Aus der Airbus-Werft berichtet Jörn Sucher
Hamburg - "Plötzlich ging das Licht aus. Und das Kabinenpersonal schrie 'Raus hier!'" Noch ein wenig atemlos berichtet Kieran Daly von den ersten Sekunden des A380-Evakuierungstests.
Daly war einer der 873 Probanden, die heute das größte Passagierflugzeug binnen 90 Sekunden verlassen mussten. "Das war eine intensive Erfahrung", sagte der Brite. Daly saß neben einer der sich öffnenden Türen und entkam deswegen schnell dem Chaos. Dennoch war er nicht ganz zufrieden: "Es fühlte sich nicht realistisch an, es gab keinen Knall und keinen Rauch."
Gereicht hat es trotz fehlendem Katastrophen-Feeling. Alle Insassen konnten die Maschine in der vorgeschriebenen Zeit verlassen. Statt 90 Sekunden wie maximal erlaubt dauerte die Evakuierung sogar nur 80 Sekunden. "Das ist neuer Weltrekord. Sie sehen hier nur zufriedene Gesichter", sagte Airbus-Chef Gustav Humbert bei der anschließenden Pressekonferenz. "Es hat alles geklappt. Das Flugzeug hat hervorragend funktioniert", erklärte der Manager später im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir werden unseren Zeitplan einhalten. Ende 2006 wird die erste Maschine an Singapore Airlines ausgeliefert."
Damit hatten die Wenigsten gerechnet. Airbus hatte vor dem Test bewusst tief gestapelt: Die Airlines hätten bisher Versionen mit maximal 644 Sitzen bestellt. Deshalb würde es bei dem für die Zulassung nötigen Evakuierungstest reichen, wenn nur 650 Passagiere das Flugzeug in der vorgeschriebenen Zeit über Notrutschen verlassen könnten, hatte es vorab vorsichtig geheißen.
Erleichterung beim Management
Nun sieht es so aus, als ob der europäische Flugzeugbauer selbst jene Kunden bedienen könnte die den Großraumflieger mit 700 und mehr Sitzen ausrüsten wollen; Fluggesellschaft aus dem Nahen Osten etwa, die damit Pilger nach Mekka bringen wollen.
An den Aufsichtsbehörden dürfte das Vorhaben wohl nicht scheitern. Zwar wird deren offizielles Votum erst Morgen oder Übermorgen vorliegen. Dennoch zeigte sich die für den Test verantwortliche European Aviation Safety Agency (EASA) zuversichtlich, dass es keine Probleme geben wird. "Das hat einen sehr guten Eindruck gemacht, ich möchte Airbus gratulieren", sagte EASA-Direktor Norbert Lohl. Der Luftfahrtaufseher rechnet damit, dass auch das US-Pendant FAA der Zulassung zustimmen wird.
Die Airbus-Verantwortlichen dürften angesichts solcher Töne erleichtert sein. Der Riesenvogel absolviert derzeit laufend Tests. In den südamerikanischen Anden hob der A380 4000 Meter über dem Meeresspiegel ab, um zu prüfen, wie die Maschine sich in der dünnen Hochgebirgsluft beim Start verhält. In Kanada und Afrika musste der Flieger seine Kälte- und Hitzeresistenz unter Beweis stellen.
Dabei reagieren die Aktienmärkte nervös auf jede Meldung, die zu einer weiteren Verzögerung führen könnte. Bei einem statischen Belastungstest in Toulouse waren im Februar beide Tragflächen zwischen den Turbinen eingerissen. Bei extremen Belastungen sei ein derartiges Vorkommnis nicht überraschend, beteuerte Airbus. Dennoch rauschte der Aktienkurs der Konzernmutter EADS
in die Tiefe.
Keine Prüfung wurde vorab so intensiv diskutiert wie der Evakuierungstest. Das verwundert kaum - die Notfallsimulation glich einem Extremsport-Event. In 90 Sekunden mussten die 853 Probanden und 20 Besatzungsmitglieder aus den Reihen der Lufthansa
über Notrutschen aus acht Metern Höhe die zwei Decks des Flugzeugs verlassen.
Die Halle auf dem Werksgelände in Finkenwerder war abgedunkelt. In den Kabinengängen lagen Kissen, Taschen und Zeitungen herum, um das Chaos zu verstärken. Außerdem funktionierte nur die Hälfte der Türen. Welche Ausgänge sich öffnen würden, blieb bis zum Schluss ein Geheimnis.
Test in riesiger Dunkelkammer
Verletzungen bei den Testpersonen waren bei Prüfungen in der Vergangenheit keine Seltenheit. Dabei wurden allerdings noch nie so viele Menschen aus einem Flugzeugrumpf gescheucht wie heute in Finkenwerder. Ohne Krankenwagen kam man entsprechend nicht aus. Ein 50-Jähriger wurde mit einem Oberschenkelbruch in die Klinik eingeliefert. 32 Probanden erlitten leichte Verletzungen wie Hautabschürfungen.
Die Fluchtakteure hatte Airbus teils in der eigenen Belegschaft rekrutiert, teils stammen sie aus dem Umland. Unter anderem wurden die Organisatoren bei Sportvereinen fündig. Eine gewisse Agilität galt als Voraussetzung. 11.000 hatten sich für den Job beworben, den der Flugzeugbauer mit 60 Euro vergütet. 55 Prozent der Insassen waren Frauen, 15 Prozent älter als 50. Gerade ältere Kandidaten waren nicht einfach zu finden.
Für die von den Zulassungsbehörden erdachte Rutsch-Tortur gibt es gute Gründe. Im August verunglückte in Toronto ein A340. Dank der zügigen Evakuierung konnten alle 300 Passagiere vor dem ausbrechenden Feuer gerettet werde.
Auch wenn Airbus-Chef Humbert nicht von einem "Befreiungsschlag" sprechen möchte, rechnet er mit einem Schub für das Projekt A380. "Das motiviert die Mannschaft", erklärte er. Charles Champion, der bei Airbus für den Riesenflieger verantwortlich ist, erwartet positive Folgen für den Absatz: "Das Testergebnis zeigt, dass wir die Zahl der Passagiere steigern können und belegt das Potenzial der Maschine."
Proband Kieran Daly gab sich versöhnlich. "Ich würde es wieder machen", erklärte er. In diese Versuchung dürfte er aber so schnell nicht kommen. Die Vorschriften zu Evakuierungstest sagen, dass ein und dieselbe Person nicht binnen sechs Monaten an einem solchen Test teilnehmen darf.
Auf anderen Social Networks posten:
??? Habe ich da etwas falsch verstanden? "Boeing geht von einem Bedarf von 960 Maschinen im Segment über 400 Sitzplätze bis 2025 aus." (Quelle: Wikipedia) Das "Knubbelflugzeug" wird man wohl noch etwas länger [...] mehr...
Um mich auch mal wieder hier einzumischen: Commander Spock meldet sich zur Stelle. ;-) mehr...
Absehbar ist schon bald der 50. Geburtstag des Jungfernfluges der 747, namlich 2019. Dann sollte allmählich Schluß sein mit diesem unförmigen Knubbelflugzeug. mehr...
Langsam reicht es mir mit Ihren Beleidigungen. 8-) Wenn Sie das sagen, dann wird das wohl stimmen. ---Zitat--- Komisch nur, das wohl alle außer Ihnen meine Aussage problemlos verstanden haben... ---Zitatende--- Nur [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH