Wirtschaft



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22.09.2006
 

Gastarbeiter in Dubai

Morgen ein König

Von Claudia Roese, Dubai

Der Boom des Glitzer-Emirats Dubai wird durch Heerscharen von Gastarbeitern aus Indien und Pakistan ermöglicht. Sie riskieren brutale Ausbeutung, schuften 50 Stunden pro Woche und schlafen in engen Massenquartieren. Doch die Chance auf sozialen Aufstieg lockt immer neue Einwanderer an.

Dubai - Als ich ihn in seinem Büro besuchen komme, säuselt Hanif gerade hinter vorgehaltener Hand in seinen Telefonhörer. In den Sprechpausen stopft er sich eine neue Handvoll Reis mit Butterhühnchen und Gemüse in den Mund. Die Pausen bei der Arbeit sind kurz - da ist Multitasking angesagt. Die Kollegen in Hanifs Büro sind genervt. "Er telefoniert mal wieder mit seiner Frau", stöhnen sie. "Jeden Mittag das gleiche Theater."

Hanif gehört zu den indischen Gastarbeitern, die es in Dubai geschafft haben. Er ist Buchhalter in einem weltweit aktiven europäischen Logistik-Konzern. 6000 Dirham verdient er monatlich, das sind umgerechnet etwa 1300 Euro – brutto wie netto, da keine Steuern darauf fällig werden. Das reicht sogar, um auch seine Frau und die drei Kinder im etwas günstigeren Nachbaremirat Sharjah unterbringen und versorgen zu können.

Ursprünglich kommen sie aus einer Kleinstadt im indischen Bundesstaat Kerala, seit sieben Jahren leben sie in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Entscheidung zum Auswandern fällte Hanif, als in den neunziger Jahren die ersten Rückkehrer aus Dubai nach Indien zurückzogen. "Diese Familien haben ausgesorgt", sagt er. "Die sind Könige in unserem Land. Das wollte ich meiner Familie auch bieten können." In der Heimat hatte Hanif ebenfalls einen Buchhalterjob, gut bezahlt für dortige Verhältnisse. Doch in Dubai verdient er das Vierfache für die gleiche Arbeit.

So wie ihn zieht und zog es Hunderttausende von Indien, Pakistan oder von den Philippinen in das Boom-Emirat – angelockt von Geschichten und Gerüchten über enorme Verdienstmöglichkeiten und einen florierenden Arbeitsmarkt. Die meisten werden mit anspruchsloseren Aufgaben betraut als Hanif. Luxushotels, Skihallen, Shopping-Malls, vielspurige Autobahnen, Metrosysteme und Vergnügungsparks müssen nicht nur entworfen, sondern auch gebaut werden. Gäste, Touristen und Besserverdiener wollen bedient werden, ihr angewärmtes Handtuch gereicht bekommen.

Monatelang kein Gehalt

Bereits 1892 zogen die ersten Arbeiter aus Südostasien nach Dubai. Heute stammt rund die Hälfte der Einwohnerschaft aus dem Indien, Pakistan und anderen Ländern Süd- und Ostasiens. Ein Großteil von ihnen arbeitet als Bauarbeiter. Sie tragen einheitliche Arbeitsuniformen, blaue Overalls, leben überwiegend in Camps ihrer Arbeitgeber und werden mit unternehmenseigenen Bussen zum Arbeitsplatz und zurück transportiert.

Die Lebens- und Arbeitsumstände dieser Gastarbeiter gehen vielen Menschen hier sehr nahe. Sie arbeiten 50 Stunden pro Woche für etwa 400 Euro im Monat, schuften in der größten Hitze, mussten aus finanziellen Gründen ihre Familien zurücklassen. Oft genug werden sie als Menschen zweiter Klasse behandelt. Sie sind überall mit Luxus und Produkten konfrontiert, die sie sich nicht leisten können. Viele teilen sich ihr Zimmer mit bis zu sieben Kollegen. Vielfach wird monatelang kein Gehalt ausgezahlt. Es gibt keine Gewerkschaften, die für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. Versucht man es selbst, läuft man Gefahr, ersetzt zu werden. Zu groß ist der Andrang der Bewerber.

Nach Dubai dürfen die Gastarbeiter - wie alle anderen Einwanderer auch - nur dann, wenn sie dort einen Job in Aussicht haben und von ihrem Arbeitgeber quasi ins Land geholt werden. "Sponsoring" nennt sich die Einrichtung, nach der jeder Ausländer an einen Einheimischen gebunden ist. Spezialisierte Jobvermittler akquirieren in Indien und Pakistan direkt vor Ort weitere billige Arbeitskräfte.

Nicht wenige fallen Betrügern zum Opfer, die gut bezahlte Jobs versprechen, den Bewerbern als "Anmelde- und Einreisegebühr" das ganze mühsam zusammengekratzte 'Vermögen' aus der Tasche ziehen, sie dann nach Dubai verschleppen und dort ohne Ausweis oder jegliche Aufenthaltserlaubnis auf die Straße setzen. Immer wieder ist in "Gulf News" von derlei traurigen Geschichten zu lesen.

Lachen über die Luxus-Sucht der Westler

Wie so vieles, wandelt sich in Dubai aber auch die Situation der Gastarbeiter aus Ostasien. In vielen Branchen steigen die Gehälter. Hanifs Vorgänger hat noch vor wenigen Jahren in der gleichen Position nur die Hälfte verdient. Die Autoritäten versprechen, einen Rahmen für die Durchsetzung von Arbeitnehmerinteressen zu schaffen und Gesetze zum Schutz der Arbeiter zu erlassen.

Oft habe ich in Gesprächen erfahren, dass die Inder, Pakistaner, und Philippiner ihre Situation anders und positiver bewerten als wir Westeuropäer. Werden sie mit Bussen zur Arbeit transportiert, müssen sie kein Auto kaufen, keinen Führerschein machen, kein Benzin bezahlen. Tragen sie Einheitsuniformen, können sie ihre eigene Kleidung schonen, sparen sie wiederum Geld.

Sie leben getrennt von ihren Familien - aber sie sind stolz, diese in der Heimat durch ihre Geldsendungen ernähren zu können. Stattdessen lachen sie über Leute aus dem Westen, die steif und vornehm in Bars herumsitzen oder amüsieren sich über unsere Abhängigkeit von Luxusartikeln und Äußerlichkeiten. Sie sind alle freiwillig in Dubai und trotz vieler Probleme froh über die Chance.

Buchhalter Hanif findet, die Einstellung der expatriates und Touristen zu den ostasiatischen Gastarbeitern könne sich durchaus noch verbessern. Man erledige die einfachen Jobs ja gerne - aber etwas mehr Wertschätzung solle man den tüchtigen Arbeitern doch entgegenbringen.

Umso enger aber werden die Gemeinschaften unter den Gleichgestellten: In den freien Stunden formen die Bewohner der Arbeitscamps Fußballmannschaften und -ligen und veranstalten regelmäßige Spiele. Abends treffen sie sich in großen Gruppen am Strand zum Picknick – so auch Hanif und seine Familie heute Abend. Es gibt Reis mit Butterhühnchen und Gemüse.

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