Von Marleen Gründel
Hamburg - Jahrelang interessierte sich niemand für die angeschlagene Time-Warner-Tochter AOL. Bis vor ein paar Wochen bekannt wurde, dass Microsoft
mit Time Warner
über eine Zusammenarbeit verhandelt. Seitdem verhält es sich mit AOL wie mit einem beliebten Spielzeug im Kindergarten: Weil es einer unbedingt haben will, wollen es auf einmal alle anderen auch.
Aber was ist so interessant an der Sparte, die doch eigentlich als Klotz am Bein von Time Warner gilt? AOL war 2002 mit knapp 100 Milliarden Dollar für die höchsten Verluste verantwortlich, die je ein Unternehmen in den USA verbuchen musste. Seit Jahren kämpft die Online-Tochter mit sinkenden Umsätzen und zurückgehenden Kundenzahlen bei seinen Internetzugängen. Ursache dafür sind vor allem die hohen monatlichen Zugangsgebühren sowie die im Vergleich zu den Breitbandverbindungen langsamen Internetzugänge über herkömmliche Telefonleitungen.
Interessant ist allerdings das Portalgeschäft von AOL. Die Website Aol.com ist nach Yahoo
die am häufigsten angesteuerte Seite in den USA. Als besonders populär erwies sich in diesem Sommer die Übertragung der Live8-Konzerte über diese Site. Mithilfe der Mutter Time Warner konnte sich AOL bereits starke Wettbewerbsvorteile verschaffen.
Schwerer Schlag für Google
Das Portal und die Suchmaschine von Microsoft kommen dagegen nicht richtig in die Gänge. Konzernchef Bill Gates will sich Medienberichten zufolge künftig vermehrt auf die Entwicklung seiner Suchmaschine konzentrieren und wäre bereit, das Portal sowie das Zugangsgeschäft an AOL zu verkaufen. Im Gegenzug soll sich die Time-Warner-Tochter von der Google-Suchmaschine verabschieden, die derzeit auf der AOL-Website angeboten wird, und stattdessen die Technologie von Microsoft verwenden.
Für Google wäre das ein schwerer Verlust: Wenn der Suchmaschinenbetreiber das Ringen um seinen größten Einzelkunden verliert, würden dem Unternehmen über zehn Prozent seines Gesamtumsatzes verloren gehen. Gemeinsam mit dem amerikanischen Kabelnetzbetreiber Comcast
holte Google Medienberichten zufolge deshalb kurz nach Microsofts Ankündigung zum Gegenschlag aus. Spekuliert wird, dass Google und Comcast ein Gemeinschaftsunternehmen gründen wollen, das wiederum Anteile an AOL halten soll. Die Transaktion soll einen Gesamtwert von fünf Milliarden Dollar (4,2 Milliarden Euro) haben.
Yahoo will Marktführerschaft ausbauen
Genügend Kleingeld für den Einstieg hat sich Google bereits besorgt: Mitte September gab das Unternehmen rund 14 Millionen neue Aktien aus, die insgesamt knapp 4,2 Milliarden Dollar in die ohnehin schon prall gefüllte Kriegskasse spülten.
Doch auch der Dritte im Bunde will sich nicht so einfach überrollen lassen - weder von Microsoft noch von Google. Um der Aufholjagd seiner Wettbewerber einen Riegel vorzuschieben, soll sich deshalb auch Yahoo in den Wettbewerb um AOL eingeschaltet haben. Wie Google und Microsoft will Yahoo allerdings nur das Portalgeschäft übernehmen und durch seine Marktführerschaft in diesem Bereich ausbauen.
Klar ist, dass bei AOL demnächst etwas passieren muss. Darauf drängt nicht nur der unzufriedene Time-Warner-Großaktionär Carl Icahn. Dieser hatte von Konzernchef Richard Parsons gefordert, zur Kurspflege Aktien für 20 Milliarden Dollar zurückzukaufen und die TV-Kabelsparte auszugliedern. Parsons setzt dagegen auf eine deutliche Kurssteigerung durch einen Verkauf des Portalgeschäfts.
Microsoft hat gute Chancen
Die größten Chancen auf den Erwerb der AOL-Anteile hat derzeit Microsoft. Die Verhandlungen mit dem Softwarekonzern sind Medienberichten zufolge am weitesten fortgeschritten. Bei einer Verschmelzung würden MSN und AOL gemeinsam auf einen Marktanteil im US-Suchmaschinenmarkt von 18 Prozent kommen und sich damit Yahoo (23 Prozent) weiter annähern. Der Abstand zu Google (46 Prozent) bliebe indes beträchtlich.
AOL und der Gigant aus Seattle streiten aber noch über die Führungsrolle im Web-Geschäft. Bill Gates will auf die Führung nicht verzichten, Time-Warner-Chef Parsons möchte nur einen Minderheitsanteil abgeben. AOL ist mit einem geschätzten Wert von etwa 10 bis 20 Milliarden Dollar deutlich höher bewertet als MSN. Gates müsste sich die Führung also teuer erkaufen.
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