Frankfurt am Main - Noch kämpfen die Einsatzkräfte auf Rügen und in Vorpommern gegen eine Tierseuche, die Menschen in anderen Ländern nur vereinzelt befallen hat. Doch Gesundheitsexperten fürchten, dass der aggressive Vogelgrippe-Virus H5N1 mutiert und dann von Mensch zu Mensch übertragen wird. Sollte sich die Krankheit zu einer Pandemie wie Aids, die Pest oder die Spanische Grippe ausweiten, schätzen Wirtschaftsforscher den Schaden alleine für Deutschland auf bis zu 75 Milliarden Euro.
Die Weltgesundheitsorganisation rechnet damit, dass nach dem Ausbruch der Seuche etwa jeder vierte Europäer erkranken würde und wochenlang das Bett hüten müsste. Nicht eingerechnet sind diejenigen, die nicht zur Arbeit kommen, weil sie kranke Kinder oder Angehörige pflegen müssen. Vor allem aber hätten die Menschen Angst vor einer Ansteckung im Bus, in der Bahn oder im Büro und würden zu Hause bleiben. Für Betriebe wäre das ein Horrorszenario.
Die weltweit drittgrößte Bank HSBC hat einen Plan entworfen, um im absoluten Notfall zeitweise mit der Hälfte der Belegschaft auszukommen. Ein Großteil der Mitarbeiter soll dann von zu Hause aus arbeiten. Das britische Bankhaus steht mit solchen Überlegungen nicht alleine da. "Natürlich gibt es eine generelle Planung, wie der Geschäftsbetrieb bei solchen Gesundheitsrisiken für die Mitarbeiter aufrecht erhalten werden kann", sagt Klaus Thoma von der Deutschen Bank. Details verrät er nicht. Für den deutschen Branchenprimus sei es aber wichtig, mit Experten vernetzt zu sein und diese im Notfall an seiner Seite zu wissen. Die Londoner Bankenaufsicht warnte jedoch, dass sich viele Banken für den Notfall auf dieselben externen Dienstleister verlassen würden, die dann aber überfordert seien.
Arbeiten von zu Hause aus
Den Arbeitsplatz nach Hause zu verlegen, käme ohnehin nur für Bürojobs in Frage. "Im Verwaltungsbereich geht das, aber unsere Produktion können wir natürlich nicht nach Hause verlagern", sagt Martina Hatzel von BMW in München. "Möglicherweise bekommen wir aber auch von unseren Zulieferern keine Teile mehr ", beschreibt sie die Szenarien. Seit die Lungenkrankheit SARS grassierte, wappnet sich der Autobauer mit weltweiten Krisenplänen.
"Wie alle Logistikunternehmen hat die Deutsche Post seit Jahren detailliert ausgewiesene Notfallpläne für alle denkbaren Störungen der Betriebsabläufe", sagt Sprecher Uwe Bensien. Das Bonner Unternehmen geriet schon mehr als einmal unfreiwillig auf Tuchfühlung mit gefährlichen Erregern. So hatten sich bei den Milzbrand-Attacken nach dem 11. September 2001 Mitarbeiter in einem Postamt in den USA infiziert. Der Verlauf der Vogelgrippe werde daher genau beobachtet und die Notfallpläne nach Empfehlungen der Experten angepasst. Auch die Deutsche Bahn will auf den Ernstfall vorbereitet sein: "Wir stehen seit langem in engem Kontakt zu den Gesundheits- und Ordnungsbehörden wie Zoll und Veterinärämtern", sagt ein Sprecher. Gemeinsam werde in Arbeitsgruppen getüftelt, was in bestimmten Situationen zu tun sei.
Zwölf von 30 Dax-Unternehmen vorbereitet
Doch nicht alle Unternehmen sind gut vorbereitet. Viele halten das Risiko schlicht für übertrieben oder wollen nicht wahrhaben, dass es auch sie treffen kann. Nach Recherchen der "Wirtschaftswoche" haben sich zwölf der 30 Großkonzerne im Deutschen Aktienindex (Dax) weder auf eine Pandemie vorbereitet noch arbeiten sie an entsprechenden Notfallplänen. Nur zwölf informieren ihre Mitarbeiter über potentielle Gefahren. Sieben gaben zu, größere Mengen der Grippemittel Tamiflu oder Relenza für ihre Angestellten gekauft zu haben.
Auch international steht es um die Vorbereitung eher schlecht: Eine Studie im Auftrag des Beratungsunternehmens Deloitte & Touche in den USA ergab, das sich nicht einmal acht Prozent der befragten Firmen ausreichend auf eine Pandemie vorbereitet fühlen.
Katharina Becker, AFP
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH