Von Thomas Schmitt, Bangalore
Bangalore - Auf die Herren im Regierungspalast von Bangalore, dem "Vidhana Soudha", ist Ramakrishna Murthy nicht gut zu sprechen. Vor kurzem wurde er von seinem Arbeitgeber, der Hindustan Lever, kurzer Hand auf die Straße gesetzt. Zehn Jahre lang hatte er als Lebensmittelchemiker für das Unternehmen gearbeitet, das zum britisch-holländischen Multi Unilever
gehört. Doch Murthy macht nicht die Industriellen für seinen Rausschmiss verantwortlich - sondern die obersten politischen Entscheider.
Er sieht sich selbst als ein Opfer des "indischen Wirtschaftswunders". Er fühlt sich als einer der "Globalisierungsverlierer", die wegen der Liberalisierung der indischen Wirtschaft ihre Jobs verloren haben.
"Zu alt, zu unflexibel, zu teuer" sei er mit seinen 52 Jahren, habe man ihm gesagt. Seitdem sich Indiens Unternehmen aus einem riesigen unerschöpflichen Reservoir an jungen und gut qualifizierten Arbeitskräften bedienen können, ist für einen wie ihn kein Platz mehr. "Nachdem sie mich entlassen hatten, musste ich noch im selben Monat meine Wohnung verlassen", klagt er. Jetzt hausen er und seine Familie, ohne nennenswerte soziale Absicherung, in einem herrenlosen, halbverfallenen Haus am Stadtrand von Bangalore. Sie leben mehr schlecht als recht von den Einkünften seiner Frau.
Bis vor kurzem noch waren sich viele in der aufstrebenden Hightech-Metropole einig, dass es keine Alternative zu den Wirtschaftsreformen gibt. Inzwischen aber mehren sich Stimmen derer die fürchten, eine weitere Liberalisierung könne die soziale Balance des Vielvölkerstaates zerstören. In auflagestarken Blättern und Magazinen wie "Outlook", "India Today" und "The Week" melden sich Kolumnisten zu Wort, die den im Ausland hochgelobten Reformkurs der Zentralregierung in Neu-Delhi in Frage stellen.
"Nur gut jeder Zweite von uns kann lesen und schreiben"
Blickt man auf die Kenndaten der Statistiker, sehen Indiens Wirtschaftsreformen aus wie ein durchschlagender Erfolg. Immerhin ist es der "größten Demokratie" der Erde gelungen, bei IT-Dienstleistungen zum Exportweltmeister aufzusteigen. Die "Überregulierung" der Wirtschaft wurde zurückgefahren, die Wachstumsrate stieg von durchschnittlich 3,7 Prozent in den fünfziger und sechziger Jahren auf bemerkenswerte sieben Prozent im vergangenen Jahr.
Wirtschaftsinstitute beteuern unermüdlich, dass der indischen Volkswirtschaft noch rosigere Zeiten bevorstehen. Glaubt man den Prognosen der Deutschen Bank
Research, so soll sich Indiens Bruttoinlandsprodukt in den nächsten zwölf Jahren verdoppeln. Damit würde Indien bis 2020 zur drittgrößten Volkswirtschaft der Welt - nach den USA und China. Das Vertrauen ausländischer Geldgeber ist so groß, dass der wichtigste indische Aktienindex, der Sensex, jüngst zum allerersten Mal über die Marke von 10.000 Punkten sprang.
Von alledem will Murthy nichts wissen. "Indien ist weit davon entfernt ein entwickeltes Land zu werden. Nur gut jeder Zweite von uns kann lesen und schreiben, und die Umweltsituation wird zunehmend dramatischer", sagt er.
"Die Löhne stagnieren, während die Lebenshaltungskosten steigen", pflichtet ihm Dhruva L. Robby bei. Dhruva, wie ihn seine Freunde nennen, war vor kurzem selbst auf Jobsuche. Anders als Murthy ist er jung und ungebunden. Jetzt arbeitet er für wenig Geld sechs Tage die Woche in einem Call-Center für Dell
, um die Computerprobleme anderer Leute via Telefon zu lösen - in Nachtschichten, versteht sich.
Inflation nagt an den Löhnen der Mehrheit
Die ständigen Erfolgsmeldungen vom Aktienmarkt überdecken Schattenseiten und Probleme im Wirtschaftswunderland Indien. So steigen zwar die Gehälter für moderne Dienstleistungsjobs seit Jahren spürbar - die Löhne in den übrigen Sektoren aber haben sich nur geringfügig verändert oder sind gar gleich geblieben. Schlecht für die überwiegende Anzahl der Beschäftigten. Denn bei einer Inflationsrate von mehr als vier Prozent müssen sie jedes Jahr Verluste an Kaufkraft wegstecken.
Daran wird sich so schnell nichts ändern. Noch immer verdient ein Industriearbeiter selten mehr als 7000 Rupien (130 Euro) im Monat, ein Tagelöhner muss gar mit weniger als 1500 Rupien auskommen. Dafür kann man sich weder ein ordentliches Dach über dem Kopf noch ausreichend gute Lebensmittel leisten. Kinderarbeit ist nach wie vor üblich. Die ärztliche Versorgung für die armen Teile der Bevölkerung reicht nicht aus.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH