Wirtschaft



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26.05.2006
 

Enron-Urteil

Ära der Kavaliersdelikte ist vorbei

Von Marc Pitzke, New York

Mit klaren Schuldsprüchen endete der Prozess um den Milliardenkollaps des US-Energiekonzerns Enron. Die Ex-Firmenchefs Lay und Skilling, die nun wohl für den Rest ihres Lebens ins Gefängnis müssen, sind heute längst Relikte einer untergegangenen Zeit.

New York - Am Ende fehlte die Sympathie. Mit einem dramatischen Auftritt im Zeugenstand, bei dem er sechs Tage lang in eigener Sache aussagte, hatte Ken Lay sich noch zu retten versucht. Hatte die Geschworenen überzeugen wollen, dass er kein Täter sei, sondern nur ein Opfer im kriminellen Milliardenkollaps des US-Energiekonzerns Enron. Doch selbst in seiner wichtigsten Stunde führte sich der gestürzte Vorstandschef so auf, wie ihn alle immer kannten - rechthaberisch, unwirsch und herablassend.

Urteil: Wie die meisten US-Zeitungen titelt der "Houston Chronicle" mit den Schuldsprüchen gegen die Ex-Enron-Chefs Lay und Skilling
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REUTERS

Urteil: Wie die meisten US-Zeitungen titelt der "Houston Chronicle" mit den Schuldsprüchen gegen die Ex-Enron-Chefs Lay und Skilling

"Ich wollte ihnen so sehr glauben", sagte die Geschworene Wendy Vaughan, als alles vorbei war, über Lay und den Mitangeklagten Jeffrey Skilling, dessen Nachfolger als Enron-CEO. "Doch ich konnte es einfach nicht."

Und so gab es am Ende keine Zweifel. Schuldig in allen Anklagepunkten: Nur fünf Tage, eine verhältnismäßig kurze Zeit, brauchten die acht Frauen und vier Männer, um Lay, 64, den Gründer des Ende 2001 im Bilanzbetrug gekenterten Enrons und alten Busenfreund von US-Präsident George W. Bush, wegen Betrugs und krimineller Verschwörung wohl für den Rest seines Lebens ins Gefängnis zu schicken.

Ähnlich erging es Lays rechter Hand Skilling, 52: Die 19 Anklagepunkte, in denen er schuldig gesprochen wurde, addieren sich auf eine gesetzliche Mindeststrafe von 90 Jahren Haft. Mit anderen Worten: Die Ära, in der Wirtschaftskriminalität noch als flottes Kavalierdelikt galten, ist endgültig vorbei.

Symbole einer untergegangenen Zeit

Nur die Schuldigen scheinen das nicht begriffen zu haben. "Wir sind schockiert", sprach Lay - einst Finanzier Nummer eins der politischen Karriere Bushs - nach dem Urteil stoisch. "Ich glaube fest, dass ich unschuldig bin." Ebenso Skilling, der während des gesamten Prozesses seine Unschuld beteuert hatte. Den fragte jemand gestern Nachmittag, ob er sich jetzt zumindest selbst eingestehen könne, Straftaten begangen zu haben. "Nein", erwiderte Skilling eisig. Warum nicht? "Weil ich nichts getan habe."

Von Marc Pitzke stammt das Buch "Fünf nach Zero. Der 11. September und die Wiedergeburt New Yorks". Es ist im Herder-Verlag erschienen und kostet 8 Euro.
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Von Marc Pitzke stammt das Buch "Fünf nach Zero. Der 11. September und die Wiedergeburt New Yorks". Es ist im Herder-Verlag erschienen und kostet 8 Euro.

Bissiger Trotz bis zuletzt: So endete also nach fünf Jahren FBI-Ermittlungen und 56 Verhandlungstagen in einem Gerichtssaal in Houston dieser Jahrhundertprozess um einen der berüchtigtsten Unternehmensskandale der Welt. Die Pleite des einst siebtgrößten US-Konzerns riss nicht nur Tausende Angestellte und Investoren ins Verderben, beraubte sie ihrer Existenz und schockierte die Wall Street, die so verliebt gewesen war in den Energie-Giganten. Sie trat auch eine Prozesslawine gegen Wirtschaftskriminelle in den Chefetagen Amerikas los - und die rollt bis heute.

Doch die Zeiten haben sich geändert seit jenen Jahren der finanziellen Völlerei. Selbst Washington griff ein: Angesichts der Ausmaße des Enron-Skandals hat der Kongress die Strafen für white collar crimes, Wirtschaftsverbrechen, inzwischen spürbar verschärft. US-Firmenchefs können sich keine Ausrutscher mehr leisten und sind seither persönlich haftbar für ihre Bilanzen. Nun schließt Justitia den Kreis: Es sind eben diese Verschärfungen, denen Lay und Skilling eine praktisch lebenslange Haft verdanken - als Symbole untergegangener Exzesse.

Fataler Fehler

Eine Überraschung ist das Urteil nicht. Einen Belastungszeugen nach dem anderen fuhr die Staatsanwaltschaft gegen Lay und Skilling auf, 28 insgesamt, viele davon ehemalige Enron-Manager mit Insider-Wissen. Heraus kam eine dramatische Rekonstruktion der kriminellen Machenschaften, die Enron in den Abgrund stürzten, während die Chefs abzockten. Ken Lay, schnaubte dessen Ex-Vorstandssekretärin Paula Rieker im Zeugenstand, habe "Enron wie einen verdammten Geldautomaten benutzt".

Am Ende gewann der Prozess sogar die Aura einer Shakespeare-Tragödie. Kronzeuge der Anklage war der frühere Enron-Finanzchef Andrew Fastow, einst ein Protégé und enger Freund Lays. Fastow hatte schon 2004 gestanden, die Verluste und Schulden des Konzerns in Phantomgewinne verwandelt zu haben, unter anderem über Scheingeschäfte und fiktive Schattenfirmen. Dafür muss er eine zehnjährige Haft verbüßen - ein verringertes Strafmaß, weil er sich der Anklage gegen seinen Mentor Lay als Informant andiente.

16 Wochen lang zogen sich die Kreuzverhöre hin. Zum Höhepunkt rief die Verteidigung - in die die Angeklagten 38 Millionen Dollar an Anwaltsgebühren investiert hatten - ihre zwei Klienten in den Zeugenstand. Ein fataler Fehler: Mit ihren Dementis gruben sich Lay und Skilling das Grab. "Ich glaube nicht, dass es jemanden gab, der schockierter war über den Kollaps der Firma als ich", beharrte Letzterer.

"Gott hat Kontrolle über alles"

Der Fall ist längst nicht zu Ende. Gestern wurde auch eine außergerichtliche Einigung rechtmäßig, wonach drei in den Skandal verwickelte Großbanken 6,6 Milliarden Dollar an die ehemaligen Aktienbesitzer zahlen müssen: die Canadian Imperial Bank of Commerce, JP Morgan Chase und Citigroup. Weitere Einigungen stehen noch aus, darunter mit den Finanzhäusern Merrill Lynch und Credit Suisse.

Auch für Lay ist das Drama kaum vorbei. Das Strafmaß soll er am 11. September erfahren, bis dahin ist er gegen fünf Millionen Dollar Kaution auf freiem Fuß. In einem separaten Verfahren hat er sich des Bankenbetrugs schuldig bekannt. Und im Oktober beginnt ein Zivilverfahren der Ex-Aktionäre gegen ihn.

Egal, scheint der sich zu denken. "Wir glauben, dass Gott Kontrolle über alles hat", deklamierte Lay gestern in bebender Frömmigkeit. "Am Ende wird sich alles zum Guten richten."

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