Von Jörn Sucher
Hamburg - Der vergangene Mittwoch dürfte Roy Makaay noch lange in schlechter Erinnerung bleiben. Der Stürmer-Star des FC Bayern München geriet im Champions-League-Spiel gegen AC Milan mit dem Rest des Teams unter die Räder - am Ende stand es 4:1 für die Italiener. Makaay selbst spielte desolat und musste nach der Halbzeitpause in der Kabine bleiben.
Bei Makaay und den Bayern ist derzeit der Wurm drin - nicht nur sportlich. Denn jetzt machen dem deutschen Rekordmeister auch noch Negativschlagzeilen über den Werbepartner Neosino zu schaffen. Der an der Börse notierte Mittelständler vertreibt Nahrungsergänzungsmittel. Die Produkte sollen unter anderem Muskelverletzungen vorbeugen und Sportler leistungsfähiger machen. Die Neosino AG
Davon sind zumindest die Verantwortlichen beim FC Bayern München überzeugt. Der Club ist Lizenzpartner von Neosino und verkauft die Produkte in seinem Online-Shop. In der Produktkategorie "Bett & Bad" werden fünf Trinkampullen für 13,95 Euro angeboten. 30 Kapseln kosten dagegen 24,95 Euro, ebenso viel das Neosino-Spray.
Roy Makaay hat zudem einen Werbevertrag mit Neosino. In einem Reklamefilm preist der Niederländer die Wirkung des Mittels. Und Vereinsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hat einen Beratervertrag mit der Firma. Nebenbei trommelt der Bayern-Doc in der Presse für das Wunderpulver. So präsentiert Neosino auf seiner Internetseite einen Artikel aus der "Abendzeitung" vom August 2005. In dem darf Müller-Wohlfahrt erklären, dass die Kicker viel seltener an Muskelverletzungen leiden, seit sie Silicium nehmen. Zuvor wird erwähnt, dass der Arzt Neosino-Produkte nutzt.
"Panorama": Keine Nanoteilchen in Neosino-Produkten
Die engen Bande der Bayern zu dem Nano-Unternehmen könnte jetzt zur Belastung für den Verein werden. Laut Recherchen des NDR-Nachrichtenmagazins "Panorama" und des Hörfunksenders NDR Info wirbt Neosino mit falschen Angaben. In einer Untersuchung des Max-Planck-Institutes im Auftrag von "Panorama" und NDR Info wurde festgestellt: Die vom Hersteller angegebene Partikelgröße im Bereich von drei bis zehn Nanometer könne in keinem Fall bestätigt werden. Solch kleine Nanoteilchen fanden sich in keiner der untersuchten Proben, so das Institut.
Das Produkt bestehe zu mindestens 99 Prozent aus Mikrometer-großen Pulverkörnern. Diese seien 100-mal größer als von Neosino behauptet. Es gebe eine wesentlich billigere Lösung, als die Produkte von Neosino zu schlucken, sagt Professor Markus Antonietti, Nano-Forscher am Max-Planck-Institut in Potsdam. Man könne auch "auf einen ganz normalen Bolzplatz gehen und den Staub, der dort aufgewirbelt wird, schlucken. Das hätte genau die gleiche Wirkung."
Für Neosino hatte die Meldung dramatische Folgen. Noch im Januar machte der Hersteller Schlagzeilen mit dem ersten Börsengang im Jahr 2006. Den Einstiegskurs von 55 Euro konnte die Neu-Aktiengesellschaft schnell verdoppeln. Der Wert des Unternehmens stieg auf über 200 Millionen Euro. In der Spitze notierte das Neosino-Papier bei 169 Euro. Nach der NDR-Meldung stürzte der Kurs ab. Teilweise notierte die Aktie
rund 40 Prozent unter dem Vortageskurs.
Neosino weist Vorwürfe zurück
Neosino wehrt sich nun massiv gegen die Vorwürfe. In einer Pflichtmitteilung kündigte das Unternehmen heute an, gegen die Sendung "Panorama" und die verantwortlichen Redakteure "wegen einseitiger Berichterstattung, Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht und Zurückhaltung von Beweismaterial" rechtlich vorgehen zu wollen.
Neosino verweist in der Mitteilung auf Messungen des Zentrums für Werkstoffanalytik Lauf und der Firma Retsch Technology, die bestätigen, dass die Produkte Mineralien in Nanogröße enthalten. Diese Untersuchungsergebnisse habe man "Panorama" rechtzeitig zur Verfügung gestellt. In der Berichterstattung seien sie aber völlig ignoriert worden.
Zudem schaltet die Gesellschaft die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ein und bittet um die Aufnahme von Nachforschungen. Kein Wunder, denn der Aktienkurs gleicht unterdessen einer Achterbahnfahrt. Nach dem hohen Verlust, zieht das Papier heute wieder kräftig an.
Image-Desaster für die Bayern
Für die Bayern scheint die Angelegenheit dennoch ein Image-Desaster. Der Verein äußert sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zurückhaltend und verweist auf Müller-Wohlfahrt. "Unseren Verantwortlichen aus der medizinischen Abteilung liegen unabhängige Untersuchungen vor, die die Angaben von Neosino bestätigen", sagt ein Sprecher. Daher nehme man die Diskussion mit Vorsicht zur Kenntnis. Handlungsbedarf sieht man in München gleichwohl nicht; Neosino-Produkte werden auf der Bayern-Homepage weiter verkauft. Müller-Wohlfahrt war für einen Kommentar zunächst nicht zu erreichen.
Andere reagierten vorsichtiger, der Deutsche Sportbund (DSB) zum Beispiel. Der Verband hatte Neosino-Produkte zuvor offiziell empfohlen und in einem Schreiben an seine 26.000 Vereine den Kauf sogar zu Sonderpreisen angeboten.
Jetzt rudert der DSB zurück und distanziert sich deutlich. "Wir haben den Fehler gemacht, dass wir den Vereinen suggeriert haben, es sei ein unbedenkliches Produkt, was wir mit unserem Segen als Dachorganisation nach draußen geben. Dies war in dieser Eindeutigkeit falsch", sagte Generalsekretär Andreas Eichler dem NDR. Der Vertrag mit Neosino werde nicht verlängert.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH