Von Joachim Hoelzgen
Hamburg - Im klaren Licht der Wintersonne bahnt sich in den Hotelschluchten von Las Vegas eine neue Ära an: Das Casino Boardwalk ist gerade geschlossen worden und wird demnächst abgerissen. Das gleiche Schicksal blüht auch dem noch berühmteren Stardust, das trotz seiner früheren Ruppigkeit immer ein Rückgrat der Metropole in der Wüste war.
Im Stardust traten die Tänzerinnen des Lido de Paris auf, und hier begann auch die Karriere der deutschen Las-Vegas-Ikonen Siegfried und Roy. Und weil in der Zockerkapitale das Geld biederer Bürger eine Zeit lang gleich in die Tresore der Mafia floss, wurde all das in dem Film "Casino" beschrieben - mit Robert de Niro und Sharon Stone als Hauptdarstellern in den Lasterhöhlen des Blackjack und Baccarat.
Nun naht den Burgen der Glücksritter das Ende, weil große Konzerne einen Umbau von Las Vegas planen, wie es ihn noch nicht gegeben hat. Auf dem Gelände des Boardwalk will der Roulette-Riese MGM Mirage das sogenannte CityCenter errichten - ein fünf Milliarden Dollar teures Vorhaben, das - eine Neuheit in Las Vegas - die Handschrift von Top-Architekten tragen wird.
Cesar Pelli, Erbauer der Petronas Towers in Kuala Lumpur, hat ein kühnes, zentrales Gebäude entworfen, das von Designer-Hotels flankiert werden soll. MGM Mirage, das jetzt schon die Hälfte des Las Vegas Boulevard kontrolliert, will als weitere "celebrity architects" Sir Norman Foster und Rafael Vinoly, bekannt aus New York und Tokio, verpflichten.
Der Beweis, dass Architektur in Vegas möglich ist
Mit den neuen und locker aufgereihten Casinohotels lösen die Baumeister - auch das ein Novum für Las Vegas - die großen Gebäudemassen und Wandfluchten auf, die bisher den Strip und dessen Umgebung dominierten: hemmungslose Versatzstücke und Dekorationsanlagen, die eine Pseudokultur aus fernen Ländern suggerierten. Die Pyramide des Luxor gehörte dazu und die Venedig-Imitation Venetian, das Paris Las Vegas mit seinem nachgeahmten Eiffelturm und das Mirage mit dem künstlichen Vulkan.
Erst das sanft gekrümmte Superhotel Wynn hatte endlich den Beweis erbracht, dass Architektur auch in Las Vegas möglich ist. Sein Bogen wirkt leicht und trotz der 50 Stockwerke nicht dominant. Und auf seiner bronzefarbenen Fassade spiegelt sich zur Abwechslung etwas Natürliches - das Licht.
Kein Themenhotel hier also - doch ein letzter Rückschlag namens Palazzo wird gleich gegenüber hochgezogen. Der Palast des Casinobetreibers Sands ähnelt im Entwurf mit seinen Vorbauten und Erkern dem Zuckerbäckerstil der einstigen Lumumba-Universität in Moskau. Mit dem gleichfalls benachbarten Venetian wuchert er zum weltgrößten Hotelkomplex zusammen - mit dann 7000 Zimmern.
Das CityCenter soll Las Vegas ein für allemal von der Gaukelei verabschieden. Plätze sollen entstehen und Alleen für Fußgänger, umsäumt von Restaurants und Läden.
Pfad für Flaneure
Las Vegas müsse endlich "walkable" gemacht werden, begehbar, und nun auch Flaneuren eine Heimstatt bieten, sagt der Herr über das Großprojekt, Jim Murren, der Präsident von MGM Mirage. "Das war schon immer mein Traum. Das wird den bisher größten Entwicklungsschritt in der Geschichte von Las Vegas markieren", spricht Murren, der als junger Mann immerhin Städtebau und Kunstgeschichte studierte.
Und damit die Stadt in der Stadt auch richtig urban wird, soll sie auch noch einen Turm mit 1650 Wohnungen im Loftstil bekommen. Ihr Verkaufswert beträgt eine Dollarmilliarde, womit die Erbauer des CityCenters ihre Kreditlast spürbar mindern wollen.
Dafür brauchen die Bewohner der Lofts das neue Zentrum auch ein Leben lang nicht zu verlassen. Sie können mit den Lifts zu den Spieltischen und Pools hinabfahren, in den Restaurants dinieren und in den Geschäften einkaufen - oder in die Theater gehen, von denen zwei vorgesehen sind. Selbst die Aufführung eines Stücks von Shakespeare soll dort erstmals in Las Vegas möglich sein.
Mirage-Mann Murren verspricht sich einen "kosmopolitischen Mix" in der Eigentümerschaft und baut auf Globalisierungsgewinner aller Schattierungen - auch aus Fernost, wobei ihm nur recht ist, dass neue Direktflüge Tokio, Seoul und Hongkong mit dem Spieler-Mekka verbinden.
Kontrapunkt zu den Kitsch-Kästen
Das dichtere Bauen und die Verteilung von mehr Funktionen fußt auf einem strategischen, für Las Vegas unerhörten Gedanken. Allein im vergangenen Jahr kamen in dem Glücksrad der USA 38 Millionen touristische Besucher an - mehr als etwa in ganz Großbritannien (30 Millionen). Schwindelerregend war auch die Summe, die in der vollklimatisierten Glitzerwelt zurückgelassen wurde: 34 Milliarden Dollar.
