Wirtschaft


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Verlierer der Globalisierung Indische Traumwelten

2. Teil: Teil zwei: Moped- und Pkw-Chaos in der Sechs-Millionen-Stadt - und warum Siemens anderswo expandiert.

Die unangenehmen Nebenwirkungen des Booms sind gerade in den Metropolen Indiens unübersehbar - laut Weltbank gehören sie zu den am schnellsten expandierenden Städten auf dem ganzen Globus. Trotz vieler Parks und Alleen leiden sie unter wachsender Luft- und Lärmbelastung.

Wer einmal mit einer Motor-Rikscha ein paar Runden im Zentrum von Bangalore dreht - dessen Kleider färben sich rußschwarz, die Augen beginnen zu tränen. Seit Abertausende Mopeds, Nahverkehrsbusse und Kleinwagen die Straßen verstopfen, bricht der Feierabendverkehr regelmäßig zusammen.
Siemens Chart zeigen hat inzwischen seine Expansionspläne für Bangalore angehalten und will laut Indien-Chef Jürgen Schubert künftig lieber in Puna, Chennai (Madras) oder Kalkutta wachsen. Unterdessen ziehen arme Landbewohner auf der Suche nach Arbeit weiter in die Sechs-Millionen-Stadt - und landen oft in den Slums.

Wenig verwunderlich also, wenn Globalisierungskritiker wie Ashok Mitra neue Anhänger finden. Eine weitere Öffnung des Marktes, warnt der Ökonom und frühere Finanzminister des Bundesstaats West-Bengalen, würde auf die "Übernahme" des Subkontinents durch multinationale Konzerne hinauslaufen. Mitra fürchtet Schaden für die Ärmsten, eine wachsende soziale und politische Instabilität. Seine Thesen vertritt der Marxist in Büchern und Zeitungskolumnen. Den weiteren Abbau von staatlichen Wirtschaftshilfen - wie ihn Weltbank und Weltwährungsfonds fordern - lehnt er kategorisch ab.

Handy-Kult in der neuen Mittelschicht

Die Befürworter der Globalisierung widersprechen - in allen Punkten. Ihrer Ansicht hat Indien viel zu lange an der Linie festgehalten, die Schwerindustrie zu fördern und den Staatssektor zu päppeln. N. Srinivasan, Generaldirektor des Industrieverbandes, fordert daher, die Politik der "offenen Tür" für ausländische Investoren fortzusetzen. Die indische Wirtschaft könne mit starken ausländischen Partnern "nur gewinnen", sagt er.

Neben ausländischen Multis und heimischen Unternehmen wie Infosys und Wipro gehören die Ober- und Mittelschichten in den Ballungszentren im Süden zu den Gewinnern. Seit der IT- und Software-Boom-Städte wie Bangalore, Hydarabad oder Chennai fest im Griff hat, konnten gut ausgebildete Inder ihre eigene wirtschaftliche Lage merklich verbessern. Mit Monatsgehältern, die weit über dem Durchschnitt des Landes liegen, übernehmen sie die Konsumkultur und Lebensstile der westlichen Welt.

Dhruva Robbys neue Arbeitskollegen beispielsweise lieben nichts mehr, als am frühen Abend in den modernen Cafés der Mahatma Gandhi Road die Zeit totzuschlagen und ihre neuen Handys spazieren zu tragen. Später werden sie in eine der neuen Diskotheken ziehen. "Da wird keiner einen Gedanken an Armut und dergleichen verschwenden", argwöhnt der kritische Dell-Mitarbeiter.

Im Internet wird zum West-Boykott aufgerufen

Ernsthafte Versuche, die durch die Liberalisierung entstandenen Verwerfungen abzumildern, sind bislang unterblieben. Das Gefälle zwischen dem weiter landwirtschaftlich geprägten Norden und dem neureichen Süden mit seinen Zentren Mumbai (Bombay) und Bangalore wächst. Schon jetzt leben mehr als die Hälfte aller Armen Indiens in den nördlichen Unionsstaaten - in Orissa, Bihar, Rajasthan oder Madhya Pradesh.

Doch auch im Süden begehren Bürgerinitiativen und Vereine gegen den wirtschaftlichen Kurs auf. In Karnataka beispielsweise, wo jährlich Hunderte Bauern wegen hoher Schulden in den Selbstmord gehen, ruft die Bauernvereinigung der Karnataka Raytha Sangha regelmäßig zu Protesten auf. Sie klagt, Bauern würden von multinationalen Saatgut- und Düngemittelkonzernen genötigt, zu hohe Preise zu zahlen.

Der Kontrast zwischen einer steigenden Anzahl von Neureichen und den Millionen ohne vernünftige Unterkunft könnte auch den Ultrarechten in die Hände spielen. Erst kürzlich wurde die von der Kongresspartei geführte Unionsstaatenregierung in Karnataka gestürzt. Der Machtwechsel hat nun die hindunationalistische Bharatiya Janata Party auf die Regierungsbank befördert - zum ersten Mal überhaupt in einem südindischen Unionsstaat.

Im Internet kursieren schon Mail-Listen, auf denen zum Boykott ausländischer Waren aufgerufen wird. Paradoxerweise richten sich die Appelle aber nicht an die sozialen Absteiger, an die verarmten Bauern und andere Globalisierungsverlierer - die können sich die teuren Import-Produkte ohnehin nicht mehr leisten.

Angesprochen sind die Neuen Reichen - und damit genau die Gruppe, die bisher am meisten von der Marktöffnung profitiert hat.

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