Von Hasnain Kazim
Hamburg - Von Stellenstreichungen bei AOL will Charles Fränkl nichts wissen. Das, was durch die Medien kursiert, empfindet der Chef von AOL Deutschland als missverständliche Interpretation der Aussagen von AOL-Chef Jonathan Miller. Dieser hatte gestern in New York von Fortschritten beim Verkaufsverfahren des Internet-Zugangsgeschäfts in Großbritannien, Deutschland und Frankreich gesprochen. In diesem Zusammenhang erklärte er, es könne durchaus sein, "dass in sechs Monaten rund 5000 der weltweit 19.000 Mitarbeiter nicht mehr für unsere Organisation tätig sind". Miller sprach in diesem Zusammenhang von 3000 betroffenen Mitarbeitern in Europa.
Charles Fränkl schreibt heute in seinem Blog: "In den Medien wird dieser Satz nun als Stellenstreichung fehlinterpretiert. Zur Klärung: Jon Miller hat betont, dass zurzeit in Europa nach Partnern gesucht wird, die den Access-Bereich mit seinen etwa 3000 Mitarbeitern übernehmen könnten. Diese Aussage gilt, alles Weitere ist derzeit reine Spekulation."
Den Blog-Eintrag empfinden manche als Beruhigungspille für die rund 1500 Mitarbeiter von AOL Deutschland an den Standorten Hamburg, Duisburg und Saarbrücken. "Die Stimmung im Unternehmen ist nicht gerade gut, weil man schon seit langem weiß, dass ein Verkauf und möglicherweise Stellenstreichungen anstehen", sagt ein Branchenkenner. Viele Mitarbeiter hätten sich schon längst einen neuen Arbeitgeber gesucht oder seien derzeit auf der Suche, um bei einer möglichen Entlassungswelle nicht auf der Straße zu stehen. Manch einer spricht gar von "Fluchttendenzen".
Verweis auf anstehenden Verkauf in Frankreich
Bei AOL Deutschland verweist man dagegen auf die Situation in Frankreich: Dort soll der Verkauf des Online-Zugangsgeschäfts wohl tatsächlich ohne Stellenstreichungen vonstatten gehen. Demnach steht das Unternehmen Neuf Cetegel vor der Übernahme der Zugangssparte - für rund 300 Millionen Euro. "Es ist durchaus möglich, dass auch der Käufer unserer Access-Sparte in Deutschland die Mitarbeiter übernimmt", heißt es bei AOL in Hamburg.
Wie wahrscheinlich das ist, hängt allerdings vom Käufer ab. Und diesbezüglich ist die Lage in Deutschland unübersichtlicher als in Frankreich - und auch als in Großbritannien, wo Berichten zufolge BSkyB
, Orange
und Carphone Warehouse an der britischen AOL-Sparte interessiert sind. Dem Vernehmen nach sind noch fünf Bieter im Rennen um das Zugangsgeschäft von AOL Deutschland: neben United Internet
aus Montabaur und der Hamburger Freenet
AG die Düsseldorfer Versatel-Gruppe, die Telecom Italia
und der E-Plus-Mutterkonzern KPN
aus den Niederlanden.
Von einem Kaufpreis von bis zu 600 Millionen Euro ist die Rede - ausschließlich für das Online-Zuganggeschäft; das AOL-Portal soll nicht verkauft werden, AOL will sich künftig weltweit auf diesen Bereich konzentrieren und sich so gegen andere Internetgiganten wie Yahoo
und Google
behaupten.
AOL Deutschland lässt die Verhandlungen mit den fünf Unternehmen heute unbestätigt. "Wir stehen in intensiven Verhandlungen mit Käufern", sagte ein AOL-Sprecher gegenüber SPIEGEL ONLINE. Aus der Hamburger Zentrale heißt es aber auch: "Wir dementieren aber auch nicht die Namen der fünf Unternehmen, die jetzt in Umlauf sind." Die fünf Interessenten selbst lehnen derzeit jeden Kommentar ab.
Streit um zweiten Platz auf dem DSL-Markt
Bislang ist T-Online mit mehr als vier Millionen DSL-Kunden die Nummer eins auf dem deutschen Markt für den schnellen Online-Zugang. Nummer zwei ist, mit deutlichem Abstand, United Internet; das Unternehmen bediente Ende März 1,86 Millionen DSL-Kunden in Deutschland. Schätzungen aus der Branche zufolge liegt AOL Deutschland mit rund 1,1 Millionen Kunden für einen Konzern dieser Größe nur abgeschlagen auf Platz drei - laut Expertenmeinung Folge der zu langen Vernachlässigung des Breitbandzugangs durch AOL; der einstige Internet-Star habe die Bedeutung des Breitbandzugangs zu spät erkannt. Auf Platz vier liegt Arcor, auf Platz fünf folgt Freenet mit 700.000 Kunden. Nummer sechs ist die Telecom Italia mit rund 550.000 Kunden ihrer Tochter Hansenet.
United Internet würde mit der Übernahme der AOL-Sparte seine Position als Nummer zwei auf dem deutschen DSL-Markt stärken. Im Falle einer Übernahme durch Freenet würde United Internet dagegen auf den dritten Platz verwiesen - Freenet wäre die neue Nummer zwei. Allerdings muss das Unternehmen zuerst noch die Fusion mit dem Mutterkonzern Mobilcom
stemmen; mehrere Aktionäre haben gegen die Verschmelzung geklagt, die Landgerichte in Kiel und Hamburg wollen noch im August entscheiden. Mobilcom- und Freenet-Chef Eckhard Spoerr hat kürzlich deutlich gemacht, dass sein Konzern nur nach einer Fusion größere Zukäufe leisten könne.
Der niederländische KPN-Konzern, bislang in Deutschland vor allem auf dem Mobilfunkmarkt aktiv, sucht derweil nach einer Gelegenheit, sein Handy- mit dem Internetgeschäft zu verbinden. Für Versatel bedeutete die Übernahme der DSL-Sparte von AOL Deutschland einen Aufstieg zum bundesweiten Internetanbieter; bislang ist Versatel Netzbetreiber in 170 Städten in elf Bundesländern. Die Telecom Italia ist derzeit mit Hansenet in 60 Städten vertreten - aber nur in 16 Städten mit dem schnellen Breitbandstandard ADSL2+. Mit den mehr als eine Million AOL-Kunden wäre der italienische Telekommunikationsriese auf einen Schlag auch in Deutschland groß.
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