Berlin - Die Bank of America demonstrierte die größte Zuversicht. Für das laufende Jahr hob Europa-Chefvolkswirt Holger Schmieding seine Prognose von ursprünglich 0,9 Prozent auf 1,1 Prozent an. Die jüngste deutsche Konjunkturerholung sei wie aus dem Lehrbuch erfolgt, schreibt Schmieding in einer heute veröffentlichten Studie. Die deutsche Wirtschaft habe im dritten Quartal klare Zeichen erneuerter Kraft gezeigt.
Der Export habe zunächst von der robusten Weltwirtschaft profitiert und sei zuletzt durch eine gestiegene Wettbewerbsfähigkeit und einen nicht mehr so deutlich überbewerteten Euro gestützt worden, schreibt Schmieding weiter. In einer zweiten Stufe hätten jetzt auch die Investitionen angezogen. Erste Zeichen einer Stabilisierung am Arbeitsmarkt und die trotz der gestiegenen Ölpreise robuste Nachfrage signalisierten eine moderate Erholung des privaten Konsums. Der Aufwärtstrend sei so stark, so Schmieding, dass sogar eine Zinserhöhung zum 1. Dezember geboten erscheine.
Die Eckdaten stimmen also: Die Wirtschaftsleistung legte nach Angaben des Statistischen Bundesamts im dritten Quartal um 0,6 Prozent zum Vorquartal zu. Seit Jahresanfang hat die deutsche Wirtschaft damit deutlich an Dynamik gewonnen. Im Frühjahr hatten die Statistiker lediglich ein Wachstum um 0,2 Prozent verzeichnet.
Optimismus steckt nicht an
Nur - so richtig ansteckend wirkt der Optimismus des BOA-Chefvolkswirts nicht. Zwar werteten auch viele andere Analysten vor allem den Anstieg der Investitionen als gutes Omen für die Konjunktur. "Damit dürfte der jahrelange Rückgang der Investitionen endlich zu Ende gegangen sein", sagte Gerd Haßel von der BHF-Bank. Zugleich beklagten Volkswirte aber, dass die deutsche Wirtschaft immer noch vom Export abhängt, weshalb sie eine Abkühlung der Weltkonjunktur stark treffen würde. "Wir sind von einem selbsttragenden Aufschwung noch weit entfernt. Es sieht so aus, als hätten die privaten Haushalte die Flinte ins Korn geworfen", sagte Andreas Rees von der HypoVereinsbank. Details zum Wirtschaftswachstum im dritten Quartal werden am 22. November veröffentlicht.
Für die nächsten sechs Monate machten die Analysten Licht und Schatten aus. Insgesamt beurteilten rund 300 vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) befragte Finanzmarktteilnehmer die Aussichten etwas skeptischer als vor einem Monat: Der ZEW-Indikator sank auf 38,7 von 39,4 Punkten. Damit liegt das Barometer aber noch immer über seinem langjährigen Durchschnitt.
Das ZEW erklärte, positiven Faktoren wie dem gesunkenen Ölpreis oder der guten Auftragslage in der Industrie stehe die Schwäche der heimischen Konjunktur gegenüber. Wie das ZEW führten auch Bankenvolkswirte den Rückgang auf das Tauziehen zwischen Union und SPD bei der Bildung der Großen Koalition zurück. "Angesichts der politischen Verwirrspiele rund um den Koalitionsvertrag ist das erklärlich", sagte Andreas Scheuerle von der DekaBank.
ZEW-Chef Wolfgang Franz mahnte weitere Reformen am Arbeitsmarkt sowie im Steuer- und Gesundheitssystem an. Nur so könnten neue Arbeitsplätze entstehen, die für einen selbst tragenden Wirtschaftsaufschwung und mehr Wachstum unerlässlich seien.
Unsicherheit über wirtschaftspolitischen Kurs
Die Koalitionsverhandlungen dürften nach Einschätzung des Instituts besonders den Konsumenten die Laune verdorben haben. "Die Unsicherheit über den künftigen wirtschaftspolitischen Kurs und insbesondere die geplante Mehrwertsteuererhöhung schwächen das Vertrauen der ohnehin schon verunsicherten Verbraucher."
Im Vergleich mit den anderen Ländern der Euro-Zone liegt Deutschland beim Wirtschaftswachstum nun im Mittelfeld. Trotz des Wachstumsschubs im dritten Quartal blieb Deutschland hinter Spanien und Frankreich zurück, wo das BIP um 0,8 beziehungsweise 0,7 Prozent zulegte. In Italien und den Niederlanden wuchs die Wirtschaft dagegen nur um 0,3 Prozent. In der Euro-Zone legte das BIP wie in Deutschland um 0,6 Prozent zu.
Die Konjunkturerholung macht eine baldige Zinserhöhung immer wahrscheinlicher. Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) wird auf seinem Treffen am Donnerstag nach Angaben seines Mitglieds Vitor Constancio die Wirtschaftslage besprechen, auch wenn ein Zinsbeschluss erst Anfang Dezember ansteht.
"Es gibt einen Konsens, dass das gegenwärtige Zinsniveau zu niedrig ist und die Normalisierung beginnen muss. Es gibt nur Unterschiede in der Frage des Zeitpunktes", sagte ein hochrangiger Vertreter einer Zentralbank im EZB-Rat. Auch Bundesbank-Präsident Axel Weber halte das Risiko, dass es zu dauerhaft steigender Inflation kommen könnte, inzwischen für groß genug, um zu handeln, hieß es.
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