Von Lutz Knappmann
Hamburg – Zweistellige Renditen bei einer Kapitallebensversicherung, gar 12,4 Prozent pro Jahr: Von solchen Angeboten träumen deutsche Anleger - und finden sie auf großflächigen Anzeigen im Internet. Mit markigen Worten versuchen Vermittler dort, die nicht gerade renditeverwöhnten deutschen Lebensversicherungskunden nach Großbritannien zu locken. Britische Lebensversicherungen, so die Werbung, sind auch für Anleger vom Festland "einfach clever".
Freilich ist das hehre Renditeversprechen mit einer kleinen Fußnote versehen: "Vergangenheitswerte" steht da, "keine Garantie für die Zukunft". Denn auch jenseits des Ärmelkanals gehören zweistellige Wertzuwächse bei Lebenspolicen längst der Vergangenheit an. "Über zehn Prozent Rendite, das sind Verträge aus einer anderen Zeit", sagt der Düsseldorfer Finanzberater Marcus Krüll gegenüber manager-magazin.de. "Heute kommen die britischen Policen bei seriöser Betrachtung auf sechs bis acht Prozent."
Das betont auch Frank Ehlert, beim britischen Versicherungskonzern Standard Life zuständig für das Marketing in Deutschland: "Wir fordern diese Anbieter seit Jahren auf, nicht mehr mit derart hohen Zahlen zu werben", ärgert sich Ehlert. "Bei unseren aktuellen Produkten mit Garantien erzielen wir sechs Prozent Rendite. Bei Produkten ohne Garantien sind es sieben Prozent. Beides in einer Spanne von plus/minus ein Prozentpunkt."
Deutlich weniger als die Werbung manchen Vermittlers suggeriert, aber immer noch etwas mehr als die meisten deutschen Lebensversicherungen erwirtschaften. Die durchschnittliche Gesamtverszinsung einer deutschen Police sinkt laut der Ratingagentur Assekurata im Jahr 2006 auf 4,18 Prozent nach 4,28 Prozent im Vorjahr.
Der Vergleich hinkt allerdings. Denn die britischen Angebote – obwohl mittlerweile häufig gezielt auf den eher sicherheitsorientierten deutschen Markt zugeschnitten – sind vollkommen anders aufgebaut als die klassische Lebensversicherung hiesiger Tradition.
Unterschiedliche Konstruktion
Augenfälligster Unterschied: Während deutsche Lebensversicherer maximal 35 Prozent ihrer Kundengelder in Aktien anlegen dürfen, sind den britischen Anbietern hier so gut wie keine Grenzen gesetzt. "Bei unseren sogenannten With-Profit-Policen mit Garantien liegt der Aktienanteil zwischen 50 und 60 Prozent, bei Policen ohne Garantien bei rund 80 Prozent", so Standard-Life-Experte Ehlert im Gespräch mit manager-magazin.de.
Je höher die Garantien, die ein Versicherer seinen Kunden gibt, desto größer der Anteil an festverzinslichen Anlagen – anders wäre das Risiko für das Unternehmen gar nicht tragbar. Während die deutschen Lebensversicherer schon bei Vertragsabschluss einen Rechnungszins von derzeit 2,75 Prozent garantieren müssen, sichern britische Anbieter üblicherweise nur den Kapitalerhalt zu.
"Zudem deklarieren sie jeweils ein Jahr im Voraus einen bestimmten Wertzuwachs, den sie dann in jedem Fall ausschütten müssen", erläutert Makler Krüll. In den vergangenen Jahren lag der im Schnitt zwischen 2 und 5 Prozent. Am Ende der Vertragslaufzeit kommt dann noch ein Schlussbonus hinzu, der in guten Zeiten einen erheblichen Anteil der Gesamtrendite ausmacht, in schlechten Zeiten aber auch mal gleich null sein kann.
Um die Schwankungen im Wertzuwachs gering zu halten, wenden die meisten Anbieter das so genannte "Smoothing" an, glätten also die Erträge: Fällt die Rendite in einem Jahr überdurchschnittlich gut aus, halten die Versicherer einen Teil der Erträge zurück – als Puffer für renditeschwächere Jahre.
Mit diesem Modell haben sich britische Versicherer wie Standard Life, Royal London, Clerical Medical oder Canada Life in Deutschland in den vergangenen Jahren als Nischenanbieter etabliert. Nach jüngsten Schätzungen haben rund 800.000 Deutsche mittlerweile eine Briten-Police abgeschlossen. "2005 hatten wir im Neugeschäft einen Marktanteil von rund 1,5 Prozent", so Standard-Life-Experte Ehlert. Das entsprach einem Umsatz von rund 66 Millionen Pfund. Wie die deutschen Anbieter, verzeichneten auch die Briten dabei einen starken Rückgang im Vergleich zum Ausnahmejahr 2004.
Problematischer Insolvenzschutz
Doch die meisten klassischen deutschen Lebensversicherungskunden halten sich von den Briten-Policen nach wie vor fern. Denn nicht nur steigt mit der Aktienquote auch das Risiko, das ein Anleger eingeht. Vor allem rechtlich begeben sich die deutschen Kunden in eine Grauzone: Zwar stellen die britischen Versicherer ihren deutschen Kunden Verträge über ihre deutschen Tochtergesellschaften aus. Auch ist der Gerichtsstand der Verträge in der Regel der Wohnort des Kunden.
Doch gerade beim sensiblen Thema Insolvenzschutz wird das zum Problem. Gerät ein britischer Anbieter in Schieflage, genießen die deutschen Kunden praktisch keinen Schutz. Der britische Feuerwehrfonds, das Financial Services Compensation Scheme, greift nur bei Verträgen ein, die auf der Insel ausgestellt worden sind. Dieses Kriterium erfüllt von den genannten Unternehmen derzeit allerdings nur der vergleichsweise kleine Anbieter Royal London. Und die deutsche Auffanggesellschaft Protektor, die hier zu Lande gestrauchelten Versicherern unter die Arme greifen soll, ist für Policen britischer Anbieter nicht zuständig.
Zwar urteilte der Europäische Gerichtshof unlängst, diese Lücken müssten geschlossen werden. Doch mit der Umsetzung lassen sich die Beteiligten Zeit. "Wir suchen dafür derzeit noch nach einer Lösung", räumt Ehlert ein.
Auch der vorzeitige Ausstieg aus den Policen birgt Tücken. Jeder zweite Lebensversicherungsvertrag in Deutschland wird vor Ablauf gekündigt. Für Kunden der britischen Versicherer hat das unter Umständen herbe Einbußen zur Folge. Die garantierten Wertsteigerungen und den Schlussbonus erhält in voller Höhe nur, wer bis zum Ende durchhält.
Verbraucherschützer geben sich skeptisch, ob britische Lebensversicherungen für die deutschen Kunden das richtige sind: Die Kundengelder werden üblicherweise in so genannten Unitised-with-Profit-Fonds verwaltet, also in von den Versicherern selbst verwalteten Mischfonds. "Die Kunden haben wenig Einblick, wie das Fondsmanagement dort agiert", so Michael Wortberg, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, gegenüber manager-magazin.de.
Wortberg kritisiert auch die Konstruktion der Policen. "Die gebotenen Garantien sind meiner Meinung nach nur nette Werbegags", so der Verbraucherschützer. "Ich halte nichts davon, mal so ein bisschen auf Garantie zu machen. Das kostet im Zweifel nur eine Menge Geld." Wer auf höhere Renditen aus sei, entscheide sich ohnehin bewusst für ein höheres Risiko. "Entweder richtig oder gar nicht", sagt Wortberg.
Diese Entscheidung haben die britischen Anleger inzwischen für sich getroffen – zu Gunsten höherer Renditen. "Der Trend dort geht eindeutig weg von den With-Profit-Policen, hin zu risiko- und ertragreicheren Fondsmodellen", so Ehlert. "Denn letztlich kosten alle Garantien Rendite." Nach jüngsten Angaben hat mittlerweile mehr als die Hälfte der Anbieter in Großbritannien das Neugeschäft mit With-Profit-Kapitallebensversicherungen eingestellt – weil sie auf ihrem Heimatmarkt nicht mehr nachgefragt wurden.
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