Von Gabor Steingart
Es gibt derzeit in Deutschland zwei Parteien. Die eine heißt "Nicht mit mir" und stemmt sich gegen Veränderungen aller Art. Ihre Mitglieder kommen aus den Reihen von Linkspartei, Union, SPD und Grünen. Das wichtigste Erkennungsmerkmal ihrer Mitglieder sind die trotzig über dem Bauch verschränkten Hände. Oskar Lafontaine ist ihr unumstrittener Spitzenmann, ein Neinsager aus Passion.
Die andere Formation hat sich unter dem Banner "Lauft schneller, Leute" versammelt. Ihr gehören die FDP und die verbliebenen Truppenteile der anderen Parteien an. Das einzig Bemerkenswerte dieser Allparteien-Partei ist ihre ausdauernde Erfolglosigkeit. Wer sich als Antreiber vors Publikum stellt, wird abgestraft. Als Gerhard Schröder seine Agenda 2010 verlas, begann tags darauf sein politischer Abstieg.
Kaum hatte Angela Merkel sich als gestrenge Reformerin empfohlen, setzte das große Frösteln ein. Beide erfuhren einen Machtverlust, wobei die Strafe für Merkel härter ausfiel als für Schröder: Sie muss den Machtverlust im Amte erleiden, derweil der Memoirenschreiber sich auf dem heimischen Sofa räkelt.
Formal betrachtet, hat sie die Bundestagswahlen zwar für sich entschieden, doch in Wahrheit ist sie die Chefin einer Minderheitenregierung. Selbst innerhalb ihrer Koalition, die sich zu Unrecht die Große nennt, sind die Anhänger der "Nicht mit mir"-Bewegung in der Überzahl. Auch deshalb fristet die Reformerin Merkel ein so kümmerliches Dasein. Ihr Leitmotiv "Mehr Freiheit wagen" versteht eine Mehrheit im Lande als die Drohung, weniger Sicherheit zu bekommen. Ihre Aufforderung, die Deutschen sollten unerschrocken "ins Offene gehen", empfinden nicht wenige als besonders perfiden Ratschlag, da sie den geschlossenen Raum als ihr Biotop begreifen. So schieben sich die Hände vor dem Bauch weiter ineinander.
Sie wissen wenig, aber sie spüren die Globalisierung
Nun ist Volksbeschimpfung eine gleichermaßen beliebte wie müßige Beschäftigung. Es gibt in unserem Herrschaftssystem auf Dauer keine andere Macht als jene, die vom Volke ausgeht, und zuweilen wohnt dieser Macht sogar eine kollektive Klugheit inne. Es hat sich schon oft gezeigt, dass das Volk zwar kein großes Wissen besitzt, aber ein feines Gespür, auch für die politischen Notwendigkeiten. Eine Mehrheit erkannte früh, früher zumindest als die Konservativen, dass eine neue Ostpolitik schmerzhaft, aber sinnvoll sei; von unten wurde der Umweltschutz nach ganz oben auf die Tagesordnung der Politik gedrückt; Helmut Kohl blieb sechzehn Jahre lang unbeliebt, aber er blieb sechzehn Jahre lang Kanzler. Die Menschen ahnten, dass er dem Land bekömmlicher war als die Herren Scharping und Lafontaine, die als Alternative empfohlen wurden.
Sehen wir also mit ihren Augen auf die Welt. Wir blinzeln der herbstlichen Mittagssonne entgegen, hinaus auf die Straßen von Berlin-Neukölln, Hamburg-Billbrook oder Köln-Kalk. Je länger wir hinausstarren, desto deutlicher erkennen wir, dass es gesellschaftliche Verformungen gegeben haben muss. Es gab früher nicht weniger Minderbemittelte als heute, aber sie wurden am Werkstor mit Handschlag begrüßt. Selbst Bauernsöhne aus Anatolien, ungebildet und des Deutschen kaum mächtig, winkte man herein. Es gab Arbeit und Lohn satt. Das Wohlstandsversprechen stand nicht nur auf dem Wahlplakat.
Seither hat sich vieles verändert. Der Handel ist seit dem Markteintritt von China, Indien und Osteuropa weltweit frei, aber er ist nicht so friedlich, wie es die Bilder von den bunten Containerschiffen glauben machen. Wandel durch Handel hieß das Postulat der Entspannungspolitiker, das auf die allmähliche, die unmerkliche Veränderung der Ostblockstaaten im Zuge der Handelsbeziehungen setzte. Die Erkenntnis war damals richtig und ist es womöglich noch immer, nur dass sie jetzt in die umgekehrte Richtung wirkt. Die Mitglieder der "Nicht mit mir"-Partei sind heute die Verwandelten.
Der Aufstieg Asiens hat die Preise auf den für diese Menschen relevanten Weltarbeitsmärkten purzeln lassen, und sie purzeln in loser Reihenfolge hinterher. Ihre einst hochgeschätzte Arbeitskraft ist mittlerweile so wertlos wie ein Auto ohne TÜV, weshalb der Staat viel Geld für ihre Stilllegung ausgibt. In Amerika sind seit fünfundzwanzig Jahren die Löhne der Industriearbeiter nicht mehr gestiegen. In Europa wurden binnen zweier Jahrzehnte zwanzig Millionen arbeitslos. Die einen sind arm mit Arbeit, die andern sind arm ohne Arbeit, und der Streit der "Lauft schneller"-Bewegung darüber, welche dieser Armutsformen nun die bessere ist, muss den Betroffenen wie die reinste Narretei erscheinen.
Die Herren Professoren haben ihr Wissen in der Zeit vor Chinas Aufstieg erworben
Auch für die anderen, die wir bisher Mittelschicht nannten, hatte die neue Zeit vor allem Zumutungen zu bieten. Sie bekommen von allem weniger - weniger Urlaub, weniger Weihnachtsgeld, weniger Lohn, und nur die Wahrscheinlichkeit, dass ihr bisheriger Lebensstandard nicht zu halten sein wird, hat sich deutlich erhöht. Vielleicht war es ja ein Irrtum, zu glauben, auf den Weltmärkten würden nur Waren gehandelt, wie es der klassische deutsche Professor uns weismachen will. Diese Herren, die jetzt so viel von den Chancen der Globalisierung zu berichten wissen, haben allesamt in der Zeit vor Chinas Aufstieg ihre Expertise erworben. Ihre Theorien sind mittlerweile so verstaubt wie die Arbeitsplätze der ehemaligen Textilarbeiterinnen, nur dass an den Universitäten der örtliche Landeswissenschaftsminister und nicht die Globalisierung die Regie führt, weshalb die Professoren noch da sind und die Textilarbeiterinnen nicht.
Wer sich für den Kühlschrank aus China entscheidet, der akzeptiert damit auch die sozialen Bedingungen seines Zustandekommens. Wer die Pharmaprodukte aus Indien in die Hausapotheke einstellt, erteilt damit den dort üblichen Patiententests seine Absolution. Wer Spielzeug aus Taiwan ordert, signalisiert sein Einverständnis mit den dortigen Produktionsverhältnissen. Das Ergebnis jedenfalls ist beeindruckend: Die Wohn- und Kinderzimmer wurden über die Jahre gewerkschafts- und sozialstaatsfrei, befreit auch von einer Umweltschutzgesetzgebung, die diesen Namen verdient. Viele träumten links, aber lebten rechts. "Es gibt nichts Neoliberaleres als den Kunden", sagt Adolf Muschg.
Der kleine Mann ist kleiner als je zuvor
Was in den Wohnzimmern begann, pflanzte sich in den Arbeitsstätten fort. Der Rückzug von Gewerkschaftsmacht verlief spiegelbildlich zum Vormarsch der gewerkschaftsfrei produzierten Waren. Auf der Rückseite der Importbestellung fanden sich immer häufiger die Entlassungsschreiben. Der Friedhof der westlichen Industriesaurier ist mittlerweile gut gefüllt. Was würde wohl passieren, wenn sich die Konkurrenz im Inland in gleicher Ursprünglichkeit entfalten könnte wie die aus dem Ausland? Wenn die Siebentagewoche eingeführt, die Kinderarbeit erlaubt, die Löhne bis auf sechzig Euro im Monat abgesenkt werden dürften? Von der Sozialen Marktwirtschaft bliebe binnen weniger Monate nur ein Torso übrig.
Die Professoren beschwichtigen. Schon immer habe es weltweit unterschiedliche Produktionsbedingungen gegeben, das sei der Clou des internationalen Handels, den man sich bei gleichen Bedingungen ersparen könnte. Sie sagen: Was im Inland das Ordnungsamt, die Jugendschützer, den TÜV und beide Tarifparteien auf den Plan rufen würde, sei, wenn es im Ausland geschieht, nicht nur gefahrenlos, es sei regelrecht erwünscht. Das steigere den Wohlstand aller Nationen. Die "Nicht-mit-mir"-Mitglieder bezweifeln das. Sie erleben ja, wie die globale Wirtschaftswelt, in der Zeit und Entfernung zusammengeschrumpft sind, sie einem enormen Stress aussetzt. Shanghai liegt um die Ecke. Die Vergangenheit ihrer Urgroßväter, als der Sozialstaat noch nicht erfunden war, kehrt in Gestalt der Moderne zurück.
Das eben unterscheidet die Globalisierung vor und nach dem Eintreffen der neuen Angreiferstaaten ganz erheblich: Ihre Art zu arbeiten, zu lernen, zu leben war vorher hoch angesehen und wird nun in Frage gestellt. Der kleine Mann ist kleiner als je zuvor. Ulrich Beck spricht von den "strukturell Überflüssigen", die Amerikaner reden in der ihnen eigenen Direktheit vom "White trash", dem weißen Müll. Nahezu zehn Prozent der deutschen Bevölkerung beziehen mittlerweile Geld aus dem Hartz-IV-Programm.
Nun könnten die Reformer erwidern: Weil das alles so ist, müssen die Menschen schneller laufen. Die Welt von gestern ist untergegangen, bewegt euch gefälligst, seid flexibel, seid billig, lernt, was das Zeug hält. Gern erzählt der deutsche McKinsey-Chef den Witz von den zwei barfüßigen Läufern, die in der afrikanischen Steppe dem Löwen zu entkommen versuchen. Der eine hält plötzlich an und zieht sich Turnschuhe an. Der andere fragt: Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du jetzt schneller bist als der Löwe? Nein, erwidert der Turnschuhträger, aber ich bin nun schneller als du.
Das Volk und die Führung haben den Sichtkontakt verloren
Die Reformer glucksen vor Vergnügen, die anderen aber erstarren. Und Oskar Lafontaine ist der lachende Dritte. Der Löwe treibt ihm die Menschen zu. Er darf sich als Fürsprecher aller Barfüßigen fühlen, womit wir bei den Schlussfolgerungen wären. Drei sind es insgesamt.
Erstens: Es ist keine Laune des Augenblicks, auch nicht das Ergebnis schlechter Öffentlichkeitsarbeit, sondern Ausdruck handfester Interessen, dass es in Deutschland keine Legitimation für eine wirkliche Reformpolitik gibt. Das gemeine Volk und große Teile der Führung haben den Sichtkontakt verloren, weil das Wollen der Führung sich nicht mit den Erfahrungen der Mehrheit deckt. Ein Patt zwischen der "Nicht mit mir"-Bewegung und der "Lauft schneller"-Partei ist entstanden, das sich in den kommenden Jahren vermutlich auflösen wird - nicht automatisch zugunsten derer, die Veränderung wollen.
Zweitens: Um das Patt in die andere Richtung aufzulösen, ist ein Brückenschlag nötig. Was sich ändern muss, ist den Barfüßigen oft genug gesagt worden. Jetzt müsste ihnen verbindlich erklärt werden: Was bleibt? Wo ist die Demarkationslinie, an der fallende Löhne und geschrumpfte Sozialstandards zum Stehen kommen? Und: Was tun die gewählten Interessenvertreter, um diese Haltelinie zu verteidigen?
Wider den Raubkatzenkapitalismus
Drittens: Damit richtet sich das Augenmerk der Politik erstmals auf den Löwen selbst. Der Raubkatzenkapitalismus aus Fernost hat die Spielregeln zu seinen Gunsten verändert und muss nun in die Schranken verwiesen werden. An Themen, über die mit den Befehlshabern der gelenkten Marktwirtschaften zu reden wäre, herrscht kein Mangel: Vom milliardenteuren Ideenklau über systematische Umweltzerstörung bis hin zu Kinderarbeit und der offen zur Schau gestellten Unterdrückung freier Gewerkschaften reicht die Liste dessen, was wir heute akzeptieren und in dieser Bedingungslosigkeit nicht akzeptieren müssten. Es geht um nichts Geringeres als den Schutz unserer Wertewelt. Der Westen ist nicht so wehrlos, wie er sich fühlt.
In einem langen, mutmaßlich Jahrzehnte dauernden Prozess bekäme die Globalisierung jenen Ordnungsrahmen, der ihr heute fehlt. Der Liberalismus von unten, wo urwüchsige Märkte sich den passenden Staat formen, würde durch einen Liberalismus von oben ersetzt, wie er den Gründungsvätern der Sozialen Marktwirtschaft, Walter Eucken und Alfred Müller-Armack, vorschwebte. Das Neue: Die Politik würde ihre Forderungen, die ja in Wahrheit Zumutungen sind, nicht mehr allein an die eigene Bevölkerung richten. Die Reform im Inneren und das Beharren auf Bewahrung im Äußeren bilden jetzt die zwei Seiten der Medaille.
Vielleicht ließen sich die vorm Bauch verschränkten Hände so wieder lösen. Womöglich kehrt die alte Energie aufs Neue zurück, wenn die Politik die Reformnotwendigkeit auch bei sich erkennt. Das Publikum will seine Politiker endlich kämpfen sehen - gegen die Löwen und nicht gegen sich selbst. "Das Volk", wusste schon Kurt Tucholsky, "ist doof, aber gerissen."
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