Von Marc Pitzke, New York
New York - Das jüngste Sonderangebot des US-Großmarkts Costco
gibt es in den Farben "Salbei", "Kastanie" und "stahlblau". Jedes Exklusivexemplar, annonciert Costco auf seiner Bestell-Website, sei "federleicht" und handlich dimensioniert (22 x 16 x 10 Zentimeter). Das Produkt sei obendrein von der Luftsicherheitsbehörde für das "Reisen in kommerziellen Flugzeugen" als Handgepäck zugelassen.
Die innovative "Seidenurne Renaissance", Einführungspreis 64,99 Dollar, ist der letzte Schrei auf dem US-Bestattungsmarkt, einer ansonsten grabesstillen Milliardenbranche, in der clevere Anleger bisher ein krisensicheres, bodenständiges Nischen-Investment finden konnten. Die "einfachen, eleganten" Plastikbehälter im Seidenkleid, mit Druckknopf versiegelt, böten "eine sanfte und bequeme Ruhestätte für Ihre Lieben", wirbt der Markt, der damit sein Sortiment von Lebensmitteln und Büromaterial klug erweitert.
Es war auch Zeit. Seit jeher beanstanden Trauerkunden in den USA die enormen Kosten der letzten Reise, ob per Sarg oder Urne. Der American Way of Death kostet nach Erhebungen des Fachverband des US-Bestattungsgewerbes, der National Funeral Directors Association (NFDA), heute im Schnitt 6500 Dollar pro Grablegung, mitunter sogar "weit über 10.000 Dollar". Da ist Costcos Billig-Box ein echtes Schnäppchen.
Flankenschutz aus dem Käsestaat
Die Kostenexplosion hat auch damit zu tun, dass die US-Sterbeindustrie, eine Branche mit rund elf Milliarden Dollar Jahresumsatz, von ein paar wenigen Börsenkonzernen dominiert wird. Die geben sich als pietätvolle Hirten auf dem Weg ins Jenseits, sind in Wahrheit aber fest im Diesseits verwurzelte Umsatzmaschinen, die ihre Aktionäre bei Laune halten wollen.
"Wir sind eine Holding-Company mit dem Ziel, das langfristige Shareholder-Value zu erhöhen", lautet beispielsweise die Unternehmensphilosophie von Hillenbrand Industries, dem Mutterhaus des größten US-Sargherstellers Batesville Caskets aus Indiana, das der Wall Street heute seine Quartalsbilanz vorlegt.
Bisher klappte dieser Spagat zwischen Pietät und Profit: An der US-Börse sind die Bestattungswerte quicklebendig und haben den Dow Jones 30 über die letzten fünf Jahre hinter sich gelassen. Doch jetzt herrscht im Sargwesen plötzlich düstere Stimmung. Nicht nur Costco fordert die Sterbemultis heraus - Unbill dräut auch aus Kalifornien, wo die gefürchtete Anwaltskanzlei Constantine Cannon sich gerade anschickt, dem Beisetzungskartell das Grab zu schaufeln.
36 Seiten stark ist die Klageschrift mit dem Aktenzeichen C-05-01804, die jetzt bei einem Bundesgericht in San Francisco liegt. Im Namen der Funeral Consumer Alliance (FCA), einer Art Verbrauchergruppe für Trauernde, und von acht Privatfamilien wirft sie den größten US-Bestattungsketten kriminelles Treiben am Grabesrand vor: Wettbewerbsverstoß, Wucher, Preisabsprachen im Sarghandel. Die Sammelklage fordert rückwirkenden Schadensersatz für Heerscharen von Hinterbliebenen - in Höhe von "Hunderten Millionen, wenn nicht Milliarden Dollar".
"Bloß keinen Sarg online kaufen!"
So einen Skandal hat die Bestatter-Branche noch nie erlebt. Der "räuberischen Taktiken" angeklagt sind die Branchenführer Service Corporation International (SCI), Alderwoods und Stewart, die gemeinsam über 2100 Bestattungshäuser kontrollieren und einen Börsenwert von 3,3 Milliarden Dollar haben. Als "Mitverschwörer" sind Hillenbrand, Batesville und der Berufsverband NFDA inkriminiert.
Sprecher der Beklagten haben die Vorwürfe als "haltlos" abgestritten. Auch Bob Higgins, der designierte Präsident der NFDA, meldete sich telefonisch aus dem Käsestaat Wisconsin, um seine Branche in Schutz zu nehmen. Seine Organisation "beteiligt sich nie an der Preisgestaltung", sagte er dem "Wall Street Journal". "Das widerspricht unserer Mission."
Constantine Cannon ist keine Kanzlei für Kleinkram: Vor zwei Jahren zwangen die Antitrust-Staranwälte den Kreditkartengiganten Visa und MasterCard 3,4 Milliarden Dollar an Kompensationszahlung ab, weil sie dem Einzelhandel zu fette Gebühren aufgebrummt hatten - die höchste derartige Summe, die je ein Gericht bewilligt hat.
Ähnliche Zahlen erwarten die Anwälte nun auch im Sargzwist. FCA-Exekutivdirektor und Mitkläger Joshua Slocum, dessen Lobby nach eigenen Worten "grob geschätzt 400.000 Begräbniskonsumenten" vertritt, erklärte, nur der Klageweg könne heute noch garantieren, dass jeder Amerikaner "bedeutsam, würdevoll und erschwinglich" unter die Erde komme. Denn: "Seit Jahren stecken die Bestattungsunternehmen unter einer Decke."
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