Wiesbaden - Rhön-Klinikum erwerbe 95 Prozent am Klinikum vom Land Hessen, teilte die hessische Landesregierung am Samstag in Wiesbaden mit. Das Gesamtvolumen der Transaktion wurde auf 640 Millionen Euro beziffert, da sich Rhön-Klinikum zu erheblichen Investitionen verpflichtete - unter anderem für den Neu- und Umbau von Gebäuden. Auch fließen Gelder in den Ausbau der Medizintechnik, etwa für die Behandlung von Krebspatienten.
"Mit dem Vertrag werden Arbeitsplätze gesichert", sagte Ministerpräsident Roland Koch (CDU). Betriebsbedingte Kündigungen seien bis Ende 2010 ausgeschlossen. "Das Universitätsklinikum bleibt größter Arbeitgeber in Mittelhessen und erschließt neue Felder für Wachstum und Beschäftigung", sagte Koch. Die Uniklinik Gießen-Marburg hat nach Angaben der Landesregierung mehr als 10.000 Beschäftigte. Mitte Januar soll der Haushaltsausschuss des hessischen Landtags dem Verkauf noch zustimmen. Die restlichen fünf Prozent an der Uniklinik sollen in Besitz der öffentlichen Hand bleiben.
Trotz der anstehenden Investitionen hält das im Nebenwerteindex MDax der Börse notierte Unternehmen an seiner Ergebnisprognose für 2006 fest. "Wir sehen keine Veranlassung, von unserer bisherigen Ergebnisprognose für 2006 abzuweichen", sagte der Vorstandschef von Rhön-Klinikum, Wolfgang Pföhler. Diese sieht für das kommende Jahr einen Nettogewinn von 93 Millionen Euro vor. Allerdings stellte Finanzchef Manfred Wiehl nun einen höheren Umsatz von nun rund 1,9 Milliarden Euro in Aussicht. Zuletzt hatte das Unternehmen ohne Berücksichtigung weiterer Akquisitionen knapp 1,5 Milliarden Euro prognostiziert.
Wiehl sagte, Rhön habe eine sehr niedrige Verschuldung, die es dem Unternehmen erlaube, weiteres Kapital aufzunehmen. Der Kaufpreis werde fremdfinanziert, die Investitionen sollen unter unter anderem aus dem Finanzmittelüberschuss (Cash-Flow) des Konzerns bezahlt werden.
SPD kritisiert "hektisches Verfahren"
Zu dem Unternehmen, das sich überraschend gegen Asklepios und die zur Bad Homburger Fresenius AG gehörenden Helios-Kliniken durchsetzen konnte, gehören derzeit 41 Kliniken an 33 Standorten mit mehr als 20.000 Beschäftigten. Die Uniklinik Gießen-Marburg setzte im vergangenen Jahr rund 400 Millionen Euro um und erzielte am Standort Marburg einen Gewinn von 1,3 Millionen Euro. In Gießen wurde dagegen ein Minus von 9,8 Millionen Euro verbucht.
Das seit Juni fusionierte Uniklinikum soll auch künftig an beiden Standorten Gießen und Marburg bleiben. Die medizinische Versorgung und die Gewährleistung von Forschung und Lehre sei vertraglich gesichert, hieß es. Hessen will mit 100 Millionen Euro eine Stiftung zur Förderung von Forschung und Lehre in der Hochschulmedizin in Gießen und Marburg gründen.
Rhön plant einen weitgehenden Neubau des Klinikums in Gießen, mit dem zum Jahreswechsel 2006/2007 begonnen werden soll. 170 Millionen Euro sollen dafür ausgegeben werden. Am Standort Marburg will der Konzern insgesamt sogar 197 Millionen Euro investieren.
Koch habe "in dem unbändigen Drang, Neuland zu betreten, ein hektisches Verfahren vorangetrieben, in dem längst nicht alle Fragen geklärt sind", sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Jürgen Walter. Die Grünen-Landtagsabgeordnete Sarah Sorge befürchtet Gefahren für die Arbeitsplätze, die Studienplätze und die Entwicklung der Krankenversorgung. Ver.di erwartet schon kurzfristigen Druck auf die Arbeitsplätze der Beschäftigten im Wirtschafts- und Versorgungsdienst der Klinik, aber auch im medizinisch-technischen Dienst und im Pflegedienst. Die FDP bewertete das Konzept dagegen als "grundsätzlich positiv". Anfang des Jahres soll die Uniklinik formell in die Hände des Rhön-Klinikums übergeben werden. Der Haushaltsausschuss des Landtages muss dem Verkauf der Immobilien Mitte Januar zustimmen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH