Von Matthias Gebauer
Berlin - Kaum hatte das Gericht im texanischen Angleton am Freitag sein Urteil gesprochen, klingelte ein Mobiltelefon in Berlin Sturm. Seitdem kann der Berliner Rechtsanwalt Andreas Schulz die Anfragen seiner Mandanten kaum noch bewältigen. Alle Anrufer haben eins gemeinsam: Wie in dem Fall des 59-jährigen Texaners, um den es bei dem Gerichtsverfahren in den USA drehte, sind auch sie vermutlich durch das Arthritis-Medikament Vioxx geschädigt worden oder haben Angehörige durch plötzliche Herzinfarkte oder andere vermutete Nebenwirkungen des Präparats verloren.
Es sind teils tragische Fälle wir der einer 15- Jährigen aus Ostdeutschland. Das Mädchen starb völlig unerwartet am 8. Juli 2004 an plötzlichem Herzversagen. Zuvor hatte ihr ein Arzt das Schmerzmittel Vioxx verschrieben, da sie an einer Fehlfunktion der Nieren litt. Ursprünglich sollte das Medikament eine positive Wirkung darauf haben. Nun aber wird vermutet, dass es durch Nebenwirkungen den Herzinfarkt auslöste. Wie Tausende anderer Deutscher wollen die Eltern des Mädchens deshalb von Merck Schadensersatz einklagen.
Allein der Rechtsanwalt Schulz, der sich in internationalen Schadensersatzfällen bereits in der Vergangenheit einen Namen machte, hat mittlerweile 771 Fälle von vermutlichen Vioxx-Opfern dokumentiert und wurde von Verwandten oder den Hinterbliebenen mit der juristischen Vertretung beauftragt. Darunter sind 81 Patienten, die möglicherweise wegen Vioxx gestorben sind. "Wie hoch die Zahl der Fälle insgesamt ist, kann man noch gar nicht abschätzen", sagte Schulz am Samstag. "Allein heute haben sich schon wieder mehrere neue Opfer gemeldet." Konservative Schätzungen der deutschen Betroffenen gehen von 7000 Fällen aus, andere Experten rechnen mit mehr als 15000.
Anwalt plant Gang in die USA
Das Urteil aus den USA beschleunigt den Fall Vioxx nun dramatisch, da er die Aussichten auf ähnliche Erfolge vor US-Gerichten in Aussicht stellt. "Wir werden zur Not jeden einzelnen Fall in den Vereinigten Staaten vor Gericht bringen", sagte Schulz. Obwohl grundsätzlich der deutsche Merck-Ableger für die hiesigen Fälle verantwortlich ist, sei der Gang in die USA möglich. "Die gesamte Forschung für Vioxx wurde in den USA betrieben, außerdem haben wir dort Zeugen und Beweise, welche das Versagen von Merck belegen können", so Schulz. Er rechnet damit, dass entsprechende Klagen aus Deutschland von US-Gerichten zugelassen würden.
In dem ersten Vioxx-Prozess verdonnerte ein US-Gericht am Freitag den Pharmakonzern Merck & Co zu einer Zahlung von insgesamt 253 Millionen Dollar. 24 Millionen gehen als Schadensersatz an die Witwe, 229 Millionen kommen als Strafe dazu. 4200 weitere US-Klagen stehen noch aus. Im Kern argumentieren die Kläger, dass Merck trotz besseren Wissens nicht über Nebenwirkungen informierte. Als Stütze liegen mittlerweile mehrere Zeugenaussagen und Gutachten vor. Demnach hatten Merck-Forscher intern schon länger vor möglichen Schäden gewarnt.
Der wirtschaftliche Schaden für Merck ist auch ohne die sich aufbauende Klagewelle enorm. Allein die Rücknahme des umsatzstarken Präparats kostete Millionen, zudem verloren die Aktien nach dem Urteil am Freitag mehr als sieben Prozent. Analysten zufolge könnte der Rechtstreit den Konzern Milliarden kosten und jahrelang beschäftigen. Die Anwälte des Pharmariesen kündigten an, sie wollten jede Klage durchfechten und zeigten sich selbstbewusst.
Versicherer machen mobil
Die deutschen Klagen könnten neben den Schadensersatzansprüchen in Millionenhöhe noch einen weiteren empfindlichen Zusatz enthalten. Mittlerweile sind auch die deutschen Versicherer auf den Fall aufmerksam geworden. Eine Prüfung der Vioxx-Fälle unter ihren Versicherten ergab, dass den Kassen durch die möglicherweise von Vioxx hervorgerufenen Gesundheitsprobleme enorme Behandlungskosten entstanden sein könnten.
Der Schaden könnte ebenfalls in die Millionen gehen. So errechneten die Versicherer in internen Studien, dass die Folgekosten pro Vioxx-Fall durchschnittlich 100.000 Euro betragen. Deshalb erwägt mindestens einer der großen deutschen Versicherer, sich den Klagen seiner Kunden anzuschließen. Demnach würde die Krankenkasse den jeweiligen Patienten bitten, die dem Versicherer entstandenen Kosten bei einer Klage in den USA gleich mit geltend zu machen. Rechtsanwalt Schulz erklärte, dass er dies für "sinnvoll und machbar" halte.
Die nächsten Wochen werden zeigen, ob Merck bei seiner kämpferischen Strategie in Sachen Vioxx bleiben wird. Schon in drei Wochen wird in den USA der nächste Fall vor einem Gericht verhandelt. Möglich wäre auch, dass sich der Konzern irgendwann darauf einlässt, mit den Vertretern der Opfer einen Vergleich zu schließen und so den millionenschweren Einzelklagen aus dem Weg geht. Bisher sind davon - zumindest öffentlich - keine Signale von Merck gekommen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH