Hamburg - Theoretisch liegen Teile der bestellten Ware schon im Wiener Lager des eBay-Händlers Qentis. Dennoch werden die meisten Kunden, die in letzter Zeit bestellt haben, ihre Produkte wohl nicht mehr bekommen. "Das ist streng verboten, sobald Insolvenz vorliegt. Wenn wir da etwas versenden, machen wir uns strafbar", erklärte Qentis-Geschäftsführer Michael Marcovici dem Online-Dienst "Heise". Der Insolvenzverwalter habe jedoch angedeutet, unter Umständen den Versand der Ware zu gestatten, bei denen der Aufwand der Liquidierung größer wäre als der daraus zu erwartende Erlös.
Leer ausgehen werden zumindest die Kunden von geringwertigen Waren jedoch auf keinen Fall. Bis zu einem Betrag von 200 Euro greift automatisch der Käuferschutz von eBay, allerdings liegt die Eigenbeteiligung bei 25 Euro. Die eBay-Tochter PayPal zahlt unter Umständen bis zu 500 Euro. Rund zehn bis 15 Prozent der Kunden hätten ihre Waren via PayPal bezahlt, erklärte Marcovici.
Doch nicht nur Kunden sind von der Pleite des Online-Händlers betroffen. Auch die Ansprüche von so manchem Lieferanten muss Qentis-Geschäftsführer Marcovici offenbar noch fürchten. "Sobald Sie Konkurs angemeldet haben, ist natürlich das Warenlager viel weniger Wert", beschwert er sich bei Heise. "Und aus allen Richtungen kommen Leute mit obskuren Forderungen. Aus kleinen Geschäften wollen sie Hunderttausende an Schadensersatz."
Harte Sitten im Online-Autkionshaus
Die Pleite des eBay-Powersellers kam für viele vollkommen überraschend. Bis zum Schluss hatte eBay das Wiener Unternehmen als Erfolgsstory der neuen Branche der eBay-Händler verkauft. Man war so stolz auf den Powerseller, dass der Konzern Geschäftsführer Marcovici sogar zum Referenten an der "eBay-University" ernannte, einem Schulungsprogramm für eBay-Kunden und werdende Händler.
2002, im ersten Jahr der Tätigkeit, hatte Qentis noch 250.000 Euro Umsatz damit gemacht, Waren bei eBay billig zu ersteigern und dann weiterzuverkaufen. 2003 machte der Händler schon 3,6 Millionen Euro, 2004 war man bei elf Millionen Euro angelangt. Niederlassungen in Italien, Frankreich, den USA, Hongkong und Italien wurden in der Zwischenzeit gegründet. Für 2005 hatte Qentis 20.000 eBay-Transaktionen mit einem Gesamtumsatz von 21 Millionen Euro angepeilt.
Schließlich begann Qentis damit, auch zahlreiche Produkte in Asien unter verschiedenen Markennamen produzieren zu lassen - ein kapitalintensives Vergnügen. Das Geschäftsmodell funktioniere aber trotzdem, erklärt Marcovici dieser Tage immer wieder. "Vor drei Wochen war noch keine Rede von Überschuldung", erklärte er gegenüber "Heise".
Trotzdem bewegte sich das Unternehmen finanziell offenbar auf sehr dünnem Eis. Der Rückzug eines Kapitelgebers reichte, um Qentis in die Insolvenz zu treiben. Am Dienstag sei überraschend die Finanzierung der Unternehmensexpansion im Nachhinein geplatzt, sagt Marcovici. Der Investor - gleichzeitig auch ein Lieferant von Qentis - "hat vorgestern von seinem Recht Gebrauch gemacht, die investierten 1,5 Millionen Euro zurückzuverlangen", sagte Marcovici. Außerdem habe er die Rückstellung von bereits gelieferten Waren verlangt.
Da dieser Rückzug für die Pleite verantwortlich sei, müsse nun rechtlich geklärt werden, ob man diesem Anspruch nachkommen muss, so Marcovici. Dementsprechend würde die Überschuldung ein bis 2,5 Millionen Euro betragen. Insgesamt belaufen die Passiva des Unternehmens sich derzeit auf etwa acht Millionen Euro.
Die Pleite verdeutlicht einmal mehr das hohe Risiko, das Powerseller eingehen. Mit dem zunehmenden Erfolg des Internetauktionshaus hat sich diese neue Branche entwickelt, in die scheinbar jeder einsteigen kann: Um eBay-Händler zu werden, also die Verkaufs- und Einkaufsgeschäfte für andere zu übernehmen oder Waren im Netz ein- und weiterzuverkaufen, braucht man zunächst nicht viel mehr als einen Internetzugang und ein bisschen Startkapital. Mindestens 10.000 selbständige eBay-Händler gibt es inzwischen, wie Beobachter schätzen. Dabei geht die Spannweite von Hausfrauen, die am heimischen Schreibtisch werkeln, bis zu mittelständischen Unternehmen wie Qentis.
Doch die immer stärker werdende Konkurrenz setzt die Super-Verkäufern zunehmend unter Druck. Im Internet bleiben neue Verkaufsideen außerdem nicht lange unentdeckt. Hinzu kommt, dass viele eBay-Händler offenbar die Nischen im Netz auf höchst zweifelhafte Weise ausnutzen, wie etwa Powerseller Alfred Arnold vor einiger Zeit in der Fachzeitschrift "Werben und Verkaufen" bemängelte. Sie zahlten keine Sozialabgaben für ihre Mitarbeiter, verkauften die Ware ohne Mehrwertsteuer oder handelten mit gefälschter Markenware. Komme ihnen jemand auf die Schliche, machten sie ihren Laden einfach zu und fingen unter neuem Namen wieder an.
Auch die steigenden Gebühren von eBay machen den Powersellern zu schaffen. Zuletzt habe Qentis an eBay rund sieben Prozent aller Umsätze als Provisionen abgeben müssen, "bei steigender Tendenz", so Marcovici. Bei einem Umsatz von rund 20 Millionen Euro ergibt das alleine für 2005 1,4 Millionen Euro. Wegen der immer heftigeren Konkurrenz sei es außerdem immer teurer geworden, die eigenen Produkte auffallend in dem Internetauktionshaus zu platzieren. Einen Rabatt hätte die Handelsplattform Qentis nicht gewährt, obwohl das Unternehmen doch das größte sei.
Die eBay-Gebührenänderung zum 22. Februar wird den auf dem Markt verbleibenden eBay-Händlern die Arbeit nochmals erschweren. Ein Teil der Abgaben, den sie an die Handelsplattform bezahlen, wird sich dann verdoppeln. Aktuell beträgt die Gebühr für einen in einem eBay-Shop verkauften Artikel von ein bis 50 Euro fünf Prozent des Verkaufspreises. Ab Ende Februar werden für Produkte von ein bis 25 Euro dort zehn Prozent des Kaufpreises fällig. Ohne profunde Marketingkentnisse, einen sicheren Kundenstamm und vor allem ein dickes Fell geht deshalb nichts mehr im Geschäft, warnen Profis.
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