Von Tobias Lill und Vera Kämper
Berlin - Wie viele Bahn-Angestellte Berlin Richtung Hamburg verlassen sollen, will der Konzernsprecher der Deutschen Bahn AG, Werner Klingberg, nicht verraten. Er weist jedoch darauf hin, dass zurzeit 19.000 Mitarbeiter in Berlin, 9000 in Brandenburg für den Konzern arbeiten. Zehn Prozent der Berliner Angestellten, also immerhin 1900, gehören zur Konzernleitung - und die ist für den Umzug nach Hamburg im Gespräch. Im schlechtesten Fall könnte die Hauptstadt also bis zu 2000 Besserverdiener an die Hansestadt verlieren.
Bahnsprecher Klingberg erklärte gegenüber SPIEGEL ONLINE, die DB halte Hamburg für einen äußerst attraktiven Standort, "weil sich dort viele Schienen- und Straßennetze bündeln". Die Sache klingt weitgehend abgemacht - in Berlin regte sich deshalb bereits wenige Stunden nach Bekannt werden der Pläne an höchster Stelle Widerstand.
"Es kann nicht hingenommen werden, dass das bundeseigene Unternehmen Bahn die Region im Stich lässt", kritisiert Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Er fordert die Bundesregierung "mit Kanzlerin Merkel an der Spitze" zum Handeln auf. Selbst eine nur teilweise Verlagerung bezeichnete er als "einen schweren Schlag für die ganze Region".
Auch Harald Wolf (PDS), Wirtschaftssenator in Berlin, ist schockiert: "Wenn die Bundesregierung es zulässt, dass die Deutsche Bahn zentrale Funktionen von Berlin nach Hamburg verlagert, schwächt sie die gesamte Hauptstadtregion und konterkariert ihre eigene Strukturpolitik."
Als einer der größten Arbeitgeber in der Hauptstadt käme der Deutschen Bahn eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung der Zukunftsbrache Verkehr und Logistik zu. Mit einem Statement zum Thema könne die neue Regierung nun zeigen, ob sie es mit dem Aufbau Ost ernst meine oder "ob dies nur Lippenbekenntnisse ohne Wert" seien, so Wolf in einer Erklärung.
Verkehrsministerium: Das muss die Bahn entscheiden
Der verkehrspolitische Sprecher der Sozialdemokraten im Bundestag, Uwe Beckmeyer, hält die Entscheidung für "ein falsches Signal für den deutschen Einigungsprozess". Berlin sei der "perfekte Standort", sagt er SPIEGEL ONLINE. Auch in der Berliner CDU hält man nichts vom Umzug an die Elbe. Der mögliche Verlust der Arbeitsplätze sei ein weiterer herber Schlag für den Berliner Arbeitsmarkt, erklärt der Generalsekretär der CDU in Berlin, Frank Henkel. In der Hauptstadt liegt die Erwerbslosenquote bei aktuell 18,1 Prozent.
Henkels Parteifreund, der verkehrspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, der Hamburger CDU-Landeschef Dirk Fischer, hängt das Thema dagegen viel tiefer. Der Umzug sei eine "unternehmenspolitische Entscheidung" - Punkt. Ähnlich äußert sich gegenüber SPIEGEL ONLINE auch der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Horst Friedrich. Auch er zeigt Verständnis für die Entscheidung: "Das ist Sache der Bahn.
Politiker der Linkspartei wittern in dem Umzugsstoff dagegen ein Aufregerthema Ost. Dorothee Menzner, bei der linken Bundestagsfraktion für Verkehrsfragen zuständig, nannte die Pläne "aberwitzig", schließlich habe Berlin "jetzt schon ein riesiges Strukturproblem". Sie ist überzeugt: "In einer Zeit, in der beim Nahverkehr gespart wird, macht das keinen Sinn."
Der zuständige Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) war für keine Stellungnahme am Freitag zu erreichen. Eine Sprecherin des Ministeriums sprach gegenüber SPIEGEL ONLINE von einer "unabhängigen Entscheidung des Unternehmens".
Die Grünen hoffen dagegen auf ein Einlenken der Bahn. "Da hängen ganze Familien dran", glaubt der verkehrspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Winfried Hermann. "Ich glaube nicht, dass das letzte Wort schon gesprochen ist."
Mit diesem Gegenwind hatte Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust gerechnet. Er hatte heute Mittag die Pläne öffentlich gemacht, dass die Hansestadt mit der Bahn AG über den Verkauf von Anteilen an ihren städtischen Töchtern Hamburger Hafen und Logistik AG und Hamburger Hochbahn verhandelt. Im Zuge dessen würde die Hauptverwaltung der Bahn, derzeit noch am Potsdamer Platz in Berlin ansässig, nach Hamburg umziehen.
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