte nicht vorherzusagen. "Besser wäre es, man würde sich auf die schlechteste der denkbaren Möglichkeiten einstellen."

Vorschriften so streng wie in Singapur

Der Linie folgt auch Patricia Mulroy, die Chefin der Southern Nevada Water Authority. Von Entwarnung will sie nichts wissen. Die strengen Vorschriften, die die gebürtige Deutsche schon vor Jahren zur Kontrolle des Wasserverbrauchs erlassen hat, sollen auch in diesem Jahr gültig bleiben, penibel überwacht durch patrouillierende Kontrolleure. Diese bestrafen Verstöße ähnlich hart wie ihre Kollegen in Singapur diejenigen, die Kaugummi auf den Bürgersteig spucken.

Stadtteil für Stadtteil, Häuserblock für Häuserblock ist zum Beispiel geregelt, wer an welchen Tagen in der Woche seinen Garten bewässern darf. Rasenflächen versucht die Wasserbehörde so weit wie möglich zurückzudrängen. Sie hat Prämien ausgelobt für Grundstücksbesitzer, die sie durch Kies ersetzen, in dem nur noch Wüstenpflanzen gedeihen. Wer noch keinen Swimmingpool besitzt, hat Pech, denn Neubauten werden nicht mehr genehmigt. Die Autowäsche - nicht nur in Deutschland ein beliebtes Samstagsritual - ist streng limitiert. Wer fließendes Wasser benutzt, riskiert ein saftiges Bußgeld.

Auch die Vergnügungspaläste am Strip unterliegen dem strengen Diktat. Doch mit großem technischen Aufwand gelingt es ihnen, wenigstens den Anschein aufrecht zu erhalten. Die beleuchteten Fontänen vor dem Bellagio oder die Wasserkaskaden vor dem Mirage etwa täuschen den Überfluss nur vor - sie werden vom Abwasser aus den Duschen, Spülbecken oder Waschmaschinen der umliegenden Hotels gespeist.

Hightech gegen hohen Verbrauch

Siena Golf Club am Rande von Las Vegas: Prämien für Kies statt Rasen
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Siena Golf Club am Rande von Las Vegas: Prämien für Kies statt Rasen

Gleichzeitig haben die Hotels den Verbrauch reduziert, wo es möglich war. Die Hotelzimmer sind mit Wasser sparenden Duschen und Toiletten ausgestattet. Computer analysieren über Sensoren unablässig Außentemperatur, Luftfeuchtigkeit, Wind und Sonneneinstrahlung und steuern die Bewässerungssysteme für die Gärten entsprechend. Das Kühlwasser der Klimaanlagen ist mit Chemikalien versetzt, die die Verdunstung bremsen.

Sogar der Zufluss zu den künstlichen Bergbächen und den Wassergräben wird genau überwacht. Die Kanäle des Casinos Venetian zum Beispiel erhalten gerade so viel Nachschub, wie durch Verdunstung verloren geht. Das gereinigte Abwasser, das nicht gebraucht wird, wird in den Lake Mead zurückgepumpt - für später. "Wir verkaufen Illusionen", sagt dazu Jaime Cruz, Technikchef des Bellagio, des Mirage und des MGM. "Dazu gehört auch, in der Mitte der Wüste eine Tropenwelt entstehen zu lassen."

Dank der Sparmaßnahmen konnte Mulroy den Wasserverbrauch der Stadt im vergangenen Jahr tatsächlich senken und damit den Trend der letzten zehn Jahre umkehren. In dieser Zeit war der Jahresverbrauch von 370 Millionen auf mehr als 600 Millionen Kubikmeter angeschwollen. Der Wert ist umso beachtlicher, als Las Vegas auf Zuwanderer eine geradezu magnetische Anziehungskraft ausübt. Mit einem Zuwachs von 3000 bis 4000 Einwohnern monatlich ist die Wüstenstadt die am schnellsten wachsende US-Metropole.

Kampf um die Ressourcen

Wachstum und Wirtschaftskraft der Stadt sind für Mulroy denn auch Grund genug, einen größeren Anteil am Wasser aus dem Lake Mead zu fordern. "Las Vegas ist der wirtschaftliche Motor Nevadas, davon profitieren auch andere", sagt die Managerin. "Irgendwo muss das auch seinen Niederschlag finden."

Doch so, wie es dort oben zurzeit aussieht, kann das nur bedeuten, dass auch die anderen Kommunen endlich drastische Sparmaßnahmen einleiten. Denn viel ist nicht mehr zu verteilen, das lässt sich am besten an den Ufern des Lake Mead ablesen. Besonders dort, wo der rote Fels steil abfällt, ist ein weißer Streifen zu erkennen, eine Kruste von Mineralsalzen, die sich nach dem Absinken des Wasserspiegels abgelagert haben. Fährt man mit dem Boot näher heran, erkennt man das ganze Ausmaß des Verlusts: Trotz der ausgiebigen Niederschläge in diesem Winter fehlen knapp 30 Meter zum Höchststand, den der See einst hatte. Zehn Jahre ist das her. Dann gingen die Niederschläge zurück und endeten schließlich in einer fünfjährigen Dürreperiode. 30 Meter sind nicht ein bisschen - 30 Meter bedeuten, dass der Lake Mead nur noch halb so viel Wasser hat wie einst.

Lange Zeit ging man davon aus, dass sich die Verhältnisse schon einrenken würden. Denn seit Präsident Franklin D. Roosevelt 1935 den Hoover-Damm einweihte, der die letzte Staustufe des Colorado River zum Lake Mead aufstaut, lag der Wasserstand nur ein einziges Jahr lang unter der magischen Mindestmarke von 1130 Fuß über dem Meeresspiegel. Überdurchschnittlich hohe Niederschläge in den siebziger und achtziger Jahren sorgten dann wieder für Höchststände in den Reservoirs, das System schien nahezu unzerstörbar.

Weiße Kruste am Steilufer

Lake Mead: Schlechteste aller Möglichkeiten in Betracht ziehen
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Lake Mead: Schlechteste aller Möglichkeiten in Betracht ziehen

Doch inzwischen hat es sich herumgesprochen - ein Weiter so würde zu einem Kollaps führen. "Den Lake Mead kann ein regenreicher Winter nicht wieder auffüllen, dazu braucht es eine längere Regenperiode", sagte Mulroy der "Los Angeles Times". Die Meteorologen aber gingen von einem Andauern der Dürre aus, so dass sich der Pegel des Stausees eher noch weiter absenken wird.

Die niedrigen Pegelstände verschärfen die Auseinandersetzung mit den anderen Nutznießern des Sees. Los Angeles zum Beispiel pumpt große Mengen ab, ebenso wie die Farmer der Gegend. Während diese mit Prämien zu ködern sind - gegen Geld lassen sie Ackerflächen und Weideland verdorren -, ist den Stadtvätern von Los Angeles nur schwer beizukommen.

Wie erbittert die Auseinandersetzung geführt wird, belegt ein Beispiel aus dem Jahr 2003: Am Neujahrstag drosselten die Techniker des Hoover-Staudamms auf Geheiß der Regierung in Washington die Pumpen für die Leitungen nach Los Angeles. Ein Warnschuss, weil die Kalifornier jahrelang fast ein Viertel mehr Wasser abgezapft hatten, als ihnen ein wohlmeinender Liefervertrag aus dem Jahre 1922 zugestanden hatte.

Pipeline durch die Wüste

Längst auch orientiert sich Mulroy in andere Richtungen, um neue Wasserquellen zu erschließen. So unterzeichnete der US-Kongress im November ein Gesetz, das die Errichtung einer Pipeline aus dem dünn besiedelten Norden Nevadas ermöglicht. Eine Milliarde Dollar würde die Leitung kosten, und sie könnte den Plänen der Wasserbehörde zufolge ab 2007 knapp 20 Millionen Kubikmeter pro Jahr nach Las Vegas leiten. Doch noch ist das Projekt nicht in trockenen Tüchern, denn Naturschützer und Umweltverbände kündigten heftigen Widerstand an. Sie befürchten, dass die Trockenheit in den betroffenen Gebieten noch weiter verschärft und der Lebensraum bedrohter Pflanzen- und Tierarten gefährdet wird.

Mulroy und ihr Expertenteam sind zwar bemüht, die Bedenken zu zerstreuen. Sie versichern, die Entnahmen sofort zu drosseln, sollten erste Schäden erkennbar werden. Doch über solch eine Zusicherung kann John Hiatt, Chef der Red Rock Audubon Stiftung, nur lachen. "Wenn sie einmal die Abhängigkeit der Gesellschaft von einer Wasserquelle etabliert haben, dann wird es keinen Politiker auf der Welt geben, der den Zufluss wieder abstellen kann."

Dass eine Lösung gefunden wird, bei der niemand als Verlierer dasteht, ist nicht zu erwarten. Denn dafür müsste die Dürre endlich ein Ende finden. Doch diese Hoffnung hatten Klimaforscher der New Yorker Columbia University schon mit einem Aufsatz im Wissenschaftsmagazin "Science" im vergangenen November - also vor den Schneefällen in den Rock Mountains - verfliegen lassen. Nach genauerer Untersuchung von Baumringen fanden die Forscher heraus, dass die Dürreperioden in den letzten tausend Jahren in der Regel mehrere Jahrzehnte dauerten. Das Resümee des Autors Edward Cook: "Die fünf Jahre Trockenheit könnten erst der Anfang sein."

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