Von Hermann Unterstöger
Der Vater des abendländischen Mönchtums, Benedikt von Nursia, spricht im 28. Kapitel seiner Ordensregel über einen Bruder, der sich partout nicht in die klösterliche Ordnung fügen will. Gegen den gehe man, sagt er, mit Rutenschlägen vor - verberum vindicta in eum procedant. Wie hieße das, auf heutige Verhältnisse übertragen? "Der kriegt jetzt mal eine Abmahnung."
Benedikt hat seine Regel vor ungefähr anderthalb Jahrtausenden verfasst, ein Kompendium von Ratschlägen und Vorschriften, die ein vernünftiges Zusammenleben in den Klöstern sichern sollen. Ein frühes Betriebsverfassungsrecht, wenn man so will, und eine bis heute gültige Richtschnur für das mönchische Leben. In Rottenbuch, einem Kernort des oberbayerischen Pfaffenwinkels, sitzen im Souterrain des alten Klostergebäudes ein paar Männer beisammen, die ihr berufliches und möglicherweise auch privates Leben anhand benediktinischer Prinzipien neu ausrichten wollen. Sie beginnen, nicht unvernünftig, den Tag damit, dass sie erst einmal auf künstlerisch-spielerische Weise zu mehr Klarheit über sich selbst zu kommen versuchen.
Gemeinsam sollen sie auf ein großes, vom Flipchart abgerissenes Blatt Papier irgendetwas zeichnen, das über ihr Wesen Auskunft gibt. Doch was? Nach einigem Hin und Her einigen sie sich auf etwas Konstruktives, ein Haus, und in dieses Haus bauen sie allerlei Symbole ein: Säulen, Bäume, ein Ohr und - absolut unentbehrlich - ein Dreieck. Die Säulen sprechen von Standfestigkeit, die Bäume vom Wandel in der Beharrung, das Ohr steht für Gehorsam. Und das Dreieck? Nun, das Dreieck spielt bei dem Kursus "Führen nach Benedikt" die wichtigste Rolle, weil sich an ihm das Idealbild einer künftigen Gesellschaft festmachen lässt: Außen an den drei Ecken haben das Ich, das Wir und Gott angedockt, innen türmen sich in drei Schichten die fachliche, die soziale und die ethische Kompetenz übereinander.
Der Kurs, der den Kosmos unseres privaten und beruflichen Lebens auf diesen Nenner zu bringen sucht, wird veranstaltet von "Anselm Bilgri & Partner, Zentrum für Unternehmenskultur". In Bayern, mittlerweile auch darüber hinaus, bekommen die Leute lange Ohren, wenn der Name Bilgri fällt, weil dieser Mann, besser bekannt als Pater Anselm, seiner staunenden Mitwelt über Jahre hin vor Augen führte, wie Mönchsein auch gelebt und verstanden werden kann.
Bilgris Eltern hatten in München ein Gasthaus, die "Gartenstadt" in Harlaching, und insofern kam es nicht von ungefähr, dass man ihm - bald nachdem er in den Orden der Benediktiner eingetreten war - die wirtschaftlichen Belange der Gemeinschaft anvertraute. Er wurde Cellerar, sozusagen Chief Executive Officer (CEO), und machte in dieser Eigenschaft aus Andechs, dem herrlich über dem Ammersee gelegenen Zweig- und Nährkloster des Münchner Mutterklosters St. Bonifaz, einen florierenden Wirtschaftsbetrieb.
Das widersprach in keiner Weise der benediktinischen Devise "Ora et labora - bete und arbeite!", brachte Pater Anselm aber eine Weltläufigkeit ein, die von manchen misstrauisch registriert wurde und die ihn, als die Wahl eines neuen Abtes anstand, nach allgemeinem Dafürhalten den Posten kostete. Die Presse erging sich mit Lust in diesem Thema, was nicht selten an Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" erinnerte, der uns die mittelalterliche Klosterwelt als einen rechten Sündenpfuhl vorstellt.
Wie immer das Grundgeflecht des Konflikts beschaffen gewesen sein mochte, Pater Anselm wandte seinem Konvent den Rücken und betreibt seitdem mit seinen Partnern das, was man ihm schon in Klosterzeiten als eine seiner Gaben nachgerühmt hatte: Weltleute auf geistliche Weise so zu beraten, dass sie davon fürs Leben profitieren. Lag Benedikts historische Bedeutung doch darin, dass er die vita activa - das Arbeitsleben - mit der vita contemplativa - der Meditation - zusammenbrachte, dass er die Arbeit durch den Verweis auf den göttlichen Schöpfungsauftrag gewissermaßen adelte. Auch Benedikts Gefolgsmann Bilgri möchte, dass hinter der säkularisierten Arbeitskultur diese Goldgrundierung wieder sichtbar wird und dass mit der religiösen Sinnhaftigkeit auch wieder etwas mehr heitere Gelassenheit in die Arbeitswelt einkehrt.
Die Gruppe ist mit ihrer Selbstfindung mittlerweile zurande gekommen, und ihr Coach Stephan Heinle, einer der Partner Bilgris, kann sich an die Auslegung machen. Dem Sporthändler Horst werden Kreativität und integrative Kraft attestiert, dem Angestellten Tobias Talent zur Moderation, dem Gartenbauer Magnus Humor und Zuverlässigkeit, dem Fenster- und Türenbauer Hannes die Fähigkeit, das Geschehen distanziert zu betrachten, und dem Schuhhändler Thomas der Mut, zu seinen Schwächen zu stehen und sie so in Stärken umzuwandeln. Zufrieden schauen sie noch einmal auf das Bild, mittels dessen sie sich so treffend offenbart haben, und gehen dann nach nebenan.
An der Wand dieses Raums hängen zwei Geigen und ein Bild des Papstes als vergleichsweise junger Mann, auf dem Boden liegt vor jedem eine Scheibe Astholz mit dem Namen drauf. Hier warten sie auf Anselm Bilgri, um an seiner Hand in die Tiefen benediktinisch inspirierten Wirtschaftens einzutauchen. In der Hauptsache ruht diese Lehre auf den drei Mönchstugenden Gehorsam, discretio - was sich mit besonnenem Abwägen übersetzen ließe - und Demut, aus denen Bilgri & Partner je zwei Werte für die Neuzeit destilliert haben: genau hinhören und kommunizieren; das rechte Maß finden und unterscheiden; sich selbst erkennen und dienen. Wer nun erwartet hätte, Bilgri würde seine Aspiranten durch einen mönchisch kargen Crashkurs jagen, sähe sich aufs Angenehmste enttäuscht.Da Horst die Frage stellt, ob und wie man mit Geduld weiterkommen könne, greift Pater Anselm auf seine zwei Jahrzehnte Klosterleben zurück, insbesondere darauf, wie cholerisch er selbst gewesen sei und wie oft der damalige Leiter des Klosters, Abt Odilo Lechner, ihn sich zum Zweck der brüderlichen Zurechtweisung, der correctio fraterna, habe zur Brust nehmen müssen. In diesem anekdotischen Stil geht es weiter, und ehe man sich's versieht, ist man wieder beim "Ora et labora", das der Referent so übersetzt, dass man "mit beiden Lungenflügeln arbeiten" müsse, mit Aktivität und Besinnung, und dass wir alle nur dann auf dem richtigen Weg sind, wenn es der in die "Sinngesellschaft" ist.
Gegen Ende seiner kleinen Tour d'Horizon schreibt Pater Anselm ein paar der Bibel entnommene Führungsleitbilder auf das Flipchart: Vater, Lehrer, Meister, Hirte, Arzt. Es sind fünf, also genau so viele, wie der Kurs Teilnehmer hat, doch heißt das nicht, dass sich jeder eines dieser Leitbilder auswählen könnte. Nein, jeder soll versuchen, all das, was in diesen Titeln ethisch enthalten ist, in ein Führungsprofil zu übersetzen und in seiner Person zu verwirklichen, um auf diese Weise seinem Betrieb als ein ganzheitlich Sorgender vorzustehen.
Die fünf sind fast ergriffen, zumal es auch auf Mittag geht, und Horst, der als Ältester in der Gruppe auch die existenziellen Dinge ansprechen darf, stellt noch die Frage in den Raum: "Wie setze ich das um, ohne dass mir die Gewerkschaft auf die Füße tritt?" Die Frage bleibt offen.
Nach dem Essen sorgt ein Spaziergang durch die Rottenbucher Flur für die nötige Frische, um ein erstes Fazit zu riskieren. Was gedenken die fünf Leute ins Leben mit hinauszunehmen? Da sie allesamt keine Global Player, sondern regional verwurzelte Mittelständler oder leitende Angestellte sind, fällt ihr Fazit eher bieder aus: Dass in der Ruhe die Kraft liege, das wolle man sich merken, und wenn man darüber hinaus etwas mehr Spiritualität in den Alltag bringen könne, wäre das sicher kein Schaden.
Denn geistige Führung nach Benedikt heißt: niemanden verloren geben, auch den aufmüpfigen oder unmotivierten Mitarbeiter nicht. Während mittelmäßige, uninspirierte Manager jede Pause als Zumutung empfinden und sofort Laptop und Handy aufklappen, wenn sie im Flugzeug sitzen, lehrt die "Andechser Schule des Führens" die Bedeutung des kreativen Nichtstuns: Nur die Pause, das kontemplative "Nachdieseln", ermöglicht es dem verantwortlichen Manager, die Erlebnisse und Vorgänge des Tages mit Abstand zu betrachten und einzuordnen.
Pater Anselm ist unterdessen dabei, sich in der Welt da draußen zu installieren. Dem gesuchten Managementberater fällt das leichter als dem Priester, der er immer noch ist. Sein Wunsch, nebenberuflich freier Seelsorger zu bleiben, hat höheren Orts allerdings keinen wirklich begeisterten Widerhall gefunden - man brauche, ließ Kardinal Wetter sinngemäß verlauten, keine Viertel-, sondern Vollblut-Priester. Dass die Klosterzeiten in Bilgri nachklingen, darf man dennoch vermuten, insbesondere die auf den klösterlichen Wirtschafter gemünzte Regel 31, worin es heißt, ein Cellerar dürfe nicht hochmütig sein. Einmal hat ein gefühliger Manager zu ihm gesagt: "Pater Anselm, Sie san a bayerischer Dalai Lama!"
Anselm Bilgri "kommuniziert" das um der Wahrheit willen, aber unter dem demütigen Vorbehalt: "Auf die Gefahr hin, dass es der eigenen Erhöhung dient ..."
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