Dubai ist in diesen Tagen halb ausgestorben: Sommerflaute. Die Touristen bleiben aus, abgeschreckt durch Temperaturen um die 50 Grad. Auch in den Büros aller deutschen Firmen läuft die Arbeit auf Sparflamme. Fluchtartig haben halbe Belegschaften Mitte Juni das Land verlassen. Dass WM ist, merkt man auch hier am Persischen Golf.
Wir Zurückgelassenen lauschen sehnsüchtig den Erzählungen aus Deutschland – den Geschichten über Wahnsinnsstimmung, Party-Rausch, alles bedeckende WM-Deko. Dass Fernseher mit deutschen TV-Kanälen in den Wohnungen ebenso zum Standard gehören wie Klimaanlage und Kühlschrank, hilft uns wenig - die kostenlose Fußball-Berichterstattung ist gesperrt und wird durch ein fragwürdiges Programm ersetzt.
Die lokalen Fernsehanbieter haben ihre Fußball-Pay-Pakete zu horrenden Preisen an den Mann gebracht. Dort laufen die Spiele dann mit monotonen englischen oder arabischen Kommentaren. Innerhalb der deutschen Exil-Community werden fast jeden Abend Fernsehpartys gefeiert - die Wohnungen der Pay-TV-Abonnenten sind bis tief in die Nacht dauerbesetzt. Wenn die deutsche Mannschaft spielt, drängeln sich bis zu 60 Zuschauer um einen Heimfernseher. Wer die WM empfängt, hat viele Freunde.
Die Gastronomie hat frühzeitig aufgerüstet. Leinwände und Bildschirme hängen in Restaurants, Clubs, Bars, Foyers, Cafés und Shawarma-Buden. Auch das Shopping-Paradies Al Karama witterte das große Geschäft und präsentiert nun statt Louis-Vuitton-Taschen Unmengen von Fußball-Outfits. Der Supermarkt-Riese Carrefour verkauft Produkt-Kombos mit Nationalfarben-Tüchern. In traditionell arabischen Restaurants prägen selbstgebastelte Trillerpfeifen und Tore in gigantischen Ausmaßen das Interieur, die Burger-King-Belegschaft bedient ihre Kunden nur noch in Trikots. Diejenigen mit Geld erleben die Spiele extravagant - im Hotelpool, den Drink in der Hand, mit Blick auf Skyline, Luxus und Leinwand.
Ein Geheimtipp ist es, die Spiele an öffentlich zugänglichen Orten wie Supermärkten mit Elektronik-Abteilung oder den Food-Courts der Einkaufszentren zu genießen. Dort versammeln sich Scharen indischer Gasarbeiter. Sie klatschen und jubeln bei jedem Tor, egal für welche Mannschaft. Grenzenlos ist ihre Freude bei der Vergabe einer Karte - ist es eine rote, liegen sie sich vor Glück in den Armen.
Für die hartgesottenen Deutschland-Fans gibt es nur eine Location: das Hard Rock Café. Es ist zur Hochburg des deutschen Fußballs avanciert. Wer eingelassen werden will, muss Wuchermindestverzehrpreise zahlen. Oft treffen die Fans schon gegen Mittag ein, um sich mit "Lu-lu-lu Lukas Podolski" und "Steh auf, wenn du Deutscher bist" in Trance zu grölen. Beim Ausgleichstor im Viertelfinale am vergangenen Freitag flippten fünfzehnhundert deutsche Praktikanten, Projektleiter, Salesmanager und einige ihrer internationalen Kollegen völlig aus.
Den Spaß an der runden Sache steigern die seltsamen Fan-Accessoires, die hier verkauft werden. So entdecke ich an einer Tankstelle aufwändig präsentiert eine Kollektion mit WM-Armreifen "Greece 2006". Ein weiteres Highlight ist die T-Shirt-Serie mit eigentümlicher Gelb-Rot-Schwarz-Flagge.
Auch unsere arabischen Gastgeber haben sich mit solch prachtvollen Accessoires geschmückt und fiebern eifrig mit. Deutschland ist seit Jahrzehnten ihr klarer Favorit. Nur ist es nicht immer leicht, Spaß und Religion zu vereinbaren. So wurden Auto-Corsos laut "Gulf News" verboten, um die arabischen Schüler nicht beim Lernen für ihre Abschlussprüfung zu stören. Wie gut, dass in Dubai sonst so wenig gehupt wird.
Fallen bei einem WM-Spiel auf einmal Bild und Ton aus, darf man sich nicht wundern. Die Einblendung dient dazu, dass der Muezzin mit absoluter Ruhe die Größe Allahs und die Themen der nächsten Gebetsrunde verkünden darf. Nach einer Angemessenheitsminute wird wieder das Spiel eingeblendet. Mittlerweile ist sicherlich ein Tor gefallen - mit etwas Pech das einzige.
Aber wir im Hard Rock Café halten es heute mit Gary Lineker: "Fußball ist ein Spiel bei dem 22 Mann einem Ball nachlaufen und am Ende gewinnt immer Deutschland."
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