Wirtschaft



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02.05.2006
 

Bolivien

Verstaatlichung schockiert Ölkonzerne

Die Verstaatlichung der bolivianischen Öl- und Erdgasvorkommen verunsichert Regierungen wie Ölkonzerne weltweit. Außenminister Steinmeier kündigte an, Lateinamerika wieder stärker in den Fokus der Politik zu rücken.

Houston - Die Verunsicherung schlägt sich auch in den Statements der betroffenen Firmen nieder: "Wir analysieren die Situation. Für eine Einschätzung ist es aber noch zu früh", sagte ein Sprecher des weltgrößten Ölkonzerns ExxonMobil lediglich. ExxonMobil ist mit 34 Prozent an dem Erdgasfeld Itau in Bolivien beteiligt, das von der französischen Total entwickelt wird.

Präsident Morales verliest sein Dekret: "Für eine Einschätzung ist es zu früh"
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DPA

Präsident Morales verliest sein Dekret: "Für eine Einschätzung ist es zu früh"

Die Nachricht, die Präsident Evo Morales gestern der Öffentlichkeit präsentierte, ist offensichtlich noch nicht ganz verdaut. Die Erdöl- und Erdgasvorkommen seines Landes würden verstaatlicht, hatte der linksgerichtete Staatschef angekündigt. Die internationalen Konzerne müssten ihre Produktion an die staatliche Gesellschaft YPFB übergeben, sagte Morales auf dem im Süden des Landes gelegenen Gas- und Ölfeld San Alberto.

Neben ExxonMobil und der französischen Total sind vor allem die brasilianische Erdölgesellschaft Petrobras, die spanisch-argentinische Repsol-YPF sowie die britische BP von der Ankündigung betroffen. Die Aktienmärkte reagierten jedoch relativ gelassen auf die schlechten Nachrichten. Die Papiere von Total und Repsol lagen im frühen Handel jeweils 1,9 Prozent im Minus. Die Aktien der britischen BG Group notierten an der Londoner Börse kaum verändert.

Petrobras-Präsident José Sergio Gabrielli sprach auf die Ankündigung Morales' hin von einem "unfreundlichen Akt" und brach einen Aufenthalt im US-Staat Texas ab, um mit Präsident Luiz Inacio Lula da Silva über das Dekret zu beraten. Der einseitige Schritt zwinge sein Unternehmen dazu, seine Lage in dem Land genau zu analysieren, sagte Gabrielli. Es habe keine Hinweise darauf gegeben, dass die Maßnahme so hart ausfallen werde.

Ein Sprecher des "American Petroleum Institute", in dem die US-Ölmultis ihre Interessen bündeln, reagierte mit der Forderung nach einem Ausbau der Energieproduktion in den Vereinigten Staaten auf den Vorstoß von Morales. Die Vorgänge in Bolivien unterstrichen die Unsicherheit, die auf den weltweiten Märkten bestehe, sagte der Sprecher.

"Wir haben gerade erst angefangen"

Präsident Morales fackelt unterdessen nicht lange und ließ seinen Ankündigungen bereits Taten folgen. Vizepräsident Alvaro Garcia Linera erklärte, Truppen seien in landesweit 56 Anlagen entsendet worden. "Das Plündern durch die ausländischen Unternehmen ist beendet", erklärte der linksgerichtete Präsident Evo Morales. So übernahmen in der Raffinerie Palmasola in der Stadt Santa Cruz rund 100 bewaffnete Soldaten die Kontrolle.

Laut Morales soll die Verstaatlichung der Energieindustrie auch nur der Beginn sein. Weitere Wirtschaftsbereiche sollen unter die Kontrolle des Staates gestellt werden: "Schon bald werden die Minenunternehmen, die Forstwirtschaft und alle anderen nationalen Reichtümer, für die unsere Vorfahren gekämpft haben, an die Reihe kommen", sagte er vor Tausenden jubelnder Anhänger am Sitz der Regierung in La Paz.

Steinmeier: Lateinamerika mehr in den Mittelpunkt

Laut Total beträgt der Anteil  bolivianischen Öls weniger als ein Prozent der weltweiten Förderung. Doch die Angst davor, dass andere Länder dem Beispiel Boliviens folgen könnten, verursacht auch international Verunsicherung. Außerdem beherbergt Bolivien die zweitgrößten Gasvorkommen in Lateinamerika. Außenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte kurz vor seiner Reise nach Chile, Lateinamerika müsse wieder stärker ins Blickfeld der europäischen Wirtschaftsinteressen rücken. Auch wegen des gewachsenen Interesses Asiens und vor allem Chinas an Rohstofflieferanten-Ländern sei es wichtig, dass sich Europa um diese Staaten kümmere. Die Auswirkungen der Entwicklungen in Bolivien seien zwar noch nicht klar, erklärte Steinmeier weiter. Die Entwicklung sei aber keine günstige Ausgangsbedingung für Boliviens Wirtschaftsbeziehungen mit den Nachbarstaaten und mit Europa. "Das lässt sicher den ein oder anderen Investor vorsichtig sein, bevor er wirtschaftliche Beziehungen in Richtung Bolivien ausbaut."

Auch die spanische Regierung äußerte "tiefe Besorgnis". Die Regierung von Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero werde die Lage beobachten und mit anderen betroffenen Staaten zusammenarbeiten, um zu einer für alle Seiten zufriedenstellenden Lösung zu kommen. Selbst Boliviens Nachbarland Brasilien kritisierte, die Verstaatlichung der Öl- und Gasressourcen sei eine "unfreundliche Geste".

Mit dem Versprechen der Verstaatlichung und der Beteiligung der Armen an den Einnahmen gewann Morales am 18. Dezember vergangenen Jahres die Präsidentenwahl mit 54,2 Prozent der Stimmen. Er ist der erste bolivianische Präsident, der der indianischen Bevölkerungsmehrheit angehört. Bolivien hat nach Venezuela die zweitgrößten Erdgasvorkommen Lateinamerikas.

ase/AFP/AP/dpa

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