Von Wolfgang Stieler
Ausgerechnet ein Büroausstatter, obendrein ein japanischer, hat die jüngste Untersuchung über die "Zukunft des Teleworking" in Großbritannien, Deutschland und Frankreich gesponsert. Bei Brother ist man überzeugt, dass die Bedeutung der IT-Heimarbeit wachsen werde - und damit auch der Bedarf an Ausstattung für die Arbeit in den eigenen vier Wänden.
Telearbeit? Ist dieses Konzept nicht hoffnungslos altmodisch? Schon Anfang der neunziger Jahre war die Diskussion um die Chancen und Gefahren von Telearbeit hochgekocht. Damals diente die zunehmende Verbreitung von Handys und Internet als wohlfeile Begründung für eine prognostizierte drastische Zunahme der neuen Form von Heimarbeit. Aber die Welle blieb aus, obwohl bis zum Jahresende voraussichtlich rund zehn Millionen Deutsche über einen Breitband- Internetanschluss verfügen werden.
Nun, ein gutes Jahrzehnt verspätet, soll die Welle doch noch anrollen, sagt die von Brother beauftragte Future Foundation, ein englisches Beratungsunternehmen. Immerhin ist die Begründung neu: Neben dem technologischen Fortschritt sehen die englischen Futurologen ökonomische Triebkräfte am Werk.
Die so genannte Sanduhr-Ökonomie - immer weniger gut ausgebildete junge Leute stehen der Wirtschaft zur Verfügung - wird demnach zwei Konsequenzen haben: Zum einen müssen Unternehmen auch in Zielgruppen nach qualifizierten Angestellten suchen, die sie bisher nicht anvisiert hatten, beispielsweise unter jungen Müttern. Zum anderen werden die Arbeitsbedingungen im verschärften Wettbewerb der Unternehmen um Personal ein wichtiges Argument. Die Aussicht, sich nicht jeden Morgen durch den Verkehrsstau ins Großraumbüro kämpfen zu müssen, könnte in der Auswahl des potenziellen Arbeitgebers durchaus den Ausschlag geben.
Der prognostizierte sozioökonomische Wandel ist dramatisch: Studienautor Paul Flatters und seine Mitarbeiter kommen zu dem Schluss, dass sich der Anteil an Telearbeitern in Deutschland von heute 6,8 Prozent (Großbritannien 8,6 Prozent, Frankreich 4,6 Prozent) bis 2020 auf 81 Prozent (76 Prozent in Frankreich, 80 Prozent in Großbritannien) aller Berufstätigen steigern wird.
Bei solchen Zahlenspielen ist allerdings zu beachten, wie das Objekt der Untersuchung überhaupt definiert ist, und darüber herrscht Uneinigkeit. So geht das SIBIS-Projekt (Statistical Indicators Benchmarking the Information Society) der EU davon aus, dass es 2002 in Europa rund zehn Millionen Telearbeiter gegeben hat - das entspricht rund 13 Prozent der Erwerbstätigen. Der scheinbare Widerspruch zu den Zahlen der Future Foundation erklärt sich dadurch, dass SIBIS nicht nur die klassische Telearbeit zählt, sondern auch so genannte mobile Arbeiter, die mindestens zehn Stunden in der Woche nicht von ihrem ansonsten festen Arbeitsplatz aus arbeiten.
Solche Telearbeit im weiteren Sinn sieht die Future Foundation längst etabliert. Bereits jetzt liege der Anteil derer, die zumindest gelegentlich von zu Hause oder unterwegs arbeiten, bei 46 Prozent, behaupten Flatters und Kollegen. Und sie sind davon überzeugt, dass diese Quote noch weiter steigen werde. Der klassische Telearbeiter werde dann durch einen neuen Typ ersetzt: den "FreE-worker". Flatters sagt voraus, dass "wir in Zukunft nicht mehr zur Arbeit gehen werden, sondern einfach einen bestimmten Job erledigen. Das wird unsere Autonomie vergrößern."
Allerdings werde es in dieser Entwicklung Gewinner und Verlierer geben, warnt Catherine Hakim von der London School of Economics (LSE), die sich seit Jahren mit Teleworking beschäftigt. Denn die zusätzliche Autonomie, die Flatters preist, gebe es nicht automatisch und für alle: "Der Prozess der Demokratisierung der Arbeitswelt, den wir in den vergangenen zwanzig Jahren erlebt haben, wird sich umkehren. Es wird eine immer stärkere Differenzierung geben zwischen Wissensarbeitern und unqualifizierten Arbeitern. Das führt auch zu einer Polarisierung der Lebensstile - für Frauen geht es um Zeit, für Männer um Karriere und mehr Geld."
Der neue Trend zur Telearbeit wird auch von anderen Zukunftsforschern gesehen, aber manche von ihnen bleiben lieber bei den Begründungen von einst. Ian Pearson, Chef- Futurologe der British Telecom, hält die Entwicklung nach wie vor für primär technologiegetrieben: Fortschritte in der Speichertechnologie, der Kameratechnik und der Übertragung physischer Reize würden quasi natürlich zu einer Ausweitung der Telearbeit führen: "Was wir bekommen, ist so eine Art Total-Recall-Technologie. Wenn das dazu führt, dass ich mich zu Hause genauso fühle wie an meinem Arbeitsplatz, habe ich damit das Problem gelöst."
Überhaupt werde der technische Fortschritt die Arbeitswelt radikaler umkrempeln, als man heute weithin ahnt, meint Pearson: "Schon jetzt kann man IT-Jobs nach Indien oder China outsourcen. 2020 werden diese Jobs wahrscheinlich von Maschinen übernommen." Übrig blieben nur noch Jobs für Kreative und solche Arbeiten, die eine unmittelbare physische Präsenz verlangen. Telearbeit wäre mithin nur eine vorübergehende Erscheinung - eine Etappe zu weiterer Rationalisierung der Arbeitswelt.
Ob sich ein größerer Anteil von Telearbeitern gesamtwirtschaftlich als Vorteil verbuchen lässt, ist eine intensiv beforschte, aber noch immer offene Frage. Die Canadian Telework Association rechnet beispielsweise vor, dass eine Million kanadischer Telearbeiter, die mindestens einmal pro Woche zu Hause arbeiten, 250 Millionen Kilogramm Kohlendioxid- Emissionen und 50 Millionen Stunden Zeit pro Jahr einsparen. Solche Rechnungen könnten jedoch zu simpel sein, denn Telearbeiter sparen sich nicht nur den Weg zur Arbeit, sie ändern womöglich ihren Lebensstil. So kommt das EU-Projekt SusTel zu dem Schluss, dass man die ökologischen und ökonomischen Auswirkungen der Telearbeit nur über geschlossene Bilanzkreisläufe hinweg beurteilen könne.
Sollte die große Telearbeit-Welle auch diesmal wieder ausbleiben, dann könnte es am Misstrauen der Unternehmen gegen ihre Angestellten liegen. "Konventionelle Massenarbeit kann man gut kontrollieren", erklärt Ian Angell von der LSE, "aber wie will mein Department an der LSE überprüfen, wie viel ich arbeite? Mit der Zahl meiner vorbereiteten Vorlesungen oder der Zahl der E-Mails, die ich verschicke? Das lässt sich leicht austricksen. Betrug liegt in der Natur des Menschen." Kein Wunder, dass viele Unternehmen die in Sachen Telearbeit notwendigen Anpassungen hinauszögern, wie die Forscher des EUProjekts eGap beobachten.
Auch Brother-Chef Furukawa sieht dieses Hindernis, hält es aber für überwindbar: "Unternehmen müssen Vertrauen in ihre Angestellten entwickeln - in die Freiheit, eine bessere Balance zwischen Leben und Arbeiten zu entwickeln."
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