Hamburg - Mitglieder des Kartells der Erdöl fördernden Staaten drohen damit, dringend nötige Investitionen zu verzögern oder abzublasen, wenn die USA wie von Bush angekündigt weniger Öl im Nahen Osten kaufen. Vor allem in der Region um den Persischen Golf herum könnte die Erneuerung von Produktions- und Raffinerieanlagen durch Opec-Staaten ausgesetzt werden, berichtet die "Financial Times". Die Opec werde diese indirekte Drohung in ihren nächsten Monatsbericht aufnehmen, schreibt das britische Blatt weiter. Der Bericht soll in der kommenden Woche veröffentlicht werden.
Der Energieminister des Opec-Landes Nigeria, Edmund Daukoru, appellierte laut "FT" an die USA, globale Energiefragen nicht im nationalen Alleingang lösen zu wollen. Daukoru wie auch andere Delegierte der Opec hätten erstaunt auf Bushs Rede reagiert, schreibt die "FT" unter Berufung auf Kreise der Organisation.
Bush hatte in seiner jährlichen Ansprache zur Lage der Nation angekündigt, die USA würden ihre Nachfrage nach Öl aus Nahost bis zum Jahr 2025 um 75 Prozent drosseln. In einem aktuellen Interview mit der US-Nachrichtenagentur AP wiederholte er diese Forderung.
"Ich sage Ihnen, lasst uns Autos bekommen, die mit anderem Brennstoff fahren"
Sein Ziel wolle er durch einen neuen Mix von Energieträgern erreichen, sagte Bush laut AP. "Mein Plan ist, vom Öl umzustellen, zu diversifizieren", so der US-Präsident. "Sie stellen Fragen, wie man mit Fahrzeugen umgehen soll, die mit aus Öl hergestelltem Benzin fahren. Ich sage Ihnen, lasst uns ein paar Autos bekommen, die mit anderem Brennstoff als dem aus Öl fahren."
Er sei davon überzeugt, dass relativ bald - "noch zu meinen Lebzeiten" - mit alternativen Brennstoffen die Abhängigkeit vom Öl aus dem Nahen und Mittleren Osten "beendet" werden könne. Vorschriften zum Energiesparen lehne er aber ab - der freie Markt könne die richten Anreize für eine Umstellung bieten.
Martin Bartenstein, Energieminister Österreichs, ließ gegenüber der "FT" durchblicken, dass er Bushs Plan für unrealistisch hält. Aus seiner Sicht werde der Nahe Osten als Lieferant von Erdöl sogar noch wichtiger werden, sagte Bartenstein, der derzeit für die Energiepolitik der EU zuständig ist.
Auch Analysten weisen darauf hin, dass die USA weiter vom Öl aus dem Nahen Osten abhängig bleiben werden - es sei denn, sie würden Energie sparen, die Nutzung alternativer Energiequellen forcieren oder eigene Ölvorkommen stärker ausbeuten oder neue erschließen. Dies gilt indes als unwahrscheinlich.
"Der Preis wird vom Markt gemacht"
Auch das American Petroleum Institute, das Bushs alte Alliierte aus der Ölindustrie vertritt, rätselt über die Ankündigungen des Präsidenten. Es sei durchaus verständlich, wenn die Opec-Länder angesichts der Bush-Aussagen in Zukunft weniger investieren würden. Schließlich seien die USA bisher das größte Abnehmerland. Ein Investitionsstopp in Ölanlagen in Nahost könnte aber die Knappheit an Öl auf dem Weltmarkt noch verschärfen und damit den Anstieg des Ölpreises beschleunigen.
Der Opec-Preis für Rohöl ist zuletzt wieder gestiegen. Nach Berechnungen des Sekretariats des Kartells von heute kostete der Barrel (159 Liter) gestern im Durchschnitt 60,77 Dollar. Das waren 37 Cent mehr als am Vortag. Die Opec berechnet den so genannten Korbpreis aus elf wichtigen Sorten der Organisation.
Bush hat derweil die hohen Profite der Erdölkonzerne verteidigt. "Ich denke, dass der Preis vom Markt gemacht wird, und so sollte es auch sein", sagte er der AP. Anfang der Woche hatte Exxon Mobil mit 10,71 Milliarden Dollar den höchsten Profit in der amerikanischen Unternehmensgeschichte ausgewiesen.
itz/AP/dpa-AFX
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