Wirtschaft



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16.03.2006
 

Großflughafen Schönefeld

Hoffnungsschimmer für eine Krisenregion

Von Severin Weiland

Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts für den Bau des Großflughafens Berlin-Brandenburg lässt die Verantwortlichen in der Region aufatmen. Denn gute Nachrichten gab es dort zuletzt kaum zu vermelden.

Berlin - Für Klaus Wowereit war es schlicht ein "glücklicher Tag". Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts für den Bau des Flughafens Berlin Brandenburg International, bekannte der SPD-Politiker, sei die wichtigste in seiner fast fünfjährigen Amtszeit als Bürgermeister der Bundeshauptstadt. Angesichts der fast überschwänglichen Worte wollte auch der bei der heutigen Pressekonferenz neben ihm sitzende Matthias Platzeck nicht zurückstehen. Es die "vielleicht wichtigste Entscheidung seit der Wiedervereinigung in dieser Region", kommentierte der Brandenburger Ministerpräsident das Urteil der Richter in Leipzig.

Flughafen Schönefeld: Keine "Fata Morgana"
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AFP

Flughafen Schönefeld: Keine "Fata Morgana"

Die gute Nachricht hatten Wowereit und Platzeck heute dringend nötig. Denn lange sah es so aus, als würde der Großflughafen Schönefeld nie realisiert werden - bestenfalls weiter provisorisch ausgebaut. 1992 war mit den Planungen für ein Internationales Drehkreuz begonnen worden, in der Nachwende-Euphorie rechnete man mit 60 Millionen Fluggästen jährlich.

Zügig gingen die Verantwortlichen ans Werk. Bewohner zweier Orte wurden umgesiedelt, doch dann häuften sich die Pannen und so recht vom Fleck kamen das Projekt dann nicht mehr. Proteste von Anwohnern, vor allem aber die Finanzierungsfrage sorgten für Verzögerungen. Vor gut drei Jahren scheiterte schließlich der Versuch, den Flughafen weitgehend durch private Investoren bauen zu lassen. Berlin und Brandenburg drohten im Kampf der großen Luftfahrtstandorte endgültig abgehängt zu werden.

Am Ende entschlossen sich die Flughafengesellschafter Berlin, Brandenburg und der Bund, es auf eigene Faust zu versuchen. Doch dann folgte der nächste Rückschlag: 2005 verhängte das Bundesverwaltungsgericht nach Klagen von Anwohnern gegen einen Sofortvollzug des Planfeststellungsbeschlusses einen Baustopp - die geplante Eröffnung rückte damit um ein weiteres Jahr nach hinten und sollte nun November 2011 erfolgen. 

Mit dem Urteil von Leipzig, das Bauherren und Betreibern künftig mehr Lärmschutzmaßnahmen und ein Nachtflugverbot auferlegt, erhoffen sich Berlin und Brandenburg vor allem einen kräftigen Impuls für ihre Wirtschaft. Von bis zu 40.000 Arbeitsplätzen sprach heute Wowereit; und Platzeck ergänzte, es sei keine "Fata Morgana", die da entstehe. "Wenn wir es gut machen, kann es den Charakter einer Initialzündung bekommen." Der Flughafen in Schönefeld sei ein "Schatz" in der Region, "das Brandenburger Tor in die Welt".

Hoffnungen auf die Jobmaschine

Mit dieser Einschätzung stehen Wowereit und Platzeck nicht allein. Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften werben unisono für den Bau. Denn mit fast 18 Prozent ist die Arbeitslosigkeit in Berlin eine der höchsten in Deutschland. Ähnlich düster sieht es in Brandenburg aus - Besserung kaum in Sicht.

Die Deindustrialisierung in beiden Ländern geht rasant weiter, erstmals sank in Berlin die Zahl der Arbeitsplätze in der gewerblichen Produktion unter 100.000. Italiens Autokonzern Fiat etwa will einen Baumaschinen-Hersteller in Berlin-Spandau schließen, seit Wochen streiken die rund 500 Beschäftigten. Kaum hatte Wowereit jüngst mit Hilfe der Kanzlerin und Bundesbauministers Wolfgang Tiefensee verhindert, dass die Bahn ihre Zentrale nach Hamburg verlegt, drückte diese Woche die Nachricht von der geplanten Übernahme des Pharma-Unternehmens Schering durch den Konkurrenten Merck die Stimmung.

Würde Schering, einziges Dax-Unternehmen der Hauptstadt, vom Darmstädter Wettbewerber geschluckt, wären nicht nur zahlreiche der rund 6000 Arbeitsplätze in der Stadt in Gefahr, befürchten die Gewerkschaften. Die Merck-Manager machten bei ihrem Besuch im Roten Rathaus diese Woche gegenüber Wowereit auch deutlich, dass die Schering-Zentrale in Berlin dann geschlossen und der gemeinsame Konzern von Westdeutschland aus geführt würde.

Die gute Nachricht aus Leipzig wirkte da wie ein Antidepressivum in spätwinterlicher Stimmung. Auch wenn noch nicht klar ist, wie hoch die Kosten des Flughafen eigentlich sein werden. Bisher war von 2,18 Milliarden Euro die Rede. Bundesbauminister Tiefensee bekräftigte dennoch heute: "Es wird an der Finanzierung nicht scheitern." Und Platzeck unkte angesichts des jahrelangen Hickhacks um Schönefeld: "Nach dem, was wir da gemeinsam durchgemacht haben, fürchten wir uns vor nichts mehr."

Adieu Größenwahn

Von den utopischen Planungen der neunziger Jahre haben die Verantwortlichen ohnehin längst Abschied genommen. Von nur noch 22 Millionen Passagieren ist nun die Rede. Und auch das frühere Ziel, Drehkreuz im Osten Europas zu werden, ist längst einer nüchternen Betrachtung gewichen. Frankfurt am Main und München haben einen Vorsprung, den Berlin wohl kaum einholen wird. So erklärte denn auch Wowereit, zugleich auch Aufsichtsratschef der Berliner Flughäfen, man solle "realistisch" sein. Er würde nicht mehr so weit gehen und von einem "klassischen" Drehkreuz für Schönefeld sprechen. Ziel müsse es sein, mehr Direktverbindungen zu bekommen.

Das aber war in den vergangenen Jahren in Berlin ein mühsames Geschäft. Lange Zeit gab es keine Direktflüge aus der deutschen Hauptstadt in die USA. Weil Berlin nur zwei Konzernzentralen hat, rechnete sich vor allem die gehobene Klasse nicht. Mit Delta, Continental und Quatar Airlines bestehen erst seit kurzem wieder internationale Direktverbindungen. Vor allem die zunehmenden Tourismuszahlen - Berlins wirklich einzig verlässlich boomende Branche - machen den Markt nun attraktiv, nicht nur bei den Billigfliegern, die vorzugsweise Schönefeld anfliegen.

Den Markt der Zukunft sehen die Betreiber vor allem im Fernen Osten. Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck hatte bei seiner Reise in China von dortigen Verantwortlichen viel Interesse für den Großflughafen Schönefeld gehört. Aber auch immer wieder einen Satz: "Kriegt erst einmal eure Entscheidung hin."

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