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19.06.2006
 

Reichen-Refugium Hamptons

Die Strandflucht der Wall Street

Von Marc Pitzke, New York

Die Hamptons, das traditionelle Sommerrefugium der alten New Yorker Society, werden immer mehr zum schrillen Spielplatz der Wall Street. Hedgefonds-Manager, Spekulanten und Finanziers nehmen den Ostzipfel Long Islands im Sturm. Nun wird's dort aber langsam eng.

New York - Es ist eine allwöchentliche Pilgerfahrt. Am Freitagnachmittag beginnt sie, kaum dass die Börsenglocke das Wochenende eingeläutet hat. In chauffierten Limousinen, auf schnittigen Segelyachten, mit Privat-Helikoptern und Charter-Jets für 4000 Dollar pro Trip ziehen die Fürsten der Wall Street gen Osten, ins gelobte Land am äußersten Zipfel Long Islands - in die Hamptons, das Sylt Amerikas. 

Bewohner von West Hampton Dunes: Sonne und Cocktails gegen Alzheimer
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AP

Bewohner von West Hampton Dunes: Sonne und Cocktails gegen Alzheimer

Die Dörfer Southampton, Westhampton, Bridgehampton und East Hampton, per Gulfstream IV nur eine halbe Stunde von Manhattan entfernt, sind das neue Sommerrefugium der New Yorker Society. Bisher sonnte sich hier vorwiegend die alte New Yorker Society, der Ort stand für Hollywood-Glamour. Doch der explodierende Wohlstand von Tradern, Spekulanten, Finanziers und vor allem von megareichen Hedgefond-Managern macht das Idyll immer mehr zum schrillen Spielplatz der Neureichen - zur "Wall Street East".

Die letzten Zweifel daran hat jetzt das örtliche Hochglanzmagazin "Hampton Style" behoben. In Anlehnung an die "Fortune 400", die Rangliste der 400 reichsten Amerikaner, veröffentlichte das Blatt in seiner jüngsten Nummer die "Hamptons 500", die Liste der "500 wichtigsten Menschen in den Hamptons". Eine Art saisonales Gesellschaftsregister, das sich liest wie das "Who's Who" der Wall Street.

Mogule statt Models

Da findet sich zum Beispiel der Mega-Investor und Multimilliardär Ron Perelman, mit 63 Jahren plötzlich wieder "einer der begehrtesten Junggesellen" am Strand, seit er Movie-Gattin Ellen Barkin verstieß. Perelman investierte die Gewinne seiner Holdingfirma MacAndrews & Forbes (Revlon, Hummer) in ein 20-Hektar-Anwesen namens "The Creeks" am Hausweiher East Hamptons, wo er sich jetzt mit Steven Spielberg einen Garten teilt.

Das Publikum hat sich geändert in den Hamptons, die Börsenexperte Andrew Ross Sorkin schon in "Wall-Street-by-the-sea" umtaufte. Man trifft nicht mehr nur Tom Cruise oder Gwyneth Paltrow im "Golden Pear" (Spezialität: Cheddar-Rührei im Plastiknest) bei "Babette's" (Tofu Lunch) oder auf der Veranda von "Nick & Toni's". Immer öfter lassen sich dort auch Großfinanziers wie Henry Kravis, Bruce Wasserstein und Stephen Schwarzman sehen - Namen, die dem Laien nichts sagen, Kenner der Materie aber in Ehrfurcht erstarren lassen.

Diese Money-Männer, so schreibt der "Hampton Style" voller Bewunderung, seien "renommiert für ihren Stil, ihren Esprit, ihr Talent, Kunst zu schaffen oder Geld zu drucken". Letzteres brauchen sie auch, denn allein ein Segeltörn kommt in den Hamptons nach Berechnung der Luxus-Postille auf über eine Million Dollar. Inklusive 16-Meter-Yacht (950.000 Dollar), Clubgebühr (6000 Dollar), Chronograf (22.000 Dollar), Offshore-Jacket (850 Dollar), Louis-Vuitton-Deck-Schuhen (460 Dollar), Fernglas (1270 Dollar) und Segelhandschuhen (28 Dollar).

Die Spekulanten George Soros - laut dem Branchenblatt "Institutional Investor" derzeit drittreichster Hedgefond-Manager der Welt-, Carl Icahn, Stanley Druckenmiller und Steven Mnuchin sind Hamptons-Fans. Die Wall-Street-Firma Goldman Sachs ist unter anderem mit Vize-Chairman Robert Hormats vertreten, Lehman Brothers mit Chefbankier Charlie Ayres. Tagsüber verschanzen die sich hinter hohen Heckenrosen, abends tummeln sie sich, ganz politisch-korrekt, auf "Fundraisern", den Feten zum guten Zweck: Dort gibt's wahlweise Crevetten gegen Aids, Cocktails gegen Alzheimer, Champagner für Hillary Clinton oder Crêpes für den Künstler du jour.

Auf solchen Festen mischen sich die Neureichen der Wall Street geschickt unter die anderen, meist prominenteren Mitglieder der "Hamptons 500": Richard Gere, Robert De Niro, Alec Baldwin, Candice Bergen und Sarah Jessica Parker, Supermodel Christy Turlington, Modezarin Donna Karan, Medienmagnat Edgard Bronfman, HipHop-König Sean Combs und CNN-Chefkorrespondentin Christine Amanpour.

Nicht minder interessant ist, wer auf der Liste fehlt, der im letzten Jahr noch dabei war. Etwa - ohne weiteren Grund - der Kunst sammelnde Hedgefond-Manager Daniel Loeb, der sich zu seiner 15-Millionen-Dollar-Villa in East Hampton neulich noch ein 45-Millionen-Dollar-Penthouse am Central Park gekauft hat.

Superspekulant Ira Rennert dagegen, dessen 10.000-Quadratmeter-Palast am Strand von Sagaponack den Einheimischen seit jeher ein Dorn im Auge ist, hat sich wacker auf der Liste gehalten. Dabei hätte er das 185 Millionen Dollar teure Anwesen beinahe in einem bitteren Konkursstreit verloren. Erst im April hieß es aufatmen, rechtzeitig zur Hamptons-Saison.

Trading am Strand

So groß ist der Ansturm der Wall Street auf East Hamptons Main Street, dass dort nun langsam der Platz knapp wird. "Ich habe eine Gruppe von Leuten von Goldman Sachs, die nach Häusern suchen", seufzt die Immobilienmaklerin Ann-Marie Horan von der Nobelagentur Prudential Douglas Elliman. "Doch es gibt einfach nichts Richtiges mehr."

Auch saisonale Mietverträge sind längst vergeben, oft schon seit Dezember, für sechsstellige Summen wohlgemerkt. "Mit den Rekord-Bonussen der Wall Street gehen die Häuser besonders schnell weg", sagt Makler Peter Turino in East Hampton. Am beliebtesten sind Häuser mit Wireless-Internet-Anschluss, denn das erlaubt den Mietern, so Horan, "an den Pool oder an ihren Privatstrand zu gehen und trotzdem ihre Aktien und Investments im Auge zu halten".

Dieses Bedürfnis vermarktet der Hedgefond-Trader Brian Villante aus Southampton jetzt auch als neue Geschäftsidee. Er hat das erste "Hedgefond-Hotel" der Hamptons eröffnet, in einem Häuschen fünf Minuten vom Strand entfernt, in dem man für 1000 Dollar im Monat Trading-Stationen mieten kann, samt Software und Bloomberg-Terminals.

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