Bonn - Die Wettbewerbshüter gehen nach eigenen Angaben dem Verdacht nach, dass die Anbieter E.ON und RWE als marktbeherrschende Unternehmen ihre Stellung auf dem Strommarkt für Großkunden im Zusammenhang mit dem CO2-Emissionshandel missbrauchen. Beide Konzerne seien zu einer Stellungnahme bis Mitte September aufgefordert worden. Anschließend will das Bundeskartellamt über weitere Verfahrensschritte entscheiden.
"Wir werden mit einem Schreiben fristgerecht Stellung nehmen", sagte ein RWE-Sprecher gegenüber SPIEGEL ONLINE. Zu dem möglichen Inhalt wollte er sich nicht äußern. Ähnlich zurückhaltend gab sich E.ON. "Wir prüfen das", sagte ein Sprecher.
Industrie attackiert die Versorger
Die Kartellwächter wurden unter anderem aufgrund einer Beschwerde der deutschen Industrie über die Preispolitik der großen Stromversorger tätig. Der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) wirft den Energieunternehmen vor, die von der Bundesregierung unentgeltlich zugeteilten CO2-Emissionszertifikate mit einem vielfach höheren Börsenpreis als Kosten in den Strompreis einzukalkulieren. Der VIK hatte vergangene Woche einen entsprechenden Prüfantrag an das Kartellamt gestellt.
Nach Einschätzung des Verbands sind die steigenden Preise das Ergebnis der engen Verzahnung der Strom- und CO2-Zertifikatsmärkte. In den Händen der vier großen Anbieter E.ON
, RWE
, EnBW
und Vattenfall Europe
liegen demnach rund 80 Prozent der Stromerzeugungskapazität und gut zwei Drittel der Kohlendioxid-Zertifikate. Der VIK vertritt vorwiegend Industriekunden der großen Energieversorger sowie die Stadtwerke.
Umstrittener CO2-Handel
Seit Anfang 2005 müssen Erzeuger und Industriebetriebe EU-weit für jede von ihnen ausgestoßene Tonne Kohlendioxid (CO2) ein Zertifikat besitzen. Ziel der Regelung ist, dass die Firmen ihre Emissionen reduzieren, da ihnen sonst Mehrkosten für die Zertifikate drohen.
Der RWE-Sprecher verwies auf diese Zertifikateregelung, die als zusätzlicher Faktor den Großhandelspreis beeinflusse. "Europaweit fehlen Zertifikate für 200 Millionen Tonnen CO2", sagte er. Der Markt vollziehe daher nur das politisch gewollte Emissionshandelssystem nach. "Dieses System geht davon aus, dass Strompreise steigen, um emissionsärmere Kraftwerke zu bauen."
Attacke von Jürgen Trittin
Der Zertifikatehandel beschäftigt unterdessen auch die Politik. Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) hat RWE in einem Brief aufgefordert, "nachvollziehbar darzulegen", ob und wie viele Kohlendioxid-Emissionszertifikate seit dem 1. Januar 2005 erworben und verkauft wurden - und zu welchen Preisen. Das gehe aus einem Brief des Umweltministers an RWE-Vorstandschef Harry Roels vom Dienstag dieser Woche hervor, berichtet die "Financial Times Deutschland".
Es sei "in keiner Weise nachzuvollziehen", schreibt der Umweltminister, "die kostenlos erhaltenen Zertifikate als Begründung für höhere Strompreise" anzuführen. Die Notierungen für Grundlaststrom sind seit Jahresbeginn um fast 30 Prozent nach oben geschnellt.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH