Berlin - Er sehe für die Werke derzeit keine Rettung, sagte Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) nach dem Treffen. Der Vorstandsvorsitzende des norwegischen Aluminiumkonzerns und Hauptanteilseigner von Norsk Hydro, Eivind Reiten, habe "hartnäckig und strikt abgelehnt", die Werke weiter zu betreiben oder zu verkaufen. "Es war eine beinharte Haltung", so Beust. Reiten selbst erklärte lediglich: "Das Fazit ist, wir werden die Schließung von Hamburg und Stade weiter betreiben." Von der Ankündigung sind insgesamt 870 Beschäftigte betroffen.
Zu dem Krisengipfel, auf dem die beiden Standorte gerettet werden sollten, hatte der scheidende Bundeskanzler Gerhard Schröder geladen. Mit am Tisch saßen neben von Beust auch die Ministerpräsidenten von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, Christian Wulff und Jürgen Rüttgers (alle CDU).
In den vergangenen Monaten hatte es vor allem intensive Verhandlungen über die Rettung des Hamburger Aluminium-Werks (HAW) gegeben, wo allein 450 Arbeitsplätze wegfallen. Hamburgs Wirtschaftssenator Gunnar Uldall (CDU) und auch Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) hatten sich für einen Erhalt stark gemacht. Doch die Gesellschafter unter Führung von Norsk Hydro lehnten im Oktober das letzte Übernahmeangebot des Stahlherstellers Georgsmarienhütte als unannehmbar ab. Damit hatte der Konzern den Zorn nicht nur der Politik, sondern auch des Industrieverbandes und der Handelskammer auf sich gezogen. Die Beweggründe seien nicht nachvollziehbar, hieß es. Auch heute reagierten die Teilnehmer des Krisengipfels mit unverhohlenem Unverständnis. "Das Ergebnis ist enttäuschend", sagte CDU-Politiker Wulff. Hamburg und Niedersachsen hätten angeboten, bei einem Verkauf an die Georgsmarienhütte alle Risiken zu übernehmen.
Lieber in Katar produzieren
Die Schließung ist ein Lehrstück in Sachen Renditehunger und globalem Reißbrett-Management. Wie der SPIEGEL berichtete, wird mit dem Hamburger Werk eines der profitabelsten und modernsten Aluminiumwerke Europas stillgelegt, das bis heute nie in die roten Zahlen geraten ist. In seiner über 30-jährigen Geschichte hat es mehr als eine Milliarde Euro Gewinn erwirtschaftet.
Die drei Gesellschafter des Hamburger Werkes - die Norsk Hydro, Alcoa (USA) und Amag (Österreich) - hatten ihren Entschluss mit zu hohen Strompreisen begründet. Sie betragen rund 40 Prozent der gesamten Produktionskosten für Aluminium. Nach dem Auslaufen langfristiger Verträge zum Jahreswechsel würden sie sich ungefähr verdoppeln. Was Norsk Hydro verschweigt: Auch der Preis für Aluminium ist in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen, so dass die hohen Stromkosten durch höhere Verkaufspreise des Aluminiums beinahe wieder ausgeglichen werden.
Für den Konzern Norsk Hydro, der seinen Gewinn im letzten Quartal um 69 Prozent nach oben gepeitscht hat, macht das Vorgehen Sinn: Einerseits will das Unternehmen mit der Schließung den Druck auf die Berliner Regierung erhöhen. "Dafür nimmt man mal eben den Verlust von 450 Arbeitsplätzen in Kauf, damit man 5000 andere rentabler machen kann", sagt HAW-Betriebsratschef Karl-Heinz Dieck. Sein Ärger richtet sich gegen Neuss, wo Norsk Hydro eine weitere Aluminiumhütte mit angrenzender Gießerei und Walzwerk betreibt. Die Drohkulisse wäre eingestürzt, hätte die Georgsmarienhütte bewiesen, dass man auch bei hohen Strompreisen profitabel Aluminium herstellen kann.
Andererseits wollte Reiten nicht verkaufen, weil das neue Konkurrenz bedeutet hätte. Das Metall ist gefragt wie nie zuvor: In den nächsten zehn Jahren wird der Aluminiummarkt von derzeit 30 Millionen Tonnen jährlich auf etwa 42 Millionen wachsen. Da schien es Norsk Hydro plausibler, die kerngesunde Firma einfach dichtzumachen. Denn schon im Dezember 2004 hatten seine Hoheit Abdullah Bin Hamadi al-Attija, Energieminister von Katar, und Norsk-Hydro-Boss Reiten in Doha eine Vereinbarung über den Bau einer der weltweit größten Aluminiumhütten unterzeichnet. Das notwendige Kraftwerk stellten die Scheichs gleich mit in die Wüste. Der Aluminium-Gigant hat eine Kapazität von 570.000 Tonnen. Fast so viel, wie alle fünf Aluhütten in Deutschland zusammen. Nur eben billiger.
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