Weil das Glücksspiel aber nur noch 42 Prozent ihres Gesamtumsatzes ausmacht, setzen die Konzerne nun lieber auf neue Stadtzentren, in denen man bis zum Umfallen shoppen kann. "Das gibt Las Vegas die Chance, sich völlig neu zu definieren", kommentiert Bill Eddington, Professor am Institut für kommerziellen Spielbetrieb an der Universität von Nevada.
MGM Mirage ist mit dem neuen Konzept auch schon ein Konkurrent erwachsen. Am Stardust hat die Boyd Gaming Corporation vor, gleichfalls eine Reihe von Hotels, Tagungszentren, Fußgängerpassagen und Theatern zu errichten - den Echelon Place.
"Eine Sammlung von intimeren Hotels ergibt mehr Sinn als eine Bettenburg im Kingsize-Format", meint der zukünftige Chef am Echelon Place, Bob Baugher. Geplant ist ein Shangri-La-Hotel für Gäste aus Asien - und dazu ein Delano, wie es in Miami Beach dank seiner schneeweißen Lobby berühmt wurde. Daneben soll ein Mondrian wie am Sunset Boulevard in Hollywood entstehen, eingerichtet von Philippe Starck als coolem Kontrapunkt zu den Kitsch-Kästen am Strip. Und auch hier sollen Flaneure sich ergehen können - auf Palmenstraßen, in Luxusläden und auch wieder auf dem Weg zu zwei Theatern, eines mit 4000 und das andere mit 1500 Plätzen.
In Kalifornien werden die Palmen knapp
Der Sog von Las Vegas, wo sich derzeit 18 der 20 weltgrößten Hotels befinden, geht vor allem zu Lasten von Los Angeles. Dort plündern Einkäufer aus Nevada die großen Gemüse- und Fischmärkte, um die Frischware mit Lastwagen nach Las Vegas zu karren. Selbst die Palmen werden in Los Angeles und dem Rest Südkaliforniens knapp, weil sich die Pseudo-Oasen am Las Vegas Boulevard mit ihnen umstellen. So groß ist die Nachfrage inzwischen, dass sich der Preis pro Palme mit 2700 Dollar beinahe verdoppelt hat.
Die Bäume werden auch gebraucht, um eine weitere Variante des Städtebaus in Las Vegas zu schmücken: Appartment-Wolkenkratzer. Der Schauspieler George Clooney etwa ist am Milliardenprojekt "Las Ramblas" beteiligt, dessen Glastürme in Pazifikblau erstrahlen sollen. In der gleichen Modefarbe leuchtet auch "The Cosmopolitan", eine Zusammenballung wuchtiger Türme, von denen der erste mit 61 Etagen bereits "ausverkauft" gemeldet hat.
Insgesamt sind 70 der Wohnwolkenkratzer schon im Bau oder geplant, darunter der 215 Meter hohe "Trump International Tower" des Immobilien-Unternehmers Donald Trump, der sich mit dem Giganten erstmals nach Las Vegas wagt. Seine Ex-Frau Ivana war allerdings schneller - als Namensgeberin des 282 Meter hohen Turms "Ivana Las Vegas". Am Ende aber wurde daraus nichts: Weil sich nicht genügend Interessenten fanden, wird der Turmbau Ivanas erst einmal auf Eis gelegt.
Denn wie immer gleicht der Casinokapitalismus von Las Vegas auch dem Tanz auf einem brodelnden Vulkan. Viele Immobilienhaie sind schon einem Goldrausch erlegen. Sie hatten nicht mehr anzubieten als eine Webseite, und auf der einen Traum.
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Zugegeben: Ich war noch nie dort: Weil mir die Stadt viel zu künstlich vorkommt; oder anders gesagt: Eine Geldmaschine, wo ausser Gier kaum noch Gefühle zählen dürften. Mich zieht's jedenfalls auch in Zukunft nicht dahin. mehr...
Finde genau das Gegenteil. Aufgeppept überzogen , abtörnend. Für Garry Glitter und High Heel Moni mit 25 Kg Übergewicht...:-) Kann man vorbeifahren :-) So unterschiedlich ist die Welt :-) mehr...
Bin deutsche Truckerin in Amerika und schon etliche Male in Las Vegas gewesen. Wer noch nie dort war hat keine Vorstellung wie geil es dort ist. Hat doch niemand gesagt, dass man Kohle dort fuer's Gambling rausschmeissen muss. [...] mehr...
wann immer ich konnte, bin ich aus dem Gewusel gefluechtet. Einmal an einem vermeintlich sicheren Ort niedergeschlagen und ausgeraubt. 30 000 Haeuser stehen leer. Taeglich Morde in frueher sicheren Stadtteilen. Las Vegas ist [...] mehr...
Nein. Ich war zwar noch nie dort, aber schon von den Fotos her ist das nicht meine Welt. Antwort auf die 1. Frage: Letzteres war es doch wohl schon immer. Antwort auf die 2. Frage: Es gibt genügend andere Mythen und Orte, [...] mehr...
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