Von Kai Lange
Was kann ein Topmanager dieser Tage tun, damit die Aktie seines Unternehmens vom allgemeinen Kaufrausch profitiert? Am besten, er tut gar nichts. Oder, am allerbesten, er verkündet lautstark, etwas doch nicht zu tun, was er eigentlich tun wollte. Rückzieher werden fürstlich belohnt in diesen Tagen. Entschlossenes Handeln ist dagegen Gift.

Hochofen von ThyssenKrupp: Kanada-Pläne erhitzen die Gemüter
Folge der Sparsamkeit: Große Fonds fordern seit Monaten eine Sonderausschüttung für die E.on-Aktionäre. Nach der geplatzten Übernahme sind weitere Aktionäre eingestiegen, in der Hoffnung auf den warmen Geldregen.
Deutsche Börse: Dax-Star in Schwierigkeiten
Für Aktionäre der Deutschen Börse gab es den bereits, obwohl der Rückzieher von Börsenchef Werner Seifert weit weniger bravourös war. Sein Abschied von dem Versuch, die London Stock Exchange zu übernehmen, war notgedrungen und bedeutete im Frühsommer auch den Rückzug vom Chefsessel. Hedgefonds-Manager Christopher Hohn, von vielen als "Heuschrecke" gescholten, drängte auf Ausschüttung der Barreserven und schubste gleichzeitig Seifert aus dem Amt: Die Deutsche Börse
ist zwar strategisch in der Zwickmühle, doch der Aktienkurs hat sich seit Jahresbeginn beinahe verdoppelt.
ThyssenKrupps fataler Aktionismus
Soweit zu lukrativen Absagen. Fatal wirkt dagegen der Versuch, Aktionäre durch forsches Handeln zu beeindrucken. Ekkehard Schulz, Chef des Stahlkonzerns ThyssenKrupp
, hat es diese Woche leidvoll erfahren: 3,5 Milliarden Euro bietet Thyssen für den kanadischen Stahlhersteller Dofasco, um mit den Konkurrenten Arcelor und Mittal Schritt zu halten und selbst in die Top Five der Branche vorzustoßen.
Es ist nicht so, dass der Kauf ThyssenKrupp finanziell das Kreuz brechen würde: Kaum eine Branche hat in diesem Jahr so gut verdient, der Vorsteuergewinn von ThyssenKrupp kletterte in diesem Jahr auf 1,8 Milliarden Euro, der Konzern ist schuldenfrei. Doch die Anleger, konfrontiert mit den Expansionsplänen? Sie verkaufen.
Ähnlich erging es dem Touristikriesen Tui
, dessen Aktie seit Übernahme des Reeders CP Ships in schwerem Wasser ist. Auch das Papier der Deutschen Post
, durch die Übernahme der britischen Exel
zum weltgrößten Logistiker aufgestiegen, hechelt dem Dax
hinterher. Ganz zu schweigen von der Deutschen Telekom
, deren Chef Kai-Uwe Ricke kürzlich nassforsch die Maxime "Marktanteile vor Gewinn" ausgab.
Das Jahr 2000, die Muppet Show und die Folgen
"Cash zählt, und das aus gutem Grund", meint Markus Wallner, Investmentstratege im Privatkundengeschäft der Deutschen Bank. Der Schock des Jahres 2000, als Unternehmen wie EM.TV
knapp 700 Millionen Dollar für die Rechte an der Muppet Show verpulverten und die Deutsche Telekom rund 40 Milliarden Euro für den damals defizitären Mobilfunkanbieter Voicestream zahlte, wirke bis heute nach.
"Anleger achten seitdem stärker auf Unternehmen, die ihre Bilanzen in Ordnung bringen: Wer einfach nur Umsatz auf Kosten der Marge einkauft, wird abgestraft", sagt Wallner. Die Börse belohne Wachstum durchaus. Aber, bitteschön, Wachstum zu einem "vernünftigen Preis".
Der Letzte macht das Licht aus
Gehört den Sparhanseln die Zukunft an der Börse? Nicht unbedingt. Zum Ende dieses Börsenjahres, des dritten positiven Börsenjahres in Folge, dürfte diese Phase zu Ende gehen.
"Die meisten Dax-Konzerne haben erfolgreich restrukturiert und fahren wieder stattliche Gewinne ein", sagt Wallner. "Die entscheidende Frage wird bald sein, wie man das viele Geld sinnvoll investiert." Die Phase des Gesundschrumpfens sei notwendig gewesen, aber weitgehend abgeschlossen: "Wenn man sich allein aufs Sparen konzentriert, macht irgendwann der Letzte das Licht aus".
Mehr Wachstum wagen - solch ein Denken zeichne einen "Value Builder" aus, erklärt Paul Laudicina, Vice President der Unternehmensberatung AT Kearney. Da sich die Welt rasant verändere, müsse man diesen Wandel als Chance ergreifen: Wer auf externen Wandel reagiert, komme bereits zu spät. Ein "Wertschaffer" nehme Geld und das eigene Schicksal in die Hand - wer Effizienz in den Vordergrund stellt, Ressourcen zurückschraubt und aus dem Verbleibenden das Äußerste herausholt, werde nicht zu den Gewinnern von morgen gehören.
Zeit also, dass Unternehmenschefs wieder aus den schützenden Gräben herauskommen. "Erfolgreiche Unternehmen halten sich nicht mit Ängsten auf - sie ergreifen Chancen", sagt BASF-Chef Jürgen Hambrecht, der eine Milliardensumme in eine neue Verbundanlage in China investiert hat.
Für den Aktienexperten Wallner zählen BASF
, SAP
, Lufthansa
und Adidas
zu den Unternehmen, die auf einem "gesunden Wachstumskurs" sind. "2006, wenn sich das globale Wachstum abschwächen wird, werden diejenigen Unternehmen in den Blick geraten, die viel für ihr eigenes Wachstum tun", davon ist der Stratege der Deutschen Bank überzeugt.
Geldspeicher wie E.on und Deutsche Börse werden sicherlich in diesem Jahr zu den Top-Performern im Dax
gehören. Anlegern von Tui
, der Deutschen Post
und des geplagten Stahlkonzerns ThyssenKrupp
bleibt die Hoffnung, dass ihr Kurs im nächsten Jahr Früchte trägt.
Und Wulf Bernotat? Der E.on-Chef sollte sich rasch überlegen, was er mit dem vielen Geld anstellen will. Er hat nicht vor, dem Kollegen Seifert nachzufolgen. Entschlossenes Handeln dürfte sich bald wieder lohnen.
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