Wirtschaft



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08.05.2006
 

Weltraumtourismus

Raketenbasteln in der Werkhalle

Von Christoph Seidler, Ramnecu Valcea

Geld für den Patentschutz hat er nicht - deshalb spricht der Rumäne Dumitru Popescu nur ungern über seine Low-Budget-Rakete, an der er arbeitet. Sie soll Weltraumtouristen ins All befördern. Die Technologie ist so interessant, dass internationale Investoren immer öfter nach Popescu fragen.

Die Straße ins rumänische Ramnecu Valcea macht nicht unbedingt den Eindruck, als würde sie zu einem der interessantesten Köpfe in Europas kommerzieller Raumfahrt führen: Großmütter und turtelnde Pärchen sitzen auf Bänken vor den Häusern. Hühner picken im Rinnstein, Männer stehen mit den Händen in den Taschen und starren den Autos nach. Auf Tischen wird trübe schimmernder Selbstgebrannter in wiederbefüllten Softdrinkflaschen verkauft.

In einem Restaurant der Kleinstadt sitzt Dumitru Popescu. Der 29-Jährige ist Chef der Rumänischen Vereinigung für Luft- und Raumfahrt ARCA. Zusammen mit ein paar Dutzend Mitstreitern arbeitet der jungenhafte Tüftler mit den aufmerksamen Augen daran, eine Low-Budget-Rakete zu bauen, mit der Touristen ins All fliegen können.

Genau genommen geht es um sogenannte sub-orbitale Flüge an den Rand des Alls. In rund 100 Kilometer Höhe, also an die äußeren Schichten der Erdatmosphäre, wollen kommerzielle Raumfahrer wie Popescu mit ihren Raketen vordringen - um anschließend auf einer ballistischen Flugbahn wie eine Gewehrkugel wieder zur Erde zurückzustürzen. "Orizont" heißt das ARCA-Raumfahrzeug. Die zehn Meter lange Rakete soll von einem Flugzeug oder Hubschrauber aus gestartet werden. Ein Hauptantrieb, der auf dem Zerfall von hochkonzentriertem Wasserstoffperoxid beruht, soll dem Vehikel dann den nötigen Schub verleihen.

Das ist bemerkenswert, denn bisher taugte diese seit Jahrzehnten bekannte Technologie bestenfalls dazu U-Boot-Torpedos anzutreiben. Popescu und seine Kollegen wollen nun einen Katalysator gefunden haben, der die Effektivität so stark steigert, dass der Schub auch für Großraketen ausreicht. Um welche Substanz es sich handelt, will er allerdings nicht verraten. Der Grund: "Wir können uns keinen internationalen Patentschutz leisten, das wären 10.000 Euro im Jahr."

Lieber Wissenschaftler als Geschäftsmann

Bei einem Test vor gut anderthalb Jahren konnte der mysteriöse Antrieb immerhin zeigen, dass er funktioniert. Vom Cap Midia, einem Militärgelände an der rumänischen Schwarzmeerküste, schossen Popescu und seine Kollegen unter großem öffentlichen Interesse eine unbemannte Testrakete in den Himmel. Dieser "Demonstrator 2B" sicherte den Rumänen einen der vorderen Plätze beim sogenannten X-Prize, einem weltweiten Wettbewerb zur Förderung der kommerziellen Raumfahrt.

Die Siegprämie in Höhe von zehn Millionen Dollar für zwei kommerzielle Weltraumflüge innerhalb von zwei Wochen ging allerdings an das deutlich finanzstärkere Team des US-Amerikaners Burt Rutan. Dessen futuristisches Space Ship One dominierte nach dem Sieg die Schlagzeilen weltweit, während Popescu und seine Mitstreiter weiterhin in der Werkhalle in Ramnecu Valcea vor sich hinwerkeln.

Am Ziel, so sagt Dumitru Popescu, hat sich deshalb nichts geändert. Er will ein möglichst billiges und verlässliches Transportmittel für den Weltraumtourismus: "Es ist ein weiter Weg, und ein paar Jahre wird es wohl noch dauern." Für einige der konkurrierende Teams, die vor allem in den USA mit deutlich höheren Budgets arbeiten, hat er nur Spott übrig: "Die verkaufen heute schon Tickets für Weltraumtouristen, obwohl sie es noch nicht einmal geschafft haben, auch nur eine unbemannte Rakete zu starten."

Mit einem weiteren unbemannten Raketentest in diesem Herbst will ARCA zeigen, dass das rumänische Raumwunder schon in naher Zukunft Wirklichkeit werden kann. Wo der Test genau stattfinden soll, steht im Moment noch nicht fest. Schweden und die Mittelmeerregion stehen auf dem Zettel. Das Ziel ist auf jeden Fall ambitioniert: "Dieses Jahr wollen wir eine Höhe von 100 Kilometern erreichen", verspricht Popescu. Damit diese Vision tatsächlich Wirklichkeit werden kann, will er in Zukunft mit der französischen Raumfahrtagentur ONERA zusammenarbeiten. Beide Seiten haben vor wenigen Tagen eine Kooperation bekannt gegeben.

Je ausgereifter die Raketentechnik der Rumänen wird, desto attraktiver ist sie auch für ausländische Investoren. Doch auf das Big Business mit dem Weltraumtourismus hat Popescu gar keine rechte Lust, so scheint es: "Ich möchte lieber Wissenschaftler als Geschäftsmann sein. Wenn sich jemand für unsere Technologie interessiert, kann er sie gern kaufen", sagt er nur. Ein Weltraum-Reisebüro werde er selbst ganz bestimmt nicht eröffnen. Er wolle vor allem eines: die Technologie dafür weiterentwickeln.

Diese Entwicklung schließt übrigens einen Test am eigenen Leib ein, den Popescu am liebsten mit seiner 26-jährigen Ehefrau Simona machen möchte. Einen ersten Eindruck, welche praktischen Herausforderungen als Weltraumtouristen auf die beiden zukommen könnten, bekam Popescu im Oktober vergangenen Jahres. Bei einer Konferenz der X-Prize Foundation im US-Bundesstaat New Mexico durfte er das Oberteil eines echten Astronautenanzuges anprobieren. Der war dabei an der Wand befestigt, weil der schmale Raketenbastler sonst unter seinem Gewicht zusammengebrochen wäre.

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