Herr Brenninkmeijer, Sie stammen aus dem Clan der C&A-Gründer - einer als verschwiegen geltenden Kaufmannsfamilie. Seit einiger Zeit gehen Sie mit der Modemarke Clemens en August an die Öffentlichkeit und reisen durch die Republik. Hat Sie die Familie zu sehr eingeengt?
Brenninkmeijer: Mich hat der Automatismus meiner Familie gestört. Viele Verwandte sind bei C&A aktiv, meine zwei Brüder zum Beispiel. Auch ich habe acht Jahre in der Firma gearbeitet - von meinem 19. Lebensjahr an. Nach dieser Zeit stand ich vor der Wahl: Entweder in der Familie weitermachen, mit allen Konsequenzen - oder etwas Eigenes zu wagen. Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit, auch weil ich mich selbst ausprobieren wollte.
SPIEGEL ONLINE: Und so kam es zum Bruch mit dem Clan?
Brenninkmeijer: Das war kein Bruch. Ich bin ja nicht gegangen, weil ich mich mit meinen Cousins nicht mehr vertragen habe. Es war ein Ausstieg, aber diesen Schritt haben bereits andere Familienmitglieder vor mir gewagt.
SPIEGEL ONLINE: Ganz gelöst haben Sie sich von der Textilbranche dennoch nicht. Immerhin sind Sie jetzt als Modedesigner aktiv.
Brenninkmeijer: Moment, ich war und bin kein Designer. Mein Feld ist die betriebswirtschaftliche Seite. Dass ich nach dem Ausstieg wieder in der Mode gelandet bin, war reiner Zufall. Zunächst habe ich für den Designer Kostas Murkudis das Geschäftliche erledigt. Von da aus war es nur noch ein kleiner Schritt zum meinem eigenen Label Clemens en August.
SPIEGEL ONLINE: Clemens und August Brenninkmeijer haben C&A im 19. Jahrhundert gegründet. Mussten Sie gegenüber der Verwandtschaft Zugeständnisse machen, weil sie die Namen nutzen?
Brenninkmeijer: Natürlich hat die Familie zunächst gefragt: Bist du sicher? Was ist der Hintergrund? Was willst du da machen? Gerade weil ich die Namen der zwei Gründer benutze, kann tatsächlich der Eindruck entstehen, dass ich mit Hilfe von C&A Geld verdienen will. Solche Befürchtungen gab es.
SPIEGEL ONLINE: Und dann gab es Ärger?
Brenninkmeijer: Wenn ein Fremder gekommen wäre, um seine Marke Clemens en August zu nennen, hätte die Familie natürlich anders reagiert. Aber ich provoziere die Verwandten nicht - und so wurden und werden meine Aktivitäten dort auch nicht abgelehnt. Es gibt keine Probleme. Wir gehen sehr familiär miteinander um. Einige Familienmitglieder sind übrigens jetzt meine Kunden.
SPIEGEL ONLINE: Nicht einmal um die Namensrechte gab es Streit?
Brenninkmeijer: Der Name Clemens en August war nicht geschützt. Wenn die Familie aber gewollt hätte, hätte Sie mir Probleme bereiten können. Ich selbst hatte am Anfang schon die Sorge, dass man mich grundlos mit C&A in Verbindung bringt. Das wäre damals die falsche Richtung gewesen. Mittlerweile macht die Sache Sinn. Meine Vorfahren waren Stoffhändler, die vor 160 Jahren so wie ich jetzt übers Land fuhren. Ich will dabei nicht verhehlen, dass mir der Name Brenninkmeijer ein zusätzliches Maß an Aufmerksamkeit garantiert. Das hilft natürlich.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihr Label in Deutschland gestartet. Warum nicht auf einem spannenderen Markt wie Frankreich oder Italien?
Brenninkmeijer: Wenn ich eines bei C&A gelernt habe, dann dass man in Deutschland den höchsten Umsatz macht. Das Potential liegt hier. Wenn Sie sich als Jungunternehmen mit Mode in Deutschland etabliert haben, können Sie es überall schaffen.
SPIEGEL ONLINE: Aber die Deutschen sind nicht gerade als Trendsetter bekannt.
Brenninkmeijer: Gerade in den deutschen Großstädten gibt es ein Anfangspotential, was das Gespür für Mode angeht. Einige Berufsgruppen sind hier die Vorreiter: Architekten, Fotografen, Werber. Mit der Mode ist es wie mit der modernen Kunst. Für beide Bereiche gibt es hierzulande einen riesigen Markt. Der Start verläuft wie so häufig in Deutschland sehr langsam. Wenn es aber losgeht, sind die Deutschen schwer zu stoppen.
SPIEGEL ONLINE: Ausländische Marken beklagen dennoch, Deutschland sei ein schlechter Markt für Mode. Warum?
Brenninkmeijer: Das hat nichts damit zu tun, dass es den Markt nicht gäbe. Den Deutschen fehlt aber häufig die Lust, der Zeit voraus zu sein. Der Käufer vergleicht sich die ganze Zeit, er will nicht aus der Masse herausstechen. Menschen meines Alters suchen sich Anzüge danach aus, ob die Ärmel lang genug sind oder ob das Sakko zu tief oder zu hoch sitzt. Die Deutschen haben Regeln für Kleidung. Es fehlt häufig an jener Lässigkeit wie man sie in Paris oder London antrifft.
SPIEGEL ONLINE: Sie verzichten auf Ladengeschäfte. Stattdessen reisen Sie durch die Republik und bieten ihre Kollektion in Kunstgalerien im Direktverkauf an. Beobachten Sie Unterschiede in deutschen Städten bei der Art sich zu kleiden?
Brenninkmeijer: In Berlin sind die Leute experimentierfreudiger. Sie kaufen mehr T-Shirts, wählen sich mehr Sachen auf dem Flohmarkt aus. In Hamburg dagegen kleiden sich Menschen nach auferlegten Regeln - wie eine Uniform: klassische Mäntel, die gleiche Kombination von Jeans und Blazer, ein blau-weißer Look.
SPIEGEL ONLINE: Welche deutsche Stadt finden Sie modebewusst?
Brenninkmeijer: In Berlin wirken die Menschen cool. Die Berliner schauen genauer, was sie wie tragen - vielleicht auch, weil dort weniger verdient wird.
SPIEGEL ONLINE: Und welche Stadt muss in Sachen Mode umdenken?
Brenninkmeijer: Obwohl ich mir vorgenommen habe, nichts Negatives zu sagen, gibt es in "reichen" Städten wie Hamburg, München und Düsseldorf hier und da Menschen, die über den Preis einen gewissen Stil erreichen wollen. Da kauft sich jemand eine teure Lederjacke von Gucci, die nicht zu ihm passt. Vielleicht erst, wenn man dreimal mit dem Auto darüber gefahren ist. Aber das kapieren viele nicht.
SPIEGEL ONLINE: Die Kollektion von Clemens en August ist vergleichsweise günstig. Sehen Sie sich als Design-Discounter?
Brenninkmeijer: Nein. Für unsere Qualität sind wir zwar superbillig. Wir drücken dabei aber nicht die Margen unserer Produzenten oder erreichen niedrige Preise über Einkaufsmengen. Wir machen keine Reklame, bezahlen keine teuren Ladenmieten, arbeiten in einem kleinen Team von fünf Leuten - und bleiben so effizient. Den Preisvorteil geben wir an die Kunden weiter. Eine Zeitung hat unser Prinzip mit Tupper-Ware verglichen. Das trifft es mehr. Obwohl ich kein Fan von Tupper bin, habe ich Respekt vor der Ursprungsidee. Auch die Marke Tupper können Sie nur auf speziellen Verkaufsveranstaltungen erwerben. Ähnlich wie bei uns.
SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die großen Konkurrenten auf Ihre Preisbrecherstrategie?
Brenninkmeijer: Der eine oder andere mag sich vielleicht ärgern. Ich bin aber jeweils nur drei Tage in einer Stadt. Vielleicht kaufen meine Kunden danach bei Jil Sander oder Prada keinen Mantel mehr, aber das wird für die jeweilige Marke vernachlässigbar sein.
SPIEGEL ONLINE: Seit 2003 sind Sie mit Ihrer Kollektion drei Mal durch Deutschland getourt. Denken Sie nun über eine erste feste Filiale nach?
Brenninkmeijer: Nein, vielleicht hänge ich in einer Stadt einen oder zwei Tage dran. Auf keinen Fall kommt eine Boutique auf der Straße in Frage, wo die gelangweilten Verkäufer auf dem Bordstein sitzen. Aber so weit im Voraus plane ich nicht.
SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie die Marke auch für andere Produkte öffnen - vielleicht Accessoires?
Brenninkmeijer: Sicher, aber die Leute sollen Accessoires von Clemens en August kaufen, weil sie auch den Mantel gekauft und für gut befunden haben. Es darf nicht sein, dass der Käufer sagt: Anzug kann ich mir nicht leisten, Mantel auch nicht, aber für die Sonnenbrille reicht mein Geld.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich vorstellen, dass Clemens en August eines Tages in C&A-Filialen angeboten wird?
Brenninkmeijer: Unsere Kunden haben keine direkte Verbundenheit zu C&A - und deren Kunden finden unsere Kleidung vielleicht zu teuer. Ich bin auch nicht ausgestiegen, um zehn Jahre später wieder in den Schoß der Familie zurückzukehren.
Das Interview führten Ulf Lippitz und Jörn Sucher
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