Von Matthias Streitz
Der Durchschnitt dieser Schätzungen kam der Wahrheit erstaunlich nahe - die "Scorpion" lag lediglich 75 Meter von der dergestalt ermittelten Stelle entfernt auf dem Meeresgrund. Mehr noch: Das kollektive, gemittelte Urteil war präziser als selbst die beste Einzelwette aus dem Kreis der Befragten.
Bei aller Begeisterung für die "Gruppenintelligenz" übersieht Surowiecki nicht, dass sie in vielerlei Fällen katastrophal versagt. Damit Kollektive auf kluge Weise agieren, so glaubt er, müssen einige Grundbedingungen erfüllt sein. Unabdingbar sei, dass Hierarchien keine einschneidende Rolle bei der Entscheidungsfindung spielen und Personen auf niederen Rangstufen verleiten, ihr eigenes Urteil zu unterdrücken.
Als Beispiel für eine Organisation, die quasi kollektiv verblödete, führt Surowiecki die Nasa aus der Zeit vor dem "Columbia"-Absturz Anfang 2003 an. Eine Vielzahl von Mitarbeitern in der Weltraumorganisation, so zeigt er anhand späterer Zeugenbefragungen, befürchtete bereits das Schlimmste, als bekannt wurde, dass die Schutzhaut der Raumfähre beim Start beschädigt worden war.
Warum zahlen wir Steuern?
Die Diskussion im zuständigen Management-Team aber wurde unterdrückt, weil die Leiterin allen ihre Meinung aufdrängte: Es gebe kein Problem, und wenn doch, könne man ohnehin nichts dagegen tun. So wurde nicht einmal im Ansatz versucht, Ausmaß und Auswirkungen des Shuttle-Schadens vor dem Wiedereintritt in die Atmosphäre zu ermitteln. Menschenmassen, so Surowiecki, sind eben vor allem dann schlauer als einzelne, wenn alle möglichst simultan und unabhängig voneinander einscheiden - und wenn ein Mechanismus besteht, der die Einzelmeinungen zu einem Mittel bündelt, wie bei einer Wahl, an der Börse, im Wettbüro - oder beim Studio-Ted von "Wer wird Millionär?".
Die Stärke von "Weisheit der Vielen" ist zugleich eine Schwäche: Weil Surowiecki Anekdote an Anekdote reiht, verliert sein Buch passagenweise die klare, gedankliche Linie - er ist eher Geschichtensammler denn Theoretiker. In den Schlusskapiteln handelt er allerlei disparate Phänomene ab, die zwar die Kooperation von Menschen betreffen, mit der Ausgangsthese aber nur entfernt zusammenhängen - er schreibt über die Koordination von Autos im Verkehr oder darüber, warum die Mehrheit der Bürger Steuern zahlt, obwohl die Gefahr, beim Hinterziehen erwischt zu werden, gering ist.
Von Zara lernen
Das Buch dürfte für Politiker, aber auch Manager einige Lektionen bereit halten. In den meisten Unternehmen, so Surowiecki, wird die "Weisheit der Vielen" konsequent ignoriert. So hätten etwa die drei großen US-Autokonzerne in der Ära, als sie den Markt bequem unter sich aufteilten, Dutzende Hierarchieebenen installiert und so sichergestellt, dass ihre Beschäftigten möglichst jeden Anflug von Initiative in sich selbst erstickten.
Als Paradebeispiel für seine Thesen präsentiert Surowiecki dagegen die Modekette Zara - sie hat sich bewusst so organisiert, dass Verkäufer in den Filialen beständig Einfluss auf das Design der angebotenen Kleidung nehmen können. So gelingt es dem spanischen H&M-Konkurrenten, viel rascher und oft genauer auf Wandlungen des Kundengeschmacks zu reagieren.
Chefs von Unternehmen sollten sich eben öfter daran erinnern, dass ihr Personal und ihre Kundschaft kollektiv klüger sind als sie.
James Surowiecki: Die Weisheit der Vielen. Warum Gruppen klüger sind als Einzelne und wie wir das kollektive Wissen für unser wirtschaftliches, soziales und politisches Handeln nutzen können. Aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Gerhard Beckmann. München 2005 (C. Bertelsmann). 22,90.
James Surowiecki: The Wisdom of Crowds. Why the Many Are Smarter Than the Few. London 2005 (Abacus). 10,00.
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