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03.02.2006
 

Instabile US-Wirtschaft

Greenspans explosives Erbe

Von Lutz Knappmann

Zum Abschied Alan Greenspans hat sich die Finanzwelt mit Lob und Ehrerbietung fast überschlagen. Dabei hinterlässt er seinem Nachfolger eine Zeitbombe, deren Sprengkraft bis nach Deutschland reicht.

Hamburg - Abschiede sind traditionell Anlass für freundliche Worte, lobende Bilanzen und wohlgemeinte Wünsche. Das gilt beim Ausstand jedes Angestellten - und ist beim wohl mächtigsten Mann der Weltfinanz nicht anders. Nach achtzehneinhalb Jahren hat Alan Greenspan sein Amt als Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) an Bernard Bernanke. übergeben.

"Maestro" Greenspan und Nachfolger Bernanke: Gewaltiger Schuldenberg
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DPA

"Maestro" Greenspan und Nachfolger Bernanke: Gewaltiger Schuldenberg

Verklärt blickt die Finanzszene nun zurück auf die Amtszeit des "Magiers der Märkte" und schwärmt vom "Finanzguru" oder "Maestro". In Greenspans Amtszeit erlebten die Vereinigten Staaten die längste Aufschwungphase ihrer Geschichte - bei gleichzeitig niedriger Inflation. Auch nach dem Platzen der Börsenblase Anfang des neuen Jahrtausends brachte der Fed-Chef die US-Wirtschaft rasch zurück auf Wachstumskurs.

Doch den Preis für diese Erfolgsstory muss die Welt womöglich erst noch bezahlen.

Nie befand sich die US-Wirtschaft in einem derart dramatischen Ungleichgewicht wie heute. In den vergangenen drei Jahren wuchs das Haushaltsdefizit auf Rekordstände - 2004 waren es fast 413 Milliarden Dollar. Das Handelsbilanzdefizit beläuft sich mittlerweile auf 6 Prozent des Inlandsprodukts - während Deutschland in der Handelsbilanz einen kräftigen Überschuss ausweist. Und die Sparquote der Amerikaner ist im Dezember auf minus 0,7 Prozent gesunken.

Staat und Verbraucher geben viel mehr Geld aus, als sie einnehmen. Laut US-Presseberichten haben allein die Kreditkartennutzer in den vergangenen zehn Jahren einen Schuldenberg von mehr als 850 Milliarden Dollar angehäuft.

Billiges Geld erzeugte Immobilienblase

Möglich gemacht hat das erst Greenspans Geldpolitik. Nach dem Crash der New Economy in den Jahren 2000 und 2001 senkte er den Leitzins auf 1,0 Prozent. Der plötzliche Überschuss an billigem Geld bescherte seither nicht nur dem Konsum, sondern vor allem dem Immobilienmarkt einen nie gekannten Boom.

Dax-Show: Index-Performance im historischen Vergleich
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Die Preise für Häuser und Wohnungen haben mancherorts absurde Dimensionen erreicht. Die Mini-Zinsen machten die Kreditfinanzierung zum vermeintlichen Kinderspiel. Millionen Amerikaner schulden ihre bestehenden Darlehen mit immer neuen, immer günstigeren Krediten um - und pumpen das gesparte Geld in den Konsum.

Mittlerweile steigen die Zinsen wieder. Zum 14. Mal hat Greenspan den Leitzins um 0,25 Punkte auf zuletzt 4,5 Prozent angehoben. Damit will er einen weiteren Anstieg der Inflation verhindern, die mittlerweile bei über 4 Prozent liegt. Und allmählich spüren die US-Verbraucher, dass sie sich mit ihrer Verschuldung auf einen gefährlichen Deal eingelassen haben.

Höhere Zinsen könnten Millionen Häuslebauer bald in Schwierigkeiten bringen, ihre steigenden Raten zu bedienen, und so einen fatalen Dominoeffekt auslösen: Je mehr Geld für die Tilgung von Krediten draufgeht, desto weniger bleibt für den Konsum übrig. Gleichzeitig fände der Preisauftrieb auf dem Immobilienmarkt ein jähes Ende.

"Konsumausgaben und Wohnungsbau zusammen bestreiten seit Jahren rund 90 Prozent des amerikanischen Wirtschaftswachstums", hat das Magazin "Economist" errechnet. Kollabiert die Konsumnachfrage, reißt sie die gesamte US-Konjunktur in den Abgrund. Erste Anzeichen einer Abkühlung sind schon zu beobachten. Im vierten Quartal sank das US-Wachstum auf 1,1 Prozent - nachdem es zehn Quartale hintereinander zum Teil weit über 3 Prozent gelegen hatte.

Auch in Deutschland wären die Schockwellen einer solchen Konjunkturabkühlung deutlich zu spüren. Nicht nur, weil die Börsenkurse sehr sensibel auf Hiobsbotschaften aus Übersee reagieren. Nur in Ausnahmefällen kann sich der Dax Chart zeigen von den Vorgaben der Wall Street abkoppeln. Und ein Einbruch der US-Konjunktur, da sind sich die Experten einig, hätte an den Aktienmärkten gewaltige Verwerfungen zur Folge.

Stolpert die amerikanische Wirtschaft über ihre Schulden, hätte das aber auch ohne Umweg über die Börse schlimme Folgen für Deutschlands wirtschafliche Genesung: "Die Amerikaner verkonsumieren rund 20 Prozent der Weltwirtschaftsleistung", sagt der Vermögensverwalter Jens Erhardt gegenüber manager-magazin.de. "Wenn das um 10 Prozent runtergeht, haben wir sofort einen gewaltigen Ausfall weltweit."

Nach wie vor sind die Vereinigten Staaten hinter Frankreich Deutschlands zweitwichtigster Exportpartner - der Anteil beträgt knapp 9 Prozent. Und mit dem Export steht und fällt die deutsche Konjunktur. Ein Einbruch der US-Nachfrage würde den gerade erstarkenden Aufschwung wieder abwürgen.

Greenspans Nachfolger steht vor einer Gratwanderung. Stoppt er die Zinserhöhungen zu früh, wächst der Schuldenberg weiter. Stoppt er sie zu spät, riskiert er eine weltweite Finanzkrise. So oder so muss Bernanke ausbaden, was ihm sein gefeierter Vorgänger hinterlassen hat.

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