Von Niels Boeing
Und: Jedes unbefugte Lesegerät kann die Daten abgreifen, wenn es weniger als zehn Meter an den Chip herangebracht wird. Dass die Strichcode-Strategie bislang nicht aufging, ist Datenschutzorganisationen wie dem unabhängigen Bielefelder Verein Foebud zu verdanken. Sie entlarvten nicht nur das von Metro im Versuchsmarkt "Future Store" bereitgestellte RFID-Deaktivierungsgerät als unzulänglich: Die gespeicherten Daten wurden nachweislich nicht vollständig gelöscht – ausgerechnet die weltweit einmalige Seriennummer blieb erhalten. Foebud sorgte auch dafür, dass die Technik bisher nicht übereilt eingeführt wurde.
"Wir wollen keine Abschaffung von RFID, sondern Gesetze und technische Vorkehrungen, die die Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger schützen", sagt Rena Tangens, Mitgründerin von Foebud. "RFID ist in Ordnung für Paletten in der Logistik, aber Menschen sind keine Versandpakete."
Diese Auffassung scheint der Deutsche Fußball-Bund nur begrenzt zu teilen. Dass die RFID-Chips nun auf den WM-Tickets eingesetzt werden und dort die Ausweisnummer speichern, begründet der DFB damit, dass es dann bei den Einlasskontrollen in den Stadien keine Sprachprobleme mit ausländischen Fans gebe. Eine eindeutige Identifizierung wäre aber auch mit anderen Verfahren möglich gewesen. Die eigentliche Motivation ist nach Ansicht von Rena Tangens viel schlichter: Die WM ist für Sponsor Philips – einen der führenden RFID-Hersteller – eine gute Gelegenheit, die Technologie endlich an den Datenschutzdebatten vorbei als Faktum zu etablieren.
Aber auch ohne massive Vernetzung von Sensoren ist das Erstellen von Kundenprofilen schon jetzt ein Problem, wie das so genannte Scoring im Versandhandel oder bei der Kreditvergabe zeigt. Aus einem Mix öffentlich zugänglicher statistischer und bei Adresshändlern beziehbaren Daten wird ein Wert für die Bonität des Kunden errechnet. Ein reales Beispiel: Wer bei einer Online-Bestellung über die Postleitzahl erkennbar Hamburg St. Georg – berüchtigt für seine Drogenszene – als Wohnort eingibt, bekommt als Zahlungsmodus Vorkasse angezeigt. Ein glatter Bruch des Datenschutzgesetzes: Es verbietet eine automatisierte Bewertung von Kunden.
Mit jedem Anschlag wächst die Überwachung
Von Sicherheitsorganen wird der so genannte Datenschatten schon länger angezapft. Der US-Geheimdienst NSA wertet seit Jahren den E-Mail-Verkehr aus. In den USA ist dies mit dem Patriot Act von 2001 legalisiert worden. So drastisch sind die deutschen Verhältnisse noch nicht. Aber auch hier können Ermittler mit richterlichem Bescheid seit 2005, als die Telekommunikations- Überwachungsverordnung (TKÜV) in Kraft trat, E-Mail-Konten filzen.
Die nächste Ausbaustufe in Europa ist bereits geplant: die Vorratsdatenspeicherung. Hinter diesem Wortungetüm verbirgt sich die Aufzeichnung aller wichtigen Nutzungsdaten durch Provider und Telekommunikationsunternehmen: Telefonnummern, IP-Adressen, User-IDs, Verbindungszeiten, Verbindungsadressaten und einiges mehr. Damit lässt sich detailliert festhalten, wann und wie Nutzer online waren oder telefonierten.
Für diese Daten interessiert sich nicht nur der Staat, auch Musik- und Filmindustrie frohlocken. Denn die könnten dann die IP-Adressen von Tauschbörsennutzern, die sie der Urheberrechtsverletzung verdächtigen, bequem mit den Nutzerdaten der Provider abgleichen – wenn auch nur mit richterlichem Beschluss. Der dürfte aber eine Formsache sein. Im Prinzip stünden mit der geplanten EU-Richtlinie 450 Millionen EU-Bürger unter Generalverdacht.
Auch wenn die vorhandenen Überwachungssysteme noch in vieler Hinsicht unzulänglich sind und sich Staat und Wirtschaft noch schwer damit tun, den unaufhaltsam wachsenden Datenschatten des Bürgers detailliert auszuwerten: Die Daten liegen vor und sind kaum zu reduzieren. Zwar existieren Schutzwälle, die eine Verknüpfung bislang getrennter Datenbestände verhindern. Für die deutschen Sicherheitsorgane ist dies etwa die Trennung zwischen Geheimdiensten und Polizei. Doch mit jedem Anschlag wächst die Versuchung, diese Trennung aufzuheben.
(C) 2006 "Technology Review"
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